Die Frau, die Donald Trump zu Fall bringen könnte, hat nur einen ganz kurzen Auftritt. Es ist elf Uhr am Donnerstagmorgen, der Wind weht kräftig über den Vorplatz der Messe unter dem Funkturm. Am Ende der Treppe vor dem Eingang zur Venus, der Berliner Erotikmesse, die jedes Jahr im Oktober stattfindet, drängen sich die Fotografen hinter der Absperrung.

Oben ist gerade Micaela Schäfer aus einem rosafarbenen Pappkarton gestiegen, um dann auf Absätzen in schwindelerregender Höhe hin und her zu stolzieren und ihren Körper zu zeigen, der nur aus Muskeln und Silikon zu bestehen scheint; dabei hat sie Playback zu der Melodie von „Barbie Girl“ gesungen: „Life is plastic, it’s fantastic.“ Am Rand wackelt dazu der deutsche Pornostar Conny Dachs mit dem Po.

Und während man sich noch fragt, ob das alles ernst gemeint sein kann im Jahr 2018, nach einem Jahr #MeToo, kommt schon Stormy Daniels. Im hochgeschlossenen Minikleid und mit wehendem blonden Haar schreitet sie zum roten Band, zückt die Schere, schnipp, Venus eröffnet. Dann ist sie wieder weg. Nur um ein paar Sekunden später noch einmal zurückzukommen, Pose links, Pose rechts. Das war’s.

130.000 für ihr Schweigen 

Man hätte sich gewünscht, dass jemand Stormy Daniels ein Mikrofon gereicht hätte. Dass zumindest Conny Dachs kurz nach vorne gedurft hätte, um ihr eine Frage zu stellen. Zum Beispiel: „Frau Daniels, hätten Sie sich je träumen lassen, dass Sie, eine Pornodarstellerin, mal zur Hoffnungsträgerin des liberalen Amerikas werden würden?“ Oder diese: „Glauben Sie, dass einmal in den Geschichtsbüchern stehen wird, dass Sie es waren, die die amerikanische Demokratie gerettet haben?“ Aber Stormy Daniels bleibt an diesem Vormittag in Berlin stumm. Dabei hat sie so viel zu erzählen. Und das Uninteressanteste davon ist noch, wie groß Donald Trumps Penis ist.

Zum Glück kann man das jetzt alles nachlesen. Stormy Daniels, 39, hat ein Buch geschrieben. Es klettert gerade die Bestsellerliste der New York Times hinauf. Es ist ihre Autobiografie und trägt den Titel „Full Disclosure“. Der deutsche Verlag hat daraus „In aller Offenheit“ gemacht, wodurch das schöne Wortspiel verloren geht – lange durfte Stormy Daniels nämlich nicht sprechen, weil sie eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnet hatte, ein „Non-Disclosure Agreement“. 130.000 Dollar hatte sie für ihr Schweigen von Trumps damaligen Anwalt Michael Cohen erhalten, nur ein paar Tage vor der Wahl im November 2016.

Dann enthüllte das Wall Street Journal Anfang des Jahres die Zahlung. Und plötzlich ging es nicht mehr nur um einen Pornostar, der vor über zehn Jahren Sex mit Donald Trump hatte, es ging um einen Wahlkampfskandal. Cohen hatte das Schweigegeld aus eigener Tasche bezahlt und es nicht als Spende deklariert, obwohl es in direktem Zusammenhang mit der bevorstehenden Wahl stand. Das war illegal. Und mittlerweile ist es Trump, dem eine Verurteilung wegen Verleumdung droht. Stormy Daniels hat Klage eingereicht.

Kindheit zwischen Ratten und unbezahlten Rechnungen

Jetzt also, kurz bevor in den USA die Zwischenwahlen anstehen, „Full Disclosure“. Eine Frau gegen Trump, so der deutsche Untertitel. Man kann das Buch bis zur Seite 136 vorblättern und gleich alles über Stormy Daniels Version von jener Nacht am Lake Tahoe im Jahr 2006 lesen. Man verpasst dann aber, was zuvor in ihrem Leben geschah, das ein sehr amerikanisches Leben ist, eine nicht ganz jugendfreie Version des amerikanischen Traums. Und die Erkenntnis, dass Stormy Daniels sehr viel mit Donald Trump gemeinsam hat: einen unerschütterlichen Glauben an den Kapitalismus, einen unaufhaltsamen Geschäftssinn und einen unbeugsamen Willen zum Erfolg. Sie ist also eine würdige Gegnerin. Aber von vorne.

