Berlin - Die Mutter hat einen Impftermin. Am Donnerstag. Endlich! Sie hat sich gefreut wie der sprichwörtliche Schneekönig. Auch aufs eigene Gesicht zaubert es gleich ein Lächeln, wenn man jemanden mit solcher Freude in der Stimme sprechen hört.

Die Mutter ist 78 Jahre alt. Bisher war das nicht alt genug. Zu jung zum Impfen jedenfalls. Entsprach nicht Paragraf 2 der „Verordnung zum Anspruch auf Schutzimpfung gegen das Coronavirus SARS-CoV-2“. Für die höchste Priorität muss man 80 Jahre alt oder älter sein in Deutschland. Das weiß mittlerweile jedes Kind.

Leider wissen alle Kinder und Enkelkinder auch, was es heißt, wenn man die Mutter oder Großmutter nicht mehr treffen darf, weil man Angst hat, sie mit einem Virus anzustecken, sodass sie schwer krank wird oder sogar stirbt. Die Wahrscheinlichkeit ist 600-mal höher als bei einer 40-Jährigen. Allein die Vorstellung, den Tod der Mutter, Oma, des Vaters, Großvaters, Lebensgefährten zu verschulden, macht uns Angst. Und manches kann man nicht mal vermeiden. Die Teenagertochter fürchtet zum Beispiel, das Virus aus der Schule mit nach Hause zu bringen und damit ihren Vater umzubringen.

Seit mehr als einem Jahr kreisen unsere Gedanken um solche Ansteckungen. Wir haben die Alten und Vorbelasteten in dieser Zeit trotzdem getroffen. Selten zwar und immer mit schlechtem Gewissen. Immer dann, wenn die Infektionszahlen niedrig waren. Zuletzt im März. Da waren die Zahlen hoch, aber es gab plötzlich Tests. Angeblich jedenfalls. Tatsächlich war es außerordentlich schwierig, an diese Tests zu kommen. Wir haben sie einzeln erstanden. Einer nach dem anderen ist zur Apotheke gegangen und hat jeweils einen Test gekauft. Mehr bekam man einfach nicht. Wie ein Schwindler kam man sich vor beim Abgrasen der Apotheken der Umgebung. Schlechtes Gewissen auch hier. Herzklopfen beim Testkauf.

Ab jetzt wird es besser, hoffentlich. Schon die Aussicht darauf fühlt sich unglaublich gut an. Ein bisschen Erleuchtung nach Ostern. Tatsächlich gibt es gerade in vielen verschiedenen Ecken des Familien- und Freundeskreises Hoffnungszeichen. Da sind die bereits geimpften über 80-jährigen Verwandten. Der Polizistenfreund ist doppelt immunisiert. Die Freundin der Tochter im freiwilligen sozialen Jahr in der Kita ebenfalls. Der befreundete Helfer im Impfzentrum hatte zwei Tage lang Impfkater, lag fest im Bett, aber nun lacht er wieder. Der eigene Ehemann hat einen Impftermin, auch in dieser Woche, weil er Diabetiker ist.

Impfungen wirken wie Stimmungsaufheller

Die Impfungen im privaten Biotop wirken auf uns Ungeimpfte wie kleine Stimmungsaufheller. Sie geben uns einen Hoffnungsschimmer und darüber hinaus entlasten sie uns ja auch wirklich von handfesten Ängsten.

Hoffnung haben wir bitter nötig. Denn die Belastung ist gerade parallel zur dritten Welle auf einem neuen Höhepunkt angekommen. Befragungen der Universität Erfurt zufolge empfindet mehr als die Hälfte der Bevölkerung die persönliche Lebenssituation als belastend. Das ist ein Höchststand übers ganze Pandemiejahr betrachtet. Nur Anfang Februar fühlten sich die Menschen noch schlechter. Jüngere Befragte fühlen sich einsam, ängstlich, nervös, angespannt, niedergeschlagen. Ältere blicken wenig hoffnungsfroh in die Zukunft. Alle Altersgruppen zeigen körperliche Reaktionen, sie schwitzen und haben Atemnot.

Fragt man bei der eigenen Hausärztin nach, bestätigt sie das Bild der Erhebung. Kinder kommen viel öfter als normalerweise mit Bauchschmerzen in ihre Praxis, sagt sie. Bei den Erwachsenen sind es Tinnitus-Symptome, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit und erhöhter Blutdruck. Krankenkassen listen Lockdown-bedingte Probleme auf, die Hans-Böckler-Stiftung sieht Arbeitnehmer und Familien als stark oder äußerst belastet an. Psychologen warnen vor langfristigen Folgen auch für die Wirtschaft.

Was tut es da doch gut, von den frohen Zukunftsplänen der Impflinge zu hören. Der Ehemann will wandern gehen. Quer durch Spanien. Sofort beißt man sich auf die Zunge. Hat schon wieder eine Warnung parat: Lockdown, dritte Welle, Reisebeschränkungen. Aber es ist viel besser, das alles nicht auszusprechen. Soll er sich doch freuen. Einfach mitfreuen. Auch darüber, dass die alte Mutter und Großmutter zu Besuch kommen will, wenn sie immunisiert ist. Dass die Teenagertochter wieder zaghaft an die große, weite Welt zu denken beginnt, die ihr doch angeblich zu Füßen liegt. Kroatien macht auf für Geimpfte, sagt der Polizistenfreund. Es tut so gut, das zu hören. Er soll ruhig mehr davon erzählen.