Bad Schlema - Am Silvestertag werden sie sich wieder treffen, die Schatzsucher vom Erzgebirge. Um elf Uhr versammeln sie sich dann wie in jedem Jahr am Lorenzstein im geheimnisumwitterten Poppenwald. „Dann trinken wir Glühwein und stoßen an und sagen: Mensch, schon wieder ein Jahr vorbei und nichts gefunden“, sagt Günter Eckardt und lacht.

„Es ist der Wahnsinn“

Der Eckardt-Günter, wie man im Erzgebirge sagt, ist 68 Jahre alt. Der kleine agile Mann aus Schneeberg war mal NVA-Offizier, er hat in der DDR Kulturwissenschaften studiert, nach der Wende ein rund 400 Jahre altes Fachwerkhaus gekauft, es eigenhändig restauriert und mit schönen Landschaftsbildern bemalt. Seine Haupttätigkeit in den vergangenen 20 Jahren aber war die Suche: Unermüdlich spürt er den Geschehnissen nach, die sich zu Kriegsende in seiner Region zugetragen haben.

Er wälzt dazu Akten in Archiven, spricht mit Zeitzeugen, liest Bücher. Seine Frau verdreht manchmal die Augen, wenn er stundenlang und dabei etwas sprunghaft erzählt von Massengräbern mit KZ-Häftlingen, von Menschenversuchen, die angeblich bis heute vertuscht werden, von Kunstwerken und Gold in alten Stollen, von unterirdischen atomaren Forschungsanlagen und – natürlich – dem Bernsteinzimmer. Mit dem Ausruf „Es ist der Wahnsinn!“ beendet er meist ein Thema, bevor er zum nächsten kommt.

Ein Quell für Sagen- und Märchen

Erst seit dem 16. Jahrhundert, einige Zeit nach den ersten Silbererzfunden in der Region, trägt das in Böhmen und Sachsen gelegene Mittelgebirge die Bezeichnung Erzgebirge. Zuvor hatte der frühmittelalterliche Chronist Thietmar von Merseburg die Landschaft Miriquidi genannt, was so viel wie „finsterer Wald“ bedeutet. Damals war das Gebiet ein fast undurchdringlicher Urwald aus Laub- und Nadelbäumen.

Die Furcht der Menschen vor diesem dunklen Wald und der im 12. Jahrhundert einsetzende Silber-Bergbau sind die Quellen eines reichhaltigen Sagen- und Märchenschatzes aus dem Erzgebirge. Er erzählt von mystischen Orten, verlassenen Bergwerksstollen und darin verborgenen sagenhaften Reichtümern.

Verschlüsselte Schatzkarten, kryptische Zeichen

Auch der Eckardt-Günter und seine Mitstreiter, die sich jedes Jahr zu Silvester am Lorenzstein im Poppenwald zwischen Hartenstein und Bad Schlema treffen, kennen Geschichten von verborgenen Reichtümern und unterirdischen Gängen. Aber diese Geschichten sind nicht Hunderte von Jahren alt. Sie haben ihren Ursprung in den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges.

Es geht darin um schwer bewachte Lastkraftwagen und Eisenbahnwaggons, die nächtens durchs Erzgebirge rollten, es geht um verschlüsselte Schatzkarten und kryptische Zeichen an Bäumen und Felsen, um anonyme Briefe und mysteriöse Todesfälle. „Es ist der Wahnsinn“, sagt Günter Eckardt.

Der Poppenwald ist ein besonderer Wald

An einem kalten Dezembertag laufen wir im Schneegestöber durch den Poppenwald. In dem 80 Hektar großen Mischwald im Westerzgebirge ragen die Eichen, Birken und Buchen hoch auf. Finster ist es auf den schmalen Wegen. Drei Viertel der Bäume hier sind Laubbäume, ein Unikum in dem von Nadelhölzern geprägten Erzgebirge.

Der Poppenwald, der seit ein paar hundert Jahren der Evangelisch-Lutherischen Nicolai-Kirchgemeinde von Zwickau gehört, ist noch aus einem anderen Grund ein besonderer Wald. Im März und April 1945 hatten SS-Posten das Gebiet abgeriegelt, weshalb, weiß man bis heute nicht. Lkw seien in den Wald gefahren, wird erzählt, auch hätten Güterzüge auf der Eisenbahnstrecke am Waldrand gehalten.

