Gedenken an der Al-Nur-Moschee von Christchurch im März 2020. 
Foto: AFP

ChristchurchEs war der erste Tag des totalen Lockdowns in Neuseeland. Nur noch Personen wie Ärzte, Krankenschwestern, Supermarkt-Angestellte, Apotheker, Busfahrer, Müllmänner und Banker, die das Land am Laufen halten, durften sich noch außerhalb der eigenen vier Wände bewegen. Auslandsrückkehrer, die am internationalen Flughafen in Auckland landeten und nicht in der Millionenstadt leben, durften nicht mehr nach Hause weiterreisen, sondern wurden in Hotels, die in Isolationszentren umfunktioniert wurden, oder gar in überwachte Quarantäne-Einrichtungen verfrachtet. 

Es war der Tag, der das Leben der knapp fünf Millionen Menschen am anderen Ende der Welt dramatisch veränderte. Ausgangssperre für zunächst vier Wochen. Entschleunigung in Haus und Garten, auf einsamen Spaziergängen mit höchstens einer Begleitperson und zwei Metern Mindestabstand zu anderen Personen bei Zufallsbegegnungen und Einkäufen im Supermarkt.

Attentäter nutzte Prozess nicht als Plattform

Aber dieser außergewöhnliche Tag war noch keine zwölf Stunden alt, als die Polizei die Nachricht des Tages als Pressemitteilung verschickte, die mit dem durch das Coronavirus verursachten Ausnahmezustand überhaupt nichts zu tun hatte: Der Moscheen-Attentäter Brenton Tarrant, der vor fast genau einem Jahr, am 15. März 2019, während der Freitagsgebete in zwei muslimischen Glaubensstätten in Christchurch 51 Menschen erschossen hatte, bekannte sich des 51-fachen Mordes, des 40-fachen Mordversuchs und eines terroristischen Anschlags schuldig.

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Durch dieses Schuldbekenntnis des 29-jährigen Australiers, der zuvor auf „nicht schuldig“ plädiert hatte, entfällt der Prozess, der am 2. Juni beginnen sollte. Es wird nur noch zur Urteilsverkündung kommen, die am 1. Mai erfolgen soll, falls bis dahin der virus-bedingte Ausnahmezustand vorüber ist.

Premierministerin Jacinda Ardern drückte bei ihrer täglichen Pressekonferenz zur Lage der Nation ihre Erleichterung über die geradezu sensationelle Entwicklung aus. „Ich habe einen tiefen Stoßseufzer von mir gegeben“, sagte sie, „denn es war zu befürchten, dass der Attentäter die Verhandlung als Plattform zur Verbreitung seiner Ideen nutzen würde. Diese Gefahr ist nun gebannt.

Imam: „Schuldbekenntnis Schock und Erleichterung“

Das Schuldbekenntnis bewahrt auch die Familien, die Angehörige verloren haben, die Verletzten und andere Zeugen vor den Qualen eines Strafprozesses. Viele Menschen, deren Leben am 15. März zerschmettert wurde, werden erleichtert sein.“

Viele Menschen, deren Leben am 15. März zerschmettert wurde, werden erleichtert sein

Jacinda Ardern, neuseeländische Premierministerin, ist froh, dass den Angehörigen der 51 muslimischen Opfer von Christchurch die Qualen eines Strafprozesses erspart bleiben

Gamal Fouda, der Imam der Al-Nur-Moschee am Hagley Park, in der 43 Muslime starben, sagte, das Schuldbekenntnis sei „ein Schock und eine Erleichterung“ gewesen.

Nur 17 Personen, darunter sechs Journalisten und die Imame der beiden attackierten Moscheen in der Deans Avenue und im Stadtteil Linwood, waren bei dem kurzfristig angesetzten und geheimgehaltenen Termin im Bezirksgericht in Christchurch vor Richter Cameron Mander zugegen.

Angehörige wegen Corona-Ausgangssperre verhindert

Tarrant, der via Video-Link aus dem Hochsicherheitsgefängnis Paremoremo in Auckland zugeschaltet wurde, ist auf dem nach einer Sperrfrist freigegebenen Video als hagerer, kleiner und fast schmächtiger Mann mit Geheimratsecken und einem Kinnbart zu sehen. Er saß in einem weiß getünchten kahlen Raum mit grauer Tür und trug ein graues Sweatshirt.

Erst eine Stunde nach Tarrants „Ja, schuldig“-Bekenntnissen wurde die Veröffentlichung erlaubt, damit Überlebende des Terrorakts und die Familien der Toten vorher benachrichtigt werden konnten. Der Richter bedauerte, dass diese Menschen aufgrund der Ausgangssperre den Termin nicht wahrnehmen konnten. Gleichzeitig stellte er klar, dass die Urteilsverkündung erst erfolgen werde, wenn alle, die diesen Termin wahrnehmen wollen, auch diese Möglichkeit bekommen – also nach dem Ende der Covid-19-Restriktionen. Bis Donnerstag wurden in Neuseeland 278 Fälle von Infektionen mit dem Corona-Virus bestätigt.