Zu seinem 90. Geburtstag habe er ein „ganzes Buch voller Glückwünsche“ erhalten, aus dem In- und Ausland: Das sagte der letzte Staatspräsident der Sowjetunion, Michael Gorbatschow, der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Tass. Die Erwähnung in der Tass ist ein Zeichen, dass Gorbatschow in Russland immer noch Beachtung findet, auch auf offizieller Ebene. Das war nicht immer so: Für viele ehemalige Parteiführer ist Gorbatschow in erster Linie der Zerstörer des sowjetischen Weltreichs, für viele hat er auch das Ende einer langen politischen Karriere gebracht.

Doch unter den jungen Russen genießt Gorbatschow großes Ansehen, obwohl sie ihn persönlich nicht mehr im Amt erlebt haben, den Namen nur noch aus den Schulbüchern oder von ihren Großeltern kennen: „Gorbatschow steht bei der jungen Generation für Perestrojka, für Öffnung“, sagt Ekaterina Timoschenkowa, Politikwissenschaftlerin am Europa-Institut der Russischen Wissenschaftsakademie in Moskau. Eng verbunden mit Gorbatschow wird bei den jungen Russinnen und Russen auch seine Rolle bei der Wiedervereinigung Deutschlands. Timoschenkowa: „Vor allem aber erinnert Gorbatschow die russische Jugend an sein Bestreben, seine politischen Ziele mit friedlichen Mitteln und Dialog zu erreichen.“

Viele in den russischen Eliten sehen es zwar heute als problematisch an, dass sich Gorbatschow in seinen bahnbrechenden außenpolitischen Entscheidungen zu wenig Sicherheitsgarantien habe geben lassen. Timoschenkowa: „Die jungen Leute von heute können nicht mehr verstehen, wie Gorbatschow damals den westlichen Versprechungen glauben konnte, dass sich die Nato nicht weiter nach Osten ausdehnen werde.“ Doch Gorbatschow wollte „den ersten Schritt machen, und das sowjetische Volk hat ihn dabei unterstützt“.

Der letzte Generalsekretär der KPdSU habe auch „auf die inneren Bedingungen in der UdSSR Rücksicht nehmen müssen, vor allem auf die katastrophale wirtschaftliche Lage“. Er sei gezwungen gewesen, dem Westen zu glauben, um die Umwandlung der UdSSR zu erreichen. Auch Gorbatschows Menschenbild habe eine Rolle gespielt, sagt Timoschenkowa: „Gorbatschow ist der Meinung, dass das Menschenleben eines jeden einzelnen Menschen zählt. Das war für viele in der kommunistischen Partei ein völlig neuer Ansatz, weil für sie das Kollektiv zählte, nicht das Individuum.“

Sein auf Aussöhnung bedachter Kurs mache Gorbatschow auch zu einem Vorbild für die aktuelle Politik, sagt Frau Timoschenkowa: „Eine der Ideen Gorbatschows war das gemeinsame Haus Europas, in dem jede Nation ihr Zimmer hat. Die jungen Russinnen und Russen glauben, dass dieses Modell auch auf die ganze Welt übertragen werden könnte. In der Zeit der zahlreichen Krisen sollten die Politiker der Welt zusammenarbeiten und nicht nur für ihre Nationen.“ Es sei daher auch wichtig, die Errichtung von „neuen Mauern“ zu verhindern, wie dies etwa in der Covid-Krise weltweit zu beobachten sei. Timoschenkowa: „Die jungen Russen waren offene Grenzen gewohnt, sie waren es gewohnt zu reisen und wollen das wieder tun. Sie sind die Jugend der Welt.“

Eine Sehnsucht nach einem neuen Großreich nach sowjetischem Vorbild sieht Timoschenkowa bei den russischen Bürgern nicht: „Es gibt keine UdSSR-Nostalgie. Natürlich hatte die Union mit den Nachbarn Vorteile, wie etwa das friedliche und freundschaftliche Zusammenleben der Völker. Aber heute leben wir unter anderen Bedingungen.“

Was allerdings festzustellen sei, sei eine gewisse Sorge vor der Rückkehr zu einem Kalten Krieg zwischen Ost und West: „Hier gibt es schon eine Enttäuschung, vor allem über das mangelnde Verständnis im Westen für Russland.“ Von Deutschland etwa habe man sich nach der geglückten Wiedervereinigung ein besseres Verständnis erwartet. Timoschenkowa: „Die Deutschen hätten eigentlich im Hinblick auf die Krim verstehen müssen, was eine Wiedervereinigung bedeutet.“

Der russische Präsident Wladimir Putin hat sich bisher zu Gorbatschow kaum öffentlich positioniert. Dies dürfte aus Rücksicht auf die alten Kader geschehen und wohl auch, weil Putin der Politiker einer anderen Zeit ist, in der autoritäre Elemente wieder stärker zum politischen Alltagsgeschäft gehören. In einem Punkt steht Putin jedoch immer noch in der Tradition von Gorbatschow: Er möchte, trotz aller Verwerfungen, eine „gemeinsame europäische Sicherheitsarchitektur“. Timoschenkowa: „Die Idee des gemeinsamen Hauses Europa, eines Wirtschaftsraumes von Lissabon bis Wladiwostok, lebt weiter, trotz aller Enttäuschungen der vergangenen Jahre.“