Rätselhafte Zeichen an den Bäumen

Möglichkeiten, wertvolle Dinge für eine lange Zeit oder auf ewig zu verbergen, gibt es in dem Wald tatsächlich genug: alte Stollen und unerforschte Höhlensysteme, ein stillgelegter Steinbruch, in dem es zu Kriegsende zu Explosionen kam und der heute verschüttet ist.

Und dann sind da noch die rätselhaften Zeichen, die offenbar 1945 an Buchenstämmen angebracht wurden und inzwischen mit der Rinde in die Höhe gewachsen sind: ein Skarabäus etwa und ein Adler, ein Pfeil, seltsame Buchstaben. In die Rinde eines Baumes wurde sogar etwas eingeritzt, das aussieht wie der Kiel eines Schiffes – darauf wird noch zurückzukommen sein.

Mit der Wünschelrute auf Schatz-Suche

Der Poppenwald und die 70 Kilometer weiter östlich gelegene Grenzgemeinde Deutschneudorf sind die Hotspots der erzgebirgischen Schatzsucher, die nach den Geheimverstecken der Nazis fahnden. Auch Günter Eckardt ist davon überzeugt, dass es Depots im Poppenwald gibt.

„Kunstgut ist hier in die ehemaligen Schachtanlagen geschafft worden, und anschließend wurden die Zugänge gesprengt“, sagt er und weist auf den alten Steinbruch, zu dem wir nun hochstapfen. Aber wo hier in dem halbkreisförmigen Geländeeinschnitt soll das Versteck liegen? „Ich kann das wünscheln“, sagt der 68-Jährige.

Eckardt ist ein sogenannter Rutengänger, der davon überzeugt ist, geologische Anomalien im Untergrund mit Hilfe einer Wünschelrute zu finden. Wissenschaftlich ist diese Praxis hoch umstritten, daran ändern auch einige zutreffende Funde von Erz- und Wasseradern durch Rutengänger nichts. Der Schatzsucher aus Schneeberg jedoch wischt jeden Zweifel beiseite. „Ich kann solche unterirdischen Anlagen auf diese Weise aufspüren“, sagt er bestimmt.

Und dann holt er zwei schmale, L-förmig gebogene Metallstäbe hervor, eine sogenannte Winkelrute. Die kurzen Enden steckt er in Plastikhülsen, die er in seinen Händen trägt. Dann läuft er los, durchquert den Hang des etwa 20 Meter breiten Steinbruchs.

Mit einem Privatdetektiv fing alles an

An einer Stelle bewegen sich die beiden parallel ausgerichteten Stäbe plötzlich auseinander. Ein paar Meter weiter nehmen sie ihre ursprüngliche Stellung wieder ein. Dann kreuzt er die Stelle noch einmal hangaufwärts – wieder bewegen sich die Stäbe. „Unter dieser etwa dreimal drei Meter großen Fläche ist ein Hohlraum“, sagt Eckardt dann. „Dass darin das Kunstgut eingelagert ist, kann ich natürlich nur vermuten. Aber der Hohlraum ist da.“

Das Schatzsucherfieber im Poppenwald hat vor fast 25 Jahren der Privatdetektiv Dietmar Reimann ausgelöst. Von einem Stasi-Offizier hörte er damals eine schier unglaubliche Geschichte: Der Mann will im DDR-Geheimdienst an der jahrzehntelangen vergeblichen Suche nach dem Bernsteinzimmer mitgewirkt haben, das die Nazis 1941 aus dem Katharinenpalast in Zarskoje Selo bei Sankt Petersburg geraubt hatten. Seit 1945 gilt das sogenannte achte Weltwunder als verschollen.

Dreizehn Jahre auf der Suche

Der Stasi-Offizier kam schließlich auf die Idee, zwei Hunde zur Bernsteinsuche abrichten zu lassen. Aber erst nach der Wende ließ er die Tiere im Poppenwald suchen – und die sollen dort unweit eines Felsens tatsächlich fündig geworden sein.

Reimann trug noch weitere Indizien zusammen, die für ein Versteck des Bernsteinzimmers im Poppenwald sprachen. 1997, nach dem Tod des MfS-Offiziers, fing er mit Genehmigung der Kirche an, unterhalb des heute nach ihm benannten Reimann-Felsens zu graben.

