Mit Mundschutz: Die unbegleiteten Kinder und Jugendlichen besteigen in Athen den Flieger, der sie nach Luxemburg bringen sollte. 
Foto: AFP/Orestis Panagiotou

AthenDie seit Monaten geplante Umsiedlung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge aus den griechischen Lagern in andere EU-Staaten hat am Mittwoch begonnen. Zwölf Kinder wurden mit einer Maschine der griechischen Aegean Airlines von Athen nach Luxemburg ausgeflogen. Am Sonnabend sollen weitere 50 unbegleitete Minderjährige aus Griechenland nach Deutschland gebracht werden. Die Neuankömmlinge müssen zunächst für 14 Tage in Corona-Quarantäne, bevor sie auf die Bundesländer verteilt werden.

5400 minderjährige Migranten in Griechenland vermutet

In Griechenland gibt es nach Angaben des Uno-Flüchtlingshilfswerks UNHCR etwa 5400 minderjährige Migranten, die ohne Angehörige gekommen sind. Nur jedes fünfte dieser Kinder und Jugendlichen ist in geeigneten Unterkünften untergebracht und wird angemessen betreut. Die anderen leben unter meist katastrophalen Bedingungen in überfüllten Lagern auf den Inseln und dem Festland. Anfang März hatte mehrere EU-Staaten zugesagt, 1600 zu übernehmen. Deutschland will nach den Worten von Bundesaußenminister Heiko Maas bis zu 500 Minderjährige aufnehmen.

Unterdessen versucht die türkische Regierung offenbar erneut, massenhaft Migranten nach Europa zu schicken. Ziel sind diesmal die griechischen Ägäisinseln.

Der griechische Verteidigungsminister Nikos Panagiotopoulos sagte, man habe Informationen, wonach „eine große Anzahl“ Migranten aus dem türkischen Landesinneren zur Küste gebracht worden seien. Diese Menschen könnten in den kommenden Tagen versuchen, zu den griechischen Inseln Lesbos, Chios und Samos und damit in die EU überzusetzen.

Verteilung in der Europäischen Union

5400 unbegleitete minderjährige Migranten leben laut Flüchtlingshilfswerk UNHCR in Griechenland. 1600 Flüchtlingskinder sollen in mehreren Ländern der Europäischen Union verteilt werden. 500 minderjährige Migranten will Deutschland nach den Worten von Außenminister Heiko Maas aufnehmen.

Die Patrouillen der Kriegsmarine und der Küstenwache in der Ägäis würden verstärkt, um illegale Einreisen zu verhindern, kündigte er an. Drei Flugzeuge der EU-Grenzschutzagentur Frontex überwachen die Seegrenze jetzt auch während der Nacht. „Die Verhinderung der Einreise von Menschen, die illegal ins Land kommen wollen, das ist der Befehl für alle Sicherheitskräfte zu Land und zur See“, sagte Panagiotopoulos

Ägäisküste wird zur neuen Anlaufstelle

Im März hatten Migranten wochenlang die türkisch-griechische Grenze belagert. Nur wenige hundert von ihnen schafften es in die EU. Staatschef Recep Tayyip Erdogan hatte damals angekündigt, die Türkei wolle „Millionen“ Migranten nach Europa schicken. Ende Februar öffnete er die türkischen Schlagbäume an der Grenze zu Griechenland.

Mehrere zehntausend Menschen warteten fast einen Monat lang am Übergang zum griechischen Kastanies. Es kam zu Krawallen, bei denen Tränengas eingesetzt wurde und Schüsse fielen. Aber Erdogans Plan ging nicht auf. Weil Griechenland die Grenze nicht öffnete, ließ die Türkei Ende März die Migranten ins Landesinnere zurückbringen. Sie sollten in Corona-Quarantäne kommen, so die offizielle Begründung.

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Jetzt bringen Busse Tausende Menschen aus den provisorischen Quarantänestationen wieder Richtung Westen. Dieses Mal geht die Reise aber nicht zur griechischen Landgrenze. Diese ist inzwischen noch stärker gesichert als im März. Die Busse steuern die türkische Ägäisküste an. Von dort könnten die Menschen versuchen, zu den griechischen Inseln überzusetzen. Nach Angaben des UNHCR kamen zwischen dem 1. Januar und dem 12. April dieses Jahres bereits 7569 Migranten aus der Türkei auf die griechischen Inseln.

Im Flüchtlingspakt, den die EU 2016 mit der Türkei schloss, hatte sich die Regierung in Ankara verpflichtet, die illegale Migration nach Griechenland zu unterbinden. Im Gegenzug erhält sie unter anderem finanzielle Hilfe. Jetzt macht sie offenbar das genaue Gegenteil.

Zwingen türkische Behörden Flüchtlinge zur Flucht?

Türkische Medien zitierten Migranten mit der Aussage, türkische Offizielle hätten sie vor die Wahl gestellt, entweder interniert zu werden oder sich zur Küste bringen zu lassen. Die Istanbuler Vorsitzende des türkischen Menschenrechtsvereins IHD bestätigte der Deutsche Presse-Agentur, Hunderte Migranten seien zur Küste gebracht worden.

Schon im März hatte der Spiegel über Erkenntnissen des Bundesnachrichtendienstes berichtet, nach denen die Türkei damals mit Bussen Migranten an die griechische Grenze transportierte und die Krawalle gezielt anfachte. Und Ende März kündigte der türkische Innenminister Süleyman Soylu an, nach dem Ende der Corona-Epidemie werde man „keinen Migranten davon abhalten, an die türkisch-griechische Grenze zurückzukehren“.