Freiwillige kämpfen auf Mauritius gegen die Ölkatastrophe.
Foto: Beekash Roopun /L'Express Maurice/AFP

Port Louis/MahébourgMauritius, der Inselstaat im Indischen Ozean, ist für seine malerischen Strände bekannt. Die Küstengebiete sind das größte Pfund des ostafrikanischen Landes – nicht nur wegen des Fischfangs, sondern auch wegen der Schönheit der Korallenriffe, die viele Taucher und Touristen anlocken. Rund 129.000 Deutsche bereisten 2019 den Inselstaat, insgesamt zählte Mauritius rund 1,4 Millionen Ankünfte internationaler Touristen. Doch dann kam die Corona-Pandemie. 

Mauritius hat eine hohe Bevölkerungsdichte und leitete schnell strenge Vorkehrungen gegen die Pandemie ein. Schon ab Januar wurde am Flughafen Fieber gemessen, im März wurden die ersten Fälle auf der Insel bestätigt, ausländische Touristen durften das Land nun zunächst nicht mehr betreten. Erst Mitte Juni wurden die Strände wieder geöffnet, doch noch immer hat das Land alle Einreisen untersagt und der Flughafen ist für den regulären Reiseverkehr geschlossen.

Ein Betroffener vor Ort ist Mukesh Buldewa. Der 45-Jährige musste all seine Tauchzentren auf Mauritius vorübergehend schließen. Als nach Monaten die Corona-Maßnahmen endlich gelockert wurden und das Tauchen wieder möglich war, kam die nächste Katastrophe. Anstatt mit Kunden in grünblauen Gewässern tauchen zu gehen, steht Mukesh Buldewa nun knietief im Öl und hilft mit, eine Umweltkatastrophe im Paradies abzumildern. Wann er dort wieder mit Gästen tauchen kann, weiß er nicht.

Das havarierte Frachtschiff „Wakashio“ verlor vor Mauritius über 1000 Tonnen Treibstoff.
Foto: Gwendoline Defente, EMAE via AP

Ein 300 Meter langer japanischer Frachter ging vor drei Wochen vor der Südostküste von Mauritius auf Grund. Tagelang wurde er von den Wellen des tosenden Meeres gepeitscht – bis einer seiner Tanks riss. Mehr als 1000 Tonnen Treibstoff flossen in die Lagune vor Pointe d’Esny. Während Einsatzkräfte und Tausende freiwillige Helfer in einem Wettlauf gegen die Zeit versuchen, das Öl zu entfernen, spricht die Regierung schon jetzt vom schlimmsten ökologischen Desaster, das Mauritius je erlebt habe.

Inzwischen ist der havarierte Frachter in zwei Teile zerbrochen. Wie der japanische Betreiber des Schiffs, Mitsui OSK Lines, am Sonntag mitteilte, strömte dabei erneut Öl ins Meer. Nun soll der vordere Teil des Schiffs langsam abgeschleppt werden, sagte Alain Donat vom Schifffahrtsministerium laut dem Nachrichtenportal lemauricien. Der Plan sei, ihn mindestens 1000 Kilometer entfernt von der Küste zu versenken. Der hintere Teil soll zunächst auf dem Riff bleiben.

Bereits am Freitag waren Ölreste, die nicht abgepumpt werden konnten, aus dem Schiff ausgetreten. In einem Rennen gegen die Zeit flogen dann seit dem frühen Sonnabend Helikopter zwischen dem Frachter und der Küste hin und her, um weiteres Öl vom Schiff zu bringen. Am Nachmittag sollen sich noch 90 Tonnen Öl an Bord befunden haben. Schiffe der Küstenwache hielten sich bereit, um beim Auseinanderbrechen der „Wakashio“ auslaufendes Öl aufzufangen. Für die kommenden Tage sei schlechtes Wetter mit vier bis fünf Meter hohen Wellen vorhergesagt, hieß es weiter.

Umweltnotstand ausgerufen

Mauritius hatte bereits in der vergangenen Woche einen Umweltnotstand ausgerufen. Allerdings wurde den Behörden vorgeworfen, zu langsam gehandelt zu haben. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace fordert eine Untersuchung des Unfalls. Es sei unklar, warum das Schiff so nah an das Riff fuhr und warum es Tage dauerte, bis die Behörden an der Unfallstelle eintrafen.

