Ermordeter Dissident Jamal Khashoggi: Wir haben seine Verlobte getroffen

Hatice Cengiz wurde quasi über Nacht zur Streiterin für Menschenrechte und das Erbe ihres Mannes. Im politischen Berlin wirbt sie um Unterstützung. 

Hatice Cengiz kämpft für das Vermächtnis ihres ermordeten Verlobten Jamal Khashoggi.
Hatice Cengiz kämpft für das Vermächtnis ihres ermordeten Verlobten Jamal Khashoggi.DCM_HanWay Films

Hatice Cengiz hat schon drei Gespräche im Bundestag hinter sich, als sie am Donnerstagmittag in dem kleinen syrischen Restaurant in der Potsdamer Straße eintrifft. Hier hat die Helmut-Schmidt-Stiftung gemeinsam mit der Zeit-Stiftung zu einem informellen Mittagessen im kleinen Rahmen eingeladen. Obwohl sie Hunger hat, lässt sich die 40-Jährige genau erklären, wer ihr da im kleinen Kreis gegenübersitzt, bevor sie anfängt zu essen. Sie will wissen, mit wem sie es zu tun hat. An Smalltalk ist sie nicht interessiert. Hatice Cengiz hat eine Mission und dafür sucht sie Mitstreiter.

Hatice Cengiz will Gerechtigkeit für den saudi-arabischen Journalisten Jamal Khashoggi, ihren Verlobten, der vor vier Jahren im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul ermordet wurde. Khashoggi hatte dort Dokumente für seine geplante Hochzeit mit Hatice Cengiz besorgen wollen. „Wir fuhren an diesem Tag voller Hoffnung hin, dass alles reibungslos ablaufen würde“, so wird sie es am Abend in ihrer Rede bei den Helmut-Schmidt-Lectures erzählen.

Doch es verläuft nicht reibungslos. Hatice Cengiz wartet am 2. Oktober 2018 vor dem Konsulat vergeblich auf ihren Verlobten – bis zum späten Abend. Inzwischen haben dort Journalisten ihre Kameras aufgebaut. Khashoggi ist ein bekannter saudi-arabischer Dissident, der Verdacht, dass das saudische Regime ihn verhaftet haben könnte, erwacht schnell. Doch in den nächsten Tagen muss seine Hatice Cengi erkennen, dass alles noch schlimmer ist. Sie wird Jamal nie wiedersehen. Und aus der Verlobten wird eine Streiterin für Menschenrechte, die dafür kämpft, dass die Mörder und ihre Auftraggeber vor Gericht gestellt werden.

„Ich will, dass es vorangeht“, sagt sie beim Mittagessen in Berlin. Doch was die juristische Aufarbeitung des Falles betrifft, gibt es eher Rückschritte. In Saudi-Arabien waren zwar bereits vor zwei Jahren mehrere mutmaßliche Mörder zu Haftstrafen verurteilt worden – internationale Beobachter werteten das jedoch als Schauprozess. Amerikanische und türkische Geheimdienste hatten längst ermittelt, dass Khashoggi in Istanbul von einem Spezialkommando aus Riad getötet wurde. Die Agenten sollen auf Befehl des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman gehandelt haben. Die saudische Regierung hatte den Mord nach internationalem Druck eingeräumt, bestreitet aber die Verantwortung des Kronprinzen.

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Benjamin Pritzkuleit
Helmut Schmidt Lectures
"Die Stimme erheben", das ist das Motto, der Helmut Schmidt Lecture 2022. Mit diesem Format lädt die Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung jedes Jahr eine herausragende Persönlichkeit des öffentlichen Lebens als „Vordenker*in von heute“ ein, um über ein Thema zu sprechen. Die Reihe startete im vergangenen Jahr mit einer Rede der belarussischen Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja.

Dieser war einige Jahre politisch gemieden worde, doch nun reisen auch westliche Staats- und Regierungschefs wieder zu ihm. Die Energiekrise, die durch den Ukraine-Krieg ausgelöst wurde, spielt ihm dabei in die Hände. Der französische Präsident und der deutsche Bundeskanzler schüttelten ihm die Hand, US-Präsident Joe Biden beließ es bei der Ghettofaust, doch die Tendenz ist eindeuti - bin Salmans politische Quarantäne ist vorüber.

Es mache sie traurig, wenn sie diese Szenen sehe, sagt Hatice Cengiz. Im Frühjahr hat die türkische Regierung den Prozess, den man gegen die mutmaßlichen Mörder in Abwesenheit eröffnet hatte, an Saudi-Arabien abgegeben. Auch Regierungschef Erdogan war nach Saudi-Arabien gereist und hatte wieder Freundschaftsbekundungen ausgetauscht. „Wir hatten sieben Anhörungen vor Gericht“, sagte Hatice Cengiz am Donnerstag. „Bei den letzten vier wussten wir schon, dass es nicht gut läuft.“

Sie will nun versuchen, das Andenken ihres Verlobten und die Erinnerung an ihn auf andere Weise am Leben zu erhalten, durch einen Preis für Pressefreiheit vielleicht oder mit der Gründung einer Stiftung. Der Schritt in die Öffentlichkeit als Erbin des Vermächtnisses von Jamal Khashoggi ist ihr nicht leichtgefallen, erzählt sie am Abend. „Es war beängstigend, es war erschreckend.“

Um ihre eigene Sicherheit fürchtet sie nicht, erzählt sie beim Essen. Sie glaubt nicht, dass ihr das saudische Regime nach dem Leben trachtet. Am Nebentisch bekommen die Beamte vom Landeskriminalamt gerade ihr Essen serviert, die sie unauffällig ins Lokal begleitet haben.

„Mein tiefes Gefühl sagt mir, dass ich weiterkämpfen und meine Stimme erheben muss“, sagt sie wenig später. Die Stimme ist jetzt wieder fest. Im Saal erheben sich die Menschen und applaudieren.