Berlin - Die Staatengemeinschaft hat sich viel vorgenommen bei der jüngsten Weltklimakonferenz in Paris: Sie will den Klimawandel entschlossen bekämpfen und seine Auswirkungen möglichst gering halten. Der Anstieg der durchschnittlichen Temperaturen soll bis zum Ende des Jahrhunderts auf 1,5 bis 2 Grad Celsius begrenzt werden.

Damit dies gelingt, muss die Menschheit ihren Treibhausgas-Ausstoß radikal reduzieren. Schon 2050 sollen nur noch so viel Klimagase in die Luft geblasen werden dürfen, wie sich gleichzeitig aus der Atmosphäre ziehen lassen – etwa durch aufgeforstete Wälder oder Technologien zur Kohlendioxid-Speicherung.

Ohne neue Technologien geht es nicht

Machen die Staaten ernst mit ihren Ankündigungen, wird dies weit reichende Folgen haben für die Art, wie Menschen leben und wirtschaften: Es geht darum, sich Schritt für Schritt aus der Abhängigkeit von fossilen Energieträgern wie Kohle, Öl und Gas zu befreien. Neue Technologien müssen her, die Produktion und Verkehr sauberer machen.

Was bedeutet das Klimaabkommen von Paris für die deutsche Wirtschaft? Fest steht bereits, dass es Transformationsprozesse beschleunigen oder gar auslösen wird. In einigen Branchen lässt sich schon recht gut erkennen, wohin die Reise geht. In anderen Sektoren ist das überhaupt noch nicht klar. Ein Überblick.

ENERGIE

Der Abschied von Kohle, Gas und Öl ist eine besondere Hausforderung für diejenigen, die diese Rohstoffe aus der Erde holen und damit Geld verdienen. Dazu gehört auch Deutschland als weltgrößter Braunkohleproduzent.

Nach dem Beschluss zum Atomausstieg ist die Energiewende bereits im vollen Gange, der Ökostrom-Boom hat die Stromkonzerne ins Wanken gebracht.

Bis zur Mitte des Jahrhunderts will die Regierung den Treibhausgas-Ausstoß um bis zu 95 Prozent unter das Niveau von 1990 drücken. Das wird ohne einen Ausstieg aus der Kohleverstromung nicht möglich sein. Rund 40 Prozent der deutschen CO2-Emissionen entfallen auf die Energiewirtschaft.

Die Braunkohle schafft viele Arbeitsplätze

Das Pariser Abkommen gibt all jenen Rückenwind, die sich für einen geordneten Kohleausstieg stark machen. Dazu gehört auch Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD). Noch fehlt es ihr an öffentlicher Unterstützung von Wirtschaftsminister und SPD-Chef Sigmar Gabriel.

Angesichts des kritischen Zustands der deutschen Stromkonzerne müsste diesem aber eigentlich auch daran gelegen sein, den Kohleausstieg zu organisieren. Das könnte die Unternehmen sogar stabilisieren, denn sie erhielten Planungssicherheit. Das Thema ist sensibel: In der Braunkohle-Branche arbeiten noch knapp 21.000 Beschäftigte.

AUTOMOBIL

Deutschland ist ein Autoland. Es hat einen großen Fahrzeugbestand und eines der dichtesten Straßennetze der Welt. Hunderttausende Menschen arbeiten in der Automobilwirtschaft. Das Auto ist aber auch ein Klimakiller ersten Ranges, mehr als 40 Prozent aller verkehrsbedingten CO2-Emissionen entfallen in Deutschland auf Personenwagen.

Das Thema Spritsparen stand für die hiesigen Hersteller in der Vergangenheit eher nicht im Fokus. Sie setzten vor allem auf schwere, große Modelle. Kraftstoff ist derzeit billig. Damit entfällt erst einmal ein Anreiz, um sparsame Motoren oder alternative Antriebsarten voranzubringen.

Günstiger Strom statt billiger Sprit

Dabei sind sich viele Fachleute einig: Die Zukunft gehört dem Elektromotor. Idealerweise kommt der Strom dafür von Windrädern und Solaranlagen. In wenigen Jahren wird die Batterie-Technik so weit sein, dass ein Elektromobil mit einer Ladung 500 Kilometer fahren kann. Wenn die Stückzahlen steigen, sinken auch die Preise.

Massenhersteller wie Renault-Nissan versuchen bereits mit erheblichem Aufwand, dem Elektroantrieb zum Durchbruch zu verhelfen. Auch Volkswagen hat versprochen, als Lehre aus dem jüngsten Abgas-Skandal die Elektromobilität zu forcieren.

Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) will bis zum Ende des Jahrzehnts eine Million Elektroautos auf die deutschen Straßen bringen. Bisher sind es erst wenige Zehntausend.

CHEMIE

Deutschland gehört zu den führenden Chemie-Standorten, Branchengrößen wie BASF oder Bayer sind hier zu Hause. Der Sektor verbraucht viel Energie und klimaschädliche Rohstoffe wie etwa Erdöl, der Wettbewerbsdruck ist stark.

Die Neigung der Unternehmen, mehr für den Schutz der Atmosphäre zu tun, hält sich entsprechend in Grenzen. Das jedenfalls machte der Branchenverband VCI unmittelbar nach der Klimakonferenz von Paris deutlich: „Das Abkommen bietet keine Grundlage für Deutschland und die EU, die Ziele und Maßnahmen zum Klimaschutz noch weiter zu verschärfen“, sagte Hauptgeschäftsführer Utz Tillmann.

Chemiekonzerne sind unverzichtbar

Er sieht vor allem Länder wie China und Indien in der Pflicht, ihren CO2-Ausstoß deutlich zu senken. Die Europäische Union betreibe Klimaschutz ohne Rücksicht auf die Wettbewerbsfähigkeit, ein Trend zur Abwanderung von Unternehmen sei erkennbar.

Allerdings: Die Branche wird auch gebraucht, um den Energiewende und damit den Klimaschutz voranzubringen. Bei der Entwicklung der Elektromobilität etwa kommt der Chemie eine Schlüsselrolle zu. Sie liefert wichtige Vorprodukte für die Batteriehersteller.

STAHL

Der deutschen Stahlbranche geht es wie der Chemie: Sie braucht riesige Mengen Energie für ihre Produktion. In diesem Fall sind das insbesondere klimaschädliche Kohle sowie Strom. Die Möglichkeiten zur Optimierung sind nach Angaben von Fachleuten weitgehend ausgeschöpft. Zugleich leidet die Branche derzeit unter einem beträchtlichen Preisverfall, weil China große Mengen Stahl zu Billigpreisen auf den Markt wirft.

Die Bereitschaft der deutschen Stahlkocher, noch mehr für den Klimaschutz zu tun und beispielsweise Preissteigerungen bei CO2-Zertifikaten hinzunehmen, ist gering. Es müsse „nun darauf geachtet werden, dass der Stahlindustrie in Europa keine einseitigen Kostenbelastungen aufgebürdet werden, die im internationalen Wettbewerb nicht verkraftbar sind“, sagte am Freitag der Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, Hans Jürgen Kerkhoff.

Energie braucht Stahl

Doch auch für die Stahlbranche gilt: Ihre Produkte werden gebraucht, wenn die Wirtschaft insgesamt klima- und umweltfreundlicher werden soll. Ohne Stahl dreht sich kein Windrad – und ohne Stahl gibt es keine verbrauchsarmen Maschinen, Autos oder Züge.

LANDWIRTSCHAFT

Die Agrar-Lobby konserviert gern das Klischee vom Bauern als Gutmenschen, der sich selbstlos um Landschaft und Tiere kümmert. Tatsächlich ist die derzeit praktizierte Nahrungsmittelproduktion aber ein ernstes Problem für das Weltklima: Bei der Viehhaltung etwa entstehen große Mengen des Klimagases Methan, bei der Verwendung von Stickstoffdüngern wiederum wird im großen Stil Lachgas freigesetzt.

Durch den Transport von Lebensmitteln, häufig auch per Flugzeug rund um den Globus, entsteht viel Kohlendioxid. All diese Probleme ließen sich durch einen schonenderen Landbau, weniger Fleischkonsum und mehr regionale Produkte mindern.

Die Branche selbst mag es nur bedingt, wenn man sie an ihre Verantwortung für den Klimaschutz erinnert. „Die Landwirtschaft darf nicht zum Sündenbock der Klimaretter werden“, forderte unlängst Agrarminister Christian Schmidt (CSU).

Der Beitrag der Landwirte

Doch die Land- und Forstwirtschaft kann auch einen erheblichen Beitrag zur Bewältigung der Klimakrise leisten: Pflanzen binden Kohlendioxid. Und viele Bauern sind bereits jetzt Akteure der Energiewende, indem sie Biogas-Anlagen betreiben, Solarmodule auf die Dächer ihrer Scheunen schrauben oder Windräder auf ihren Feldern errichten.--ENDE