Impfspritzen, Grippeimpfung *** Vaccination Influenza vaccination
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BerlinDer Kinderarzt Jakob Maske ärgert sich, und das, obwohl er gerade ein paar Tage ausspannt. Herbstferien sind normalerweise für Ärzte wie Jakob Maske, der eine Praxis in Berlin-Schöneberg betreibt, eine recht ruhige Zeit – schließlich sind viele potenzielle Patienten im Urlaub. Doch in diesem Herbst ist nichts normal. Die Deutschen – und natürlich auch die Berliner – verreisen derzeit Corona-bedingt kaum noch. Wohin auch? Die Pandemie ist überall, das gleiche gilt für Reisebeschränkungen. Also sitzen Maskes potenzielle Patienten in diesem Herbst zu Hause, haben Zeit im Überfluss. Und viele ihrer Eltern haben Angst, Angst vor einer Infektion mit dem Grippevirus. Das könnte in Kombination mit dem Coronavirus diese Saison besonders gefährlich sein, fürchten sie.

Diese Furcht begegnet vielen niedergelassenen Ärzte jeden Tag. „Die Praxen sind voll aufgrund der Jahreszeit“, sagt Burkhard Ruppert, stellvertretender Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin, im Gespräch mit der Berliner Zeitung. Und das, obwohl viele Ärzte nur noch mit klaren Terminvergaben arbeiten, um die Wartezimmer zu entlasten. Patienten mit Corona-Verdacht werden ohnehin auf die Randzeiten der Sprechstunde (ganz früh oder ganz spät) gelegt, um das Infektionsrisiko möglichst gering zu halten.

Ruppert betreibt eine Praxis für Kinder- und Jugendmedizin in Reinickendorf. „Die Leute sind in diesem Jahr besonders sensibilisiert. Viele sind verunsichert“, sagt er. Ruppert und die meisten seiner Kollegen versuchen zu beschwichtigen. Sie sagen, dass eine generelle Grippeschutzimpfung weder für Erwachsene noch für Kinder notwendig oder sinnvoll sei. Entscheidend sei es dagegen, Risikogruppen zu schützen. Und wenn schon Kinder geimpft werden sollen, dann nur solche mit chronischen Erkrankungen.  Dieses Jahr stehen insgesamt 26 Millionen Impfdosen zur Verfügung. Wollte man alle Risikogruppen impfen, würden 40 Millionen Dosen benötigt.

Schuld an der Angst der Eltern ist nach Meinung vieler Berliner Ärzte Gesundheitsminister Jens Spahn. Der CDU-Politiker hatte noch im Spätsommer gesagt: „Jeder, der sich und seine Kinder impfen lassen will, sollte und kann das tun.“ Dabei nahm Spahn Bezug auf den Mediziner Johannes Hübner. Der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) empfiehlt Grippeschutzimpfungen für Kinder. Schließlich wisse man, „dass Kinder den Influenzavirus maßgeblich übertragen“.

Jakob Maske, der Kinderarzt aus Schöneberg und Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), hält das für falsch. Wichtig sei es, dass ältere Menschen sich selbst schützen, dann könnte Kinder – zum Beispiel ihre Enkel –, ihnen nicht gefährlich werden, sagt er. „So aber müssen wir etwas ausbaden, weil anderswo Blödsinn in die Welt gesetzt wurde“, sagt er. Dabei wisse man, dass bei Kindern und Jugendlichen Infektionen mit Influenza oder auch Corona meistens einen milden Verlauf nehmen. Und auch bei einer Kombination sei die Komplikationsrate „in der Regel“ nicht höher, so Maske.

Doch es sind dieser Tage längst nicht nur die Kinderarztpraxen sehr voll. Auch die Hausärzte haben viel zu tun. So berichtet Wolfgang Kreischer, Berliner Verbandschef und Inhaber einer Praxis in Zehlendorf, im Gespräch mit der Berliner Zeitung von „einem Hype“ – mit zum Teil unangenehmen Nebenwirkungen. Da wegen Corona in seinem Wartezimmer nur jeder zweite Stuhl besetzt wird, stehen die Patienten im Hausflur an. Viele wollten eine Grippeschutzimpfung. Und das ist nach Kreischers Beobachtung neu. „Noch voriges Jahr war die Impfbereitschaft minimal, jetzt steigt sie stark an“, erzählt er. Um so ärgerlicher sei es dann, wenn er erklären müsse, dass es auch in diesem Jahr keine „Wunschimpfung“ gebe. „Ich habe schon einige wieder wegschicken müssen“, sagt Kreischer.

Das ist aus Sicht von Verbandsfunktionär Ruppert besonders bedauerlich. „Wir sind in einer bescheuerten Situation“, schließlich sei es ja wünschenswert, dass die Impfbereitschaft so hoch ist. Normalerweise werde nämlich zu wenig geimpft, weil die Leute es nicht wollten. Jetzt würden sie nicht geimpft, weil es zu wenig Impfstoff gebe.

Immerhin scheint eine Forderung der Berliner Ärztefunktionäre Gehör gefunden zu haben. Telefonische Krankschreibungen wegen Erkältungsbeschwerden sollen bis Jahresende wieder umfangreicher möglich werden. Das war bereits in der Anfangsphase der Pandemie möglich. Später war entschieden worden, diese nur noch regional und zeitlich befristet per Ausnahmeregelung zuzulassen. „Dabei gab es schon damals kaum Missbrauch“, sagt Hausarzt Kreischer.