Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer hat eine brisante ethische Debatte losgetreten.
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BerlinStatistisch betrachtet ist älteren Menschen der Tod näher als jungen. Das ist eine Binsenweisheit, die zuletzt mal mit wissenschaftlichen, mal mit ethischen Argumenten traktiert wurde. Der Begriff der Übersterblichkeit ist in den Alltagsjargon eingegangen und bezeichnet den Anstieg der durchschnittlichen Sterberate, was wiederum mit den durch die Corona-Epidemie hervorgerufenen Atemwegserkrankungen in Verbindung gebracht wird. Es zeugt nicht gerade von sprachlicher Sensibilität, den Tod als schnöde statistische Kennzahl in Umlauf zu bringen und ihn so vom Einzelschicksal abzulösen, dessen Leid meist nur von Freunden und Angehörigen geteilt wird.

Seit ein paar Wochen sprechen wir wie selbstverständlich über Risikogruppen. Und selbst wer, wie ich, Anfang 60 ist, geht doch mit einigem Optimismus davon aus, sich allenfalls am unteren Rand einer solchen zu bewegen. Wenn der Infektionsfall eintritt, wähnt man sich noch fit genug, diesen zu überstehen. Der Literaturnobelpreisträger Elias Canetti hat in seinem Essay „Masse und Macht“ ausführlich dargestellt, wie aus der Tatsache, dass man andere überlebt, eine besondere Kraft erwächst. Das Überleben ist so gesehen nicht nur ein statistischer Zufall, sondern ein Grundgefühl menschlichen Daseins. Canetti verschweigt die mörderische Seite dieses Überlebenswillens nicht. Für ihn ist es seit jeher eine Quelle der Anhäufung von Macht.

Politiker sind in der Regel bemüht, derlei Motive zu kaschieren. Selbst der für seine Provokationen berüchtigte Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer beansprucht für sich eine nüchterne Rationalität, wenn er die Rettung von Menschen in Zweifel zieht, die wenig später ohnehin gestorben wären. Da er in der Hervorbringung öffentlicher Erregung ein erfahrener Politiker ist, darf man annehmen, dass ihm dieses ethisch fragwürdige Argument keineswegs versehentlich unterlaufen ist. Palmer setzt vielmehr auf einen rigorosen politischen Dezisionismus, der vorgibt, im Zustand wachsender Not klare Entscheidungen treffen zu können.

Es ist nicht sehr ergiebig, sich lange an solcher Kaltschnäuzigkeit aufzuhalten, sie macht aber deutlich, wie sehr der Tod in unsere unmittelbare Wahrnehmung gerückt ist, während wir ihn doch lange als etwas betrachtet haben, das in gesellschaftliche Sonderzonen wie Kliniken, Pflegeheime und Hospize abgedrängt worden ist.

Eine neue Gegenwart des Sterbens

Es sollte daher nicht bei kurzatmiger Empörung über die Verwendung technokratischer Begriffe und fragwürdige politischer Parolen bleiben, um der neuen Gegenwart des Sterbens gerecht zu werden. In dem letzten halben Jahr, in dem meine Mutter dem Tod immer näher kam, habe ich ihn manches Mal stillschweigend herbeigewünscht. Als er dann eingetroffen war, habe ich allen gesagt, die nachgefragt haben, froh darüber zu sein, dass sie es geschafft habe. Dabei ist nichts dümmer als das. Meine Mutter starb kurz vor ihrem 100. Geburtstag. Sie ist nicht an einer Corona-Infektion gestorben, und statistisch betrachtet war sie vermutlich aus allen Berechnungen, die repräsentative Rückschlüsse erlauben, heraus.

In persönlicher, aber auch in ethischer Hinsicht aber hat sie uns eine Erfahrung bereitet, die das Maß allgemeiner Betrachtungsweisen sprengt, egal ob sie religiöser, statistischer oder gesellschaftlicher Natur sind. Der Tod ist, jeder auf seine Weise, das Unverfügbare, das sich eines allgemeinen Zugriffs entzieht. Wenn er bevorsteht, vermögen ihn die Mittel und Erkenntnisse der Palliativmedizin zu lindern, aber er ereignet sich oft langsam, mehr oder weniger schmerzhaft und unerbittlich individuell.

Wenn es eine Lehre aus einer Epidemie gibt, dann sollte sie in der Überwindung einer routinierten Fortsetzung der gesellschaftlichen Verdrängung des Todes bestehen. Es gibt ein Leben vor dem Tod, dem kein Schaden zugefügt wird, wenn es mit etwas mehr Demut gelebt wird. Dazu gehört das Bewusstsein von einem Tod, der einen jenseits von Wahrscheinlichkeitsrechnungen jederzeit treffen kann. Es ist nicht einmal ausgeschlossen, dass selbst jemand wie Boris Palmer von solcher Demut berührt wird.