Dreizehn Jahre lang, bis 2009, bohrte und baggerte er sich in den Untergrund. Gefunden hat der 2011 verstorbene Privatdetektiv aber nie etwas – weder das Bernsteinzimmer noch den verschwundenen Hohenzollern-Schatz, den er auch in dem Forst vermutete. Vielleicht deshalb, weil es gar keine Kunstverstecke der Nazis im Poppenwald gibt? Günter Eckardt schüttelt energisch den Kopf. „Da ist was. Reimann hat den Eingang zum Stollen nur an der falschen Stelle gesucht“, erklärt er.

Das sagenumwobene Bernsteinzimmer

In einem kleinen Café in Aue winkt Mario Ulbrich ab und lacht. „Schatzsucher glauben immer, auf der richtigen Fährte zu sein. Auch wenn sie nichts finden“, sagt er. „Zur Begründung sagen sie dann, sie hätten sich beim Graben um ein oder zwei Meter vertan.“

Ulbrich, 54 Jahre alt, ist Journalist in der Auer Kreisredaktion der Tageszeitung Freie Presse, ein stämmiger Mann mit einem fröhlichen runden Gesicht. Wenn er für seine Zeitung nicht über die Schatzsucher im Erzgebirge oder über aufregende Mordprozesse berichtet, schreibt er Krimis und Western. „Ich bin kein Schatzsucher, ich berichte nur darüber“, stellt er gleich klar.

Dennoch ist Ulbrichs zweite Passion neben seiner Schriftstellerei der Poppenwald, über den er 2011 sogar ein Buch geschrieben hat. „Rätselhafter Poppenwald“ heißt es und gilt unter den Schatzexperten als Schlüsselwerk. Auf knapp 300 Seiten geht Ulbrich darin den Spuren des Bernsteinzimmers nach und trägt all die geheimnisvollen und manchmal auch schaurigen Geschichten darüber zusammen.

Glaubt er, dass in dem dunklen Forst das Bernsteinzimmer vergraben liegt? Bedächtig schüttelt er den Kopf. „Das halte ich eher für unwahrscheinlich“, sagt er. Und hängt nach kurzem Schweigen einen typischen Schatzsuchersatz an: „Aber dass da irgendwas irgendwo vergraben ist, könnte ich mir schon vorstellen.“

Das Lächeln der Konkurrenten

Im Jahr 2012 hat sich im Hartensteiner Hotel Jagdhaus Waldidyll eine Gruppe von Enthusiasten zusammengefunden, die die Suche des ein Jahr zuvor verstorbenen Detektivs Reimann nach den Raubschätzen der Nazis im Poppenwald fortsetzen will. „Wissenschaftliche Arbeitsgruppe Poppenwald“ – Kurzbezeichnung WiP – nennt sich die Truppe. Mit der Betonung auf „wissenschaftlich“ will sie sich von den Hobby-Schatzsuchern absetzen, die sich jedes Jahr am Silvestertag am Lorenzstein treffen, weshalb diese wiederum nur ein abschätziges Lächeln übrig haben für die Konkurrenz.

Experten vom ehemaligen DDR-Bergbaukombinat Wismut und von der Bergsicherung sind in der WiP dabei, der Bürgermeister von Bad Schlema auch, ebenso ein privater Bergwerkarchäologe, zwei ehemalige Mitstreiter Reimanns aus Berlin und Mecklenburg sowie die Chefin vom Waldidyll. In dem Hotel verkehrte der Detektiv, wenn er die Einsamkeit in seinem im Poppenwald geparkten Wohnwagen nicht mehr aushielt.

Aus journalistischem Interesse

Nach jahrelangen Vertragsverhandlungen darf die WiP seit Herbst 2017 mit dem Segen der Kirche Reimanns Schatzsuche fortsetzen. Bislang aber ist die Gruppe über eine oberflächliche Begutachtung möglicher, von dem Detektiv früher nicht beachteter Verstecke im Forst nicht hinausgekommen.