Stormy Daniels wuchs als Stephanie Ann Clifford in Baton Rouge, der Hauptstadt des Bundesstaates Louisiana, auf. Der Vater macht sich früh aus dem Staub, in dem Arbeiterviertel, in dem Stormy Daniels mit ihrer Mutter lebt, bricht Mitte der 80er-Jahre die Crack-Epidemie aus, die Mutter versinkt in einem Loch aus Depressionen und Alkohol, und Stormy Daniels verbringt ihre Kindheit zwischen Ratten, Kakerlaken und unbezahlten Rechnungen.

Mit neun wird sie von einem Nachbarn vergewaltigt und dann über zwei Jahre lang sexuell missbraucht. Als sie sich einer Lehrerin anvertraut, nennt die sie eine Lügnerin. Es ist dieselbe alte, mittlerweile viel zu oft erzählte Geschichte, in der sich Männer alles nehmen und Frauen nicht geglaubt wird. Nur dass Stormy Daniels sich früh dafür entscheidet, kein Opfer zu sein.

Turnierreiterin, Stripperin, Regisseurin

Dass sie es geschafft hat, aus dieser Hölle zu entkommen und nicht als alleinerziehende Mutter von sechs Kindern in einem Trailerpark zu enden, verdankt sie allein sich selbst. Sie ist ein schlaues Kind, das in der Schule nur Einsen schreibt und davon träumt, Schriftstellerin zu werden. Und sie hat einen starken Willen. Weil sie Pferde liebt, jobbt sie, um ihre Reitstunden bezahlen zu können. Als ihr Stiefvater ihr in einem volltrunkenen Moment 500 Dollar schenkt, kauft sie sich davon ein verwahrlostes Pferd, das niemand haben will, und pflegt es so lange, bis sie mit ihm Preise gewinnt. Daniels wird auch eine erfolgreiche Turnierreiterin.

Zunächst aber wird sie Stripperin. Das erste Mal zieht sie sich in einer Bar namens Cinnamon aus, es fällt ihr nicht schwer, sie liebt es zu tanzen. Sie steht jede Nacht auf der Bühne, um Geld für ihr Pferd zu sparen. Mit 19 lässt sie sich die Brüste vergrößern, von 80 C auf 80 G, bekommt sofort mehr Trinkgeld und die Titelseite eines Männermagazins.

Sie färbt sich die Haare blond, weil sie sieht, dass ihre blonden Kolleginnen gefragter sind als sie mit ihrem braunen Haar. Mit 21 dreht sie ihren ersten Pornofilm, eine große Produktionsfirma nimmt sie unter Vertrag, zahlt ihr ein Gehalt von 10 000 Dollar im Monat, vermarktet sie. Sie schreibt Drehbücher. Als sie 22 ist, führt sie zum ersten Mal Regie.

Mit Trump im Hotelzimmer

Es ist Daniels wichtig, das alles zu erzählen, weil sie zeigen will, dass sie bereits erfolgreich war, als sie Donald Trump am Rande eines Golfturniers, wo sie ihre Pornofilme vermarkten sollte, traf. Für ihre Filme wurde sie mehrfach ausgezeichnet, sie war ein Star in der Branche und als Filmemacherin anerkannt. Warum sollte eine wie sie es nötig haben, mit einem wie ihm ins Bett zu gehen? Einem Mann, der doppelt so alt war wie sie und damals schon eine zweifelhafte Frisur und Gesichtsfarbe hatte?

Trump, so erzählt es Stormy Daniels, habe sie interessant gefunden und zum Essen in sein Hotelzimmer eingeladen, um mit ihr darüber zu sprechen, ob sie nicht in seiner Show „The Apprentice“ mitmachen könnte. Er empfing sie im schwarzen Seidenpyjama. Woraufhin Stormy Daniels ihn empört angeschrien haben will, er solle sich gefälligst etwas anziehen. Drei Stunden lang unterhalten sie sich, wobei Trump sehr viel über sich redet, ihr Bilder von seinem gerade geborenen Sohn Barron zeigt und sagt, Stormy Daniels erinnere ihn an seine Tochter.

Bis zu diesem Punkt scheint aus diesem mittlerweile bekannten Setting doch keine #MeToo-Geschichte zu werden, allein schon, weil Stormy Daniels Donald Trump irgendwann den Hintern mit der Ausgabe des Forbes-Magazins versohlt, deren Titelblatt er ziert.

Doch dann geht sie auf die Toilette, und als sie wieder zurückkommt, sitzt The Donald in Unterhosen und Tennissocken vor ihr auf dem Bett. „Ugh, here we go“, habe sie in diesem Moment nur gedacht.

Es geht darum, wer sprechen darf und wer schweigt 

Über den Sex mit Trump hat Stormy Daniels schon vor dem Buch gesagt, dass er völlig unbeeindruckend war, aber alles einvernehmlich geschah, wenn auch nicht gewollt. Sie habe es als eine Art Strafe für ihre eigene Dummheit gesehen, sich in diese Situation begeben zu haben. Das erzählte sie in der Sendung „60 Minutes“, in der sie schließlich im März ihr Schweigen brach.

