Köln - Wir dürfen uns nichts vormachen: Es ist einfach, wegzusehen. Wenn beim Abendessen Bilder von Krieg und Hunger über den Bildschirm flackern, wechseln viele von uns den Sender. Wenn ein Obdachloser in der Stadt die Hand aufhält, eilen wir oft einfach weiter. Wer das für unmenschlich hält, liegt falsch, denn der Reflex ist zutiefst menschlich. Schmerz, Angst, Hilflosigkeit — das sind Gefühle, die wir nicht ungefiltert an uns heranlassen wollen und können — besonders nicht die unter uns, die mit eigener Not zu kämpfen haben.

Es gibt Momente, die dringen dennoch durch den Filter. Besonders tragische Schicksale, Momentaufnahmen. Eine Frau im roten Kleid, die sich in der Türkei den Polizisten entgegenstellt. Ein Vater, der weinend seine Kinder umklammert, als er nach langer Flucht sicher ans Ziel gelangt. Es sind diese Momente, die viele von uns kurz innehalten lassen; Bilder, die Leid und Wut ein Gesicht geben, das auch wir nicht vergessen.

Auch Journalisten können sich von selektiver Wahrnehmung nicht freisprechen. Täglich laufen Tausende Bilder und Geschichten von Zerstörung und Tod in den Redaktionen dieser Welt ein. Wir sehen sie alle. Kriegsschauplätze verschwimmen, Einzelschicksale werden zu einem großen bedrückenden Ganzen. Viele dieser Bilder bekommen Sie niemals zu sehen. Zum einen, weil wir Ihnen schlicht nicht alles zeigen und erzählen können. Zum anderen, weil wir es nicht wollen. Ändert es etwas, wenn wir Ihnen die Leichen eines Bombenanschlags zeigen statt zerstörter Straßenzüge? Verletzen wir Persönlichkeitsrechte, wenn wir das Opfer einer grausamen Tat ins Bild nehmen? Dürfen, sollen oder müssen wir gar Todesmomente wie beim Video zum Anschlag auf „Charlie Hebdo“ weitergeben? Muten wir Ihnen zu viel zu? Trauen wir Ihnen nicht genug zu? Auf diese Fragen gibt es keine pauschalen Antworten. Wir wägen ab, jedes Mal aufs Neue. Die Entscheidung ist nicht immer richtig — und niemals einstimmig.

Abwägen müssen wir auch beim Bild des kleinen Jungen, der tot im Sand am Strand von Bodrum liegt. Dieses Bild darf nicht gezeigt werden, es ist zu persönlich, sagen die einen. Dieses Bild muss gezeigt werden um wachzurütteln, sagen die anderen. Effekthascherei, Katastrophenjournalismus, Voyeurismus, inszenierte Emotion, schimpfen viele, die das Foto auf Titelseiten und Websites sehen. Es ist eine Momentaufnahme, die eigentlich niemand sehen will. Sich dieses Bild anzuschauen tut weh. Die traurige Wahrheit dahinter ist: Es ist nur ein Foto von Tausenden. Ein Einzelschicksal von Tausenden. Ein totes Kind von Tausenden. Eines, das wir Ihnen eigentlich nicht zeigen wollen. Nicht, weil wir Ihnen nicht zutrauen, damit umzugehen, sondern weil wir verstehen, dass sie dieses Bild dennoch sehen müssen — und wir wünschten es wäre nicht so. Wir wünschten, es würde keine drastischen Bilder brauchen, damit wir alle die Not anderer, in diesem Fall die Not von Flüchtlingen tatsächlich begreifen; damit wir den Filter ausstellen und uns einmal komplett auf den Schmerz einlassen, mit allen Konsequenzen. Ja, eine Kinderleiche ist tragisch. Noch tragischer ist jedoch, dass manche Menschen erst durch sie begreifen werden, dass Wegschauen zwar einfach ist, die harte Realität jedoch nicht verändert.

52.000 Tweets in 24 Stunden

Die nackten Zahlen zeigen, dass diesem Foto etwas gelingt, an dem viele Artikel, viele noch so detaillierte Beschreibungen dramatischer Schicksale scheitern: Es bewegt die Massen. Allein rund 52.000 Mal wurde unter dem türkischen Hashtag #kiyiyavuraninsanlik,  das aus dem Foto heraus entstanden ist, getweetet. Facebook-Posts von Medien, in denen das Fotos gezeigt wird, wurden Tausende Male geteilt.

Der kleine, tote Junge am Strand von Bodrum ist ein Bild, das niemand von uns sehen und niemand von uns zeigen möchte. Und trotzdem sollten wir es uns alle ganz genau ansehen.