Auch Mario Ulbrich hat sich der WiP angeschlossen. Also ist er nun doch unter die Schatzsucher gegangen? „Nein, ich begleite die Gruppe nur aus journalistischem Interesse“, sagt er. Was ihn jedoch auch schon in Konflikte gebracht habe. „Es gibt einige in der WiP, die es geheim halten wollen, wenn wir etwas finden. Aber wenn ich meine Unabhängigkeit als Journalist bewahren will, kann ich mich doch nicht an solche Absprachen halten.“

„Es gibt immer was Neues“

30 Kilometer weiter, in Zwickau, amüsiert sich Detlef Köhler über so viel Geheimnistuerei. „Meine Freunde und ich hängen es zwar auch nicht gleich an die große Glocke, wenn wir mal wieder irgendwo graben“, sagt er. „Aber wenn wir endlich mal etwas finden würden, dann würden wir das bestimmt nicht wie die WiP-Leute für uns behalten. Denn das wäre ja der Beweis dafür, dass wir uns eben doch nicht nur irgendetwas zusammenreimen.“

Köhler ist 65 Jahre alt. In Zwickau betreibt der kräftig gewachsene, lebhafte Mann eine private Hausverwaltung. Alle paar Minuten klingelt sein Telefon. Mal geht es um geschäftliche Dinge, oft genug aber ist auch einer seiner Schatzsucherkollegen dran. „Es gibt immer was Neues, irgendwas passiert ständig“, sagt Köhler. „Wir sind eine verschworene Gemeinschaft, so um die zwanzig Mann bilden den harten Kern im Erzgebirge. Wir kennen uns seit Jahren und tauschen uns aus.“

Gerade eben habe zum Beispiel ein Freund ihn angerufen und von einer Nachbarin erzählt, die ein paar Wochen zuvor zwei Taucher an der Zwickauer Mulde im Poppenwald beobachtet hat. An einer Stelle, wo das sonst nur knapp zwei Meter flache Flüsschen zehn Meter tief ist. „Ich kenne die Stelle“, sagt Köhler und zwinkert. „Wir vermuten da einen unterirdischen Eingang zu einer Bunkeranlage.“

Konstruktionszeichnungen für Schiffe?

Und dann steht er auf und holt einige große Zeichenblätter aus seinem Büro. Er habe insgesamt dreizehn solche Zeichnungen 2003 im Nachlass seines vier Jahre zuvor verstorbenen Vaters Wolfgang gefunden, sagt Detlef Köhler. Auf den ersten Blick scheint es sich um Konstruktionszeichnungen für Segelboote und kleinere Schiffe zu handeln. Die Schiffskörper sind aus verschiedenen Perspektiven gezeichnet und mit diversen Zahlenangaben versehen. Auf manchen Skizzen wurden als Ergänzung Segel und Teile der Beplankung hinzugezeichnet.

Alle Blätter tragen rechts unten einen Stempel: Wolfgang Köhler, Schiffbauer (15b) Eisenberg/Thür. „Nur dass mein Vater kein Schiffbauer war, er hatte gar keine Ahnung von Booten“, sagt Detlef Köhler. „Und ein Boot, das man nach diesen Zeichnungen baut, würde auch gleich untergehen. Das haben mir Schiffbauexperten bestätigt.“

Die Zeichnung auf den Kopf gedreht

Die Schiffszeichnungen des Zwickauers sind längst zur Legende geworden in Schatzsucherkreisen. Jeder vermutet kryptografierte Lagepläne geheimer Untergrunddepots darin. Auf einem etwa fällt der ungewöhnlich geschwungene Kiel eines Schiffes auf – diese Linie passt sich genau dem Flussverlauf der Mulde in jenem Abschnitt an, wo vor ein paar Wochen die unbekannten Taucher gesichtet worden sind.

Dann nimmt Köhler eine andere Zeichnung und dreht sie auf den Kopf. „Schauen Sie mal auf die Kiele der Boote – die haben jetzt die Form markanter Erhebungen im Poppenwald“, sagt er. Tatsächlich kann man mit ein bisschen guten Willen topographische Ähnlichkeiten mit dem Reimann-Felsen und einem anderen Felsen am Pulverhüttenweg im Poppenwald erkennen.

Wie der alte Köhler in den Besitz der mysteriösen Zeichnungen kam, weiß der Sohn nicht. Er erzählt, dass der Vater 1943 als 17-Jähriger zur SS kam und im Frühjahr 1945 von der Westfront für einen Sonderauftrag nach Thüringen abkommandiert wurde. Dort habe er angeblich einen Güterzug übernommen, der ins Erzgebirge rollen sollte.