Doch was bedeutet das Umweltdesaster für die Menschen vor Ort, die ohnehin unter der Corona-Krise leiden? Umweltberater Sunil Dowarkasing sagt: „Die sozialen und finanziellen Folgen dieser ökologischen Krise sind massiv.“

Der kleine Inselstaat lebt vom Tourismus. Die kristallklaren Gewässer und die kilometerlangen weißen Strände ziehen jährlich mehr Urlauber an, als es Einwohner gibt. Der Sektor machte 2017 dem Tourismusministerium zufolge acht Prozent des Bruttoinlandsprodukts und zehn Prozent der Beschäftigung aus.

Die schönsten Tauchspots der Insel liegen zwar im Norden und Westen, doch der Süden hat die „wildesten und schönsten Landschaften“, wie die Tourismusbehörde schreibt. Ein Korallenriff verleiht der Bucht, vor der das Schiff gestrandet liegt, ein blaugrünes Leuchten. In der Lagune liegt die Insel Île aux Aigrettes, ein Naturreservat mit Pflanzen und Tieren, die nirgendwo anders zu finden sind. Zwischen weißen Stränden und Mangroven-Wäldern liegt der Fischerort Mahébourg, in dem Besucher etwas über die Napoleonischen Kriege und den Sklavenhandel lernen können. Und um die Ecke findet man im Blue Bay Marine Park ein Schnorchelparadies vor: „Im Gegensatz zum Rest der Insel gibt es hier eine große Vielfalt an Korallen, die bis direkt unter die Wasseroberfläche gehen“, erklärt Nicolas Kromer, ein deutscher Tauchbasenleiter auf Mauritius.

All das wird nun bedroht. Tonnenweise Öl wurde bereits an Land geschwemmt, wie eine Decke liegt der Film auf den Küstenstreifen und klebt zwischen den Mangrovenbäumen. Umweltschützer machen sich vor allem Sorgen, dass sich der Treibstoff auf dem Meeresboden festsetzen könnte, sollte er nicht schnell genug abgepumpt werden. „Korallen werden sterben“, sagt Vikash Tatayah von der Mauritian Wildlife Foundation. Die Katastrophe könne schwere Konsequenzen für etliche Tierarten haben, und dies könne sich durch das ganze Ökosystem ziehen, warnt Kromer. Die Bucht zu säubern wird Tatayah zufolge Monate, wenn nicht Jahre dauern. 

Doch das können sich die Menschen von Mauritius kaum leisten. Bereits jetzt leidet der Inselstaat extrem unter der Corona-Krise. Die Zahl der Touristen werde in diesem Jahr um schätzungsweise 70 Prozent einbrechen, sagt Taslimah Joomun, eine Mitarbeiterin der Statistikbehörde. Wann Urlauber aus dem Ausland wieder einreisen können, ist noch unklar – aber frühestens im September.

Mukesh Buldewa musste all seine Tauchzentren auf Mauritius schließen. 
Foto: Privat/Mukesh Buldewa/dpa

„Für die meisten Menschen in dieser Küstenregion ist die Lebensgrundlage das Meer“, sagt der Umweltberater Dowarkasing. Viele Bewohner verdienen ihr Geld durch Tauch- und Schnorcheltouren. Wie Mukesh Buldewa, der dort nun erst einmal keine Tauchgänge anbieten kann. Zudem sind Hotels, Restaurants und Cafés auf Besucher angewiesen, die in diese Bucht kommen, um im Meer zu schwimmen, zu tauchen oder zu schnorcheln. Und im Ort Mahébourg sind Dowarkasing zufolge mindestens 400 Fischer registriert, die von den Meerestieren in der Bucht abhängig sind. Vom Tauchlehrer bis zum Obsthändler: „Alle Menschen werden betroffen sein.“

Die Angst ist groß, dass diese Ölkatastrophe Touristen langfristig abschrecken wird – auch wenn internationale Urlauber wieder einreisen dürfen. „Die Menschen werden nicht mehr in diese Region kommen“, befürchtet Dowarkasing.

Neben Verzweiflung macht sich nun auch Wut breit. Wie bei der Beirut-Explosion fragen sich viele, ob das Desaster hätte verhindert werden können. Manche zeigen mit dem Finger auf die Behörden: „Die Regierung hat die Verantwortung, seine Bürger zu beschützen, und die Pflicht, sich um sie zu kümmern“, hieß es in einer Kolumne der Zeitung Le Mauricien. „Wir sind wütend, trauern aber auch.“