Es ist einer der Momente in ihrer Geschichte, an dem man hofft, dass all die Enthüllungen unter dem #MeToo-Slogan zumindest dazu führen, dass irgendwann keine Frau jemals mehr Sex mit einem Mann hat, weil sie glaubt, es nicht anders verdient zu haben. Doch am Ende geht es wie bei den meisten #MeToo-Geschichten nicht um den Sex, nicht darum, ob Donald Trump sich im Intimbereich rasiert oder nicht, es geht darum, wer sprechen darf und wer schweigt, es geht um Macht.

Jetzt darf sie reden 

Fünf Jahre nach jener Nacht, so erzählt es Stormy Daniels, sei sie von einem Mann auf einem Parkplatz bedroht wurde, sie habe gerade ihre wenige Monate alte Tochter aus dem Auto holen wollen, als der Mann plötzlich neben ihr stand und sagte: Sie solle Trump in Ruhe lassen, sonst würde ihr etwas zustoßen. 2011 hatte Trump schon mal mit dem Gedanken gespielt, als Präsident zu kandidieren.

Und wer jetzt findet, dass das alles nach einem schlechten Thriller klingt, hat recht. Nur dass diese ganze Präsidentschaft ein einziger schlechter Thriller zu sein scheint. Stormy Daniels ist nicht die Einzige, die von Trumps Leuten verunglimpft, beschimpft, gemobbt und bedroht wurde. Dass sie in ihrem Buch jetzt offen über alles redet, ist auch die Ermächtigung einer Frau, die nur rein äußerlich dem Blondinen-Klischee entspricht. Einer Frau, die 15 Jahre im Pornobusiness gearbeitet hat und die sich nicht einschüchtern lässt, wenn sie das Gefühl hat, dass man ihr Unrecht tut.

Stormy Daniels’ Anwalt ist Michael Avenatti, der gerade auch die Frauen vertrat, die Vorwürfe gegen den zum Supreme Court berufenen Richter Brett Kavanaugh erhoben. Avenatti zog mit Stormy Daniels vors Zivilgericht in Los Angeles, das das Schweigeabkommen für nichtig erklärte, weil Trump es nie unterschrieben hatte. Jetzt darf sie also reden. Man hätte den Organisatoren der Venus in Berlin gewünscht, dass sie die Chance genutzt hätten, Stormy Daniels eine Bühne und nicht nur einen Laufsteg zu geben.

Sex im 21. Jahrhundert

Die Venus hatte sie im Sommer eingeladen, „weil sie der derzeit bekannteste Erotikstar der Welt sei“, wie der Sprecher der Venus der Berliner Zeitung sagte. Und war dann ganz überrascht, als sie wirklich kommen wollte. Jetzt durfte sie also ein Band durchschneiden und am Donnerstagabend bei der Verleihung des Pornofilmpreises der Messe als Stargast über den Roten Teppich laufen. Am Freitag wird sie Autogramme geben. Das war’s.

Das passt zu einer Messe, die neben Sexspielzeug und Sexshows den Besuchern, von denen sehr viele Männer mit wenig Haaren und großen Kameras um den Hals sind, ein Penis-Rodeo als Attraktion anbietet. Zwischen den Ständen mit DVDs und Enthaarungsmitteln scheint die Zeit vor ein paar Jahren stehengeblieben. Statt den Besuch von Stormy Daniels zum Anlass zu nehmen, über Sex und Männer und Frauen im 21. Jahrhundert nachzudenken, kümmert sich die Venus lieber weiter um den Kommerz mit Sexpuppen und Vagina-Attrappen.

Bevor ihre Geschichte enthüllt wurde, waren die typischen Stormy-Daniels-Fans weiße Männer zwischen 50 und 65, viele von ihnen Republikaner. Jetzt kommen Frauen zu ihren Shows, mit denen sie noch immer durch die USA tourt, die sie umarmen und sagen: „Du kannst die Welt retten.“ Vielleicht ist das ein bisschen viel verlangt von einer Frau, die selbst eigentlich nie über jene Nacht am Lake Tahoe reden wollte, weil sie sie lieber vergessen hätte, bis sie es für nötig hielt, ihre Version zu erzählen. Dass sie damit jetzt gut Geld verdient, will sie sich nicht vorwerfen lassen. „Wenn jemand dir auf einmal das Vierfache dafür gibt, was du sowieso schon gemacht hast, wer würde da Nein sagen?“, sagte sie dem Magazin Rolling Stone.

Dass ausgerechnet ein Pornostar einmal dem amerikanischen Präsidenten Lektionen in Sachen Ehrlichkeit erteilen würde, wer hätte das gedacht.