Rätselhafte Ausflüge nach dem Krieg

Waren in den Waggons geraubte Kunstwerke, Gold oder geheime Akten, die in einen Stollen verbracht werden sollten? Und war der Vater vielleicht eine Art Gralswächter, der darauf zu achten hatte, dass die ihm anvertrauten Geheimverstecke nicht aufgebrochen werden? „Meine Freunde und ich glauben das, denn es gibt viel Rätselhaftes im Leben meines Vaters nach dem Krieg“, sagt er. Etwa die häufigen Wochenendausflüge, die er allein unternommen habe.

„Von Freitagnachmittag bis Montag früh verschwand er dann, wohin, wusste niemand von uns. Erst nach seinem Tod erfuhr ich, dass er abwechselnd zwei Jagdhütten besuchte, eine im Muldental zwischen Hartenstein und Schlema, die andere bei Grünhain.“ Und als Reimann im nahen Poppenwald zu graben begann, sei der Vater oft dort vorbeigegangen und habe den Detektiv bei dessen Arbeit wortlos beobachtet.

Immer wieder gibt es Drohschreiben

Schließlich seien da auch noch die Drohungen, die ihn und seine Freunde von Zeit zu Zeit erreichen. „Anonyme Schreiben sind das, in denen es heißt, wir sollen aufhören mit unserer Suche, sonst würden wir das nicht überleben“, sagt Köhler. Es gebe offenbar Leute, die sich für die Verstecke weiterhin verantwortlich fühlen, glaubt er und fügt düster hinzu: „Man sollte nicht davon ausgehen, dass es vorbei ist.“

Auch im Rathaus von Olbernhau im Osterzgebirge hört man solche Geschichten. Auch im Dienstzimmer von Heinz-Peter Haustein, dem Bürgermeister der 12.000-Einwohner-Stadt. Auf den Fensterbänken brennen Schwibbögen, Räuchermännchen und Nussknacker schauen nach draußen, wo leise Schnee vom Himmel fällt. Erzgebirgische Idylle.

„In dem letzten Brief, den ich bekam, stand: Lasst es liegen, wo es liegt – sonst können wir nichts mehr für Euch tun“, erzählt Haustein. Hat er Angst? Der 1,90-Meter-Hüne denkt kurz nach, dann schüttelt er den Kopf. „Ich verstehe es als Bestätigung. Wir sind offenbar auf der richtigen Fährte.“

Der 64 Jahre alte Liberaldemokrat, der für die FDP zwei Legislaturperioden lang im Bundestag saß, ist quasi das Gesicht der erzgebirgischen Schatzsucher. In den vergangenen 20 Jahren gelang es ihm immer wieder, Scharen internationaler Journalisten und TV-Teams in seine kleine Heimatgemeinde Deutschneudorf an der tschechischen Grenze zu locken – mit dem Versprechen, dort endlich das Bernsteinzimmer auszugraben. Gefunden wurde zwar nie etwas, aber mit seinen Schatzgeschichten schaffte er es, sein kleines Dorf weit über Sachsen hinaus bekanntzumachen und Touristen anzulocken.

Die Dörfler dankten es ihm, wählten den Inhaber einer Aufzugsfirma mit 99 Prozent der Stimmen wiederholt zum Bürgermeister, bis er vor drei Jahren nach Olbernhau wechselte. Heute leben Deutschneudorf und dessen Ortsteil Deutschkatharinenberg ganz gut vom Schatzmythos, es gibt ein Schau- und Abenteuerbergwerk am ausgebauten Fortuna-Stollen, das örtliche Pflegeheim heißt Haus Bernstein, und selbst der Discjockey aus dem Ort nennt sich DJ Amber, das ist das englische Wort für Bernstein.

Schatzsuche im Verborgenen

Fehlen nur noch die Kisten mit dem Bernsteinzimmer, die angeblich irgendwo im Fortuna-Stollen liegen. Glaubt er noch daran, sie zu finden? Heinz-Peter Haustein nickt energisch. Zeitzeugen hätten ihm bestätigt, dass Kisten mit Bernstein, Akten und Kunstwerken dort verbracht wurden, es gebe Akten mit Hinweisen auf Verstecke in Deutschneudorf. Selbst auf einer der merkwürdigen Schiffszeichnungen Köhlers würden sich die Linien markanten Geländepunkten im Ortsteil Deutschkatharinenberg anpassen.

