BerlinImmer noch werden einige Kinder, die intersexuell zur Welt kommen, operativ einem Geschlecht angepasst. Ein neues Gesetz soll das weitgehend verhindern. Der Gesetzentwurf sei nicht perfekt, sagt Charlotte Wunn, Erste*r Vorsitzende*r des Bundesverbandes Intersexueller Menschen, aber ein dringend notwendiger Schritt.

Berliner Zeitung: Charlotte Wunn, bei unserem E-Mail-Wechsel, der diesem Interview vorausging, tauchte die Frage auf, wie ich Sie anrede. Was ist die Höflichkeitsformel für jemanden, der weder Mann noch Frau ist?

Charlotte Wunn: Wir verwenden oft eine geschlechtsneutrale Anrede, etwa „Guten Tag“ und dann den Vor- und Nachnamen. Nur weil jemand einen weiblichen Vornamen trägt, heißt das eben nicht automatisch, dass diese Person auch als Frau angesprochen werden möchte. Im Zweifel sollte man nachfragen. Ich selbst bezeichne mich meistens als Mensch. Ich freue mich immer, wenn ich in E-Mails möglichst geschlechtsneutral angesprochen werde, weil ich mich eben nicht eindeutig als Frau identifiziere.

Was genau ist gemeint, wenn wir von Intersexualität sprechen?

Wenn Menschen den Begriff Intersexualität hören, denken sie oft, dass es dabei darum geht, auf wen sich das sexuelle Begehren richtet. Tatsächlich geht es um körperliche Varianten der Geschlechtsentwicklung, das bedeutet: Ein Mensch wird mit einem Hormonhaushalt, einem Chromosomensatz oder Genitalorganen geboren, die von der weiblichen oder männlichen Geschlechtsnorm abweichen. Wir verwenden inzwischen eher den Begriff Intergeschlechtlichkeit, um dieses Missverständnis zu vermeiden.

Es gibt sehr viele Varianten der Geschlechtsentwicklung, die als intergeschlechtlich bezeichnet werden. Welche trifft auf