Also sucht er weiter? Haustein schweigt einen Moment, dann spricht er leise weiter: „Die Sache läuft gerade auf Hochtouren. Wir machen das jetzt aber mehr in Ruhe und im Verborgenen, ohne viel Presse.“ Einen Hohlraum habe man mit moderner Messtechnik geortet, fünf Meter tief. Darin ein rechteckiger Block. „Das ist ein Depot, in dem wir geheime Akten vermuten“, sagt Haustein. „Nächstes Jahr machen wir es auf.“

Lists Raubkunst-Skandal-These

Im neuen Jahr erwartet auch Burkhart List einen Durchbruch. List, 68, ist Journalist und besteht darauf, nicht als Schatzsucher bezeichnet zu werden. Dabei gräbt und forscht auch er in Deutschkatharinenberg, wo er wertvolle Teile der Kunstsammlung des ungarischen Malers und Sammlers Baron Ferenc von Hatvany vermutet, die während des Zweiten Weltkrieges von der SS geraubt wurde.

„Nennen Sie es Recherche“, sagt der aus Österreich stammende Autor mit seiner knarzenden Stimme. „Seit 2001 befasse ich mich dem Thema der NS-Raubkunst, habe Archive in neun Ländern durchforscht, mit Zeitzeugen in aller Welt gesprochen. All das hat mich hierher ins Erzgebirge geführt.“

Gerade ist sein neues Buch erschienen, „Die Affäre Deutsch“ heißt es und handelt von „braunen Netzwerken hinter dem größten Raubkunst-Skandal“. Lists These: Netzwerke aus alten Nazis und neuen Rechten würden über einst geraubte und bis heute versteckte Kunstwerke wachen, um sie dereinst für ein Viertes Reich zu Geld zu machen.

Bei seinen Recherchen sei er auf einen Geheimtransport der SS Anfang 1945 gestoßen, mit dem Kunstwerke aus einem Bergwerksstollen in Bad Aussee nach Deutschland geschafft wurden, erzählt er. Zwei Waggons, in denen sich demnach auch Teile der Hatvany-Sammlung befanden, seien nach Deutschkatharinenberg gebracht und dort am Bahnhof entladen worden. „Dazu kommen noch chiffrierte Koordinaten, die ich gefunden und entschlüsselt habe“, sagt er.

Mit moderner Technik neu vermessen

Ganz so einfach, wie er es gehofft habe, sei die Suche aber nicht gewesen, fügt List hinzu. Von 2009 an hatte er, finanziert von der US-Zeitschrift National Geographic, vier Jahre lang das Areal abgesucht, wo er das Versteck vermutet. Vergeblich. Für einen zweiten Anlauf hat er jetzt ein großes US-Medienunternehmen als Partner gewinnen können. 2019 will er mit moderner Technik das Gelände neu vermessen lassen. „Ich bin sicher, dass wir dann etwas finden“, sagt List.

Hat er sich denn auch um Unterstützung durch den Freistaat Sachsen oder die Bundesregierung bemüht, wenn seine Spur doch so heiß ist? List winkt ab. „Deutschland hat kein Interesse daran, in die Suche nach Nazi-Verstecken einzusteigen“, sagt er. „Die haben Wiedergutmachung gezahlt, und damit ist das Thema für sie erledigt. Aber hat der deutsche Staat als Rechtsnachfolger des NS-Systems nicht auch eine Verantwortung gegenüber den Opfern, das ihnen geraubte Eigentum wiederzubeschaffen?“

Zurück im Poppenwald, wo unsere Reise zu den Schatzsuchern im Erzgebirge begann, schlägt sich Günter Eckardt den Schnee vom Mantel. Hofft auch er darauf, im nächsten Jahr endlich einen der Schätze oder eine der unterirdischen Atomanlagen zu finden, nach denen er seit Jahrzehnten sucht? Eckardt packt seine Winkelrute in die Tasche und schaut versonnen in den Wald. „Eigentlich“, sagt er dann, „will ich gar nichts mehr finden. Ich weiß ja, dass es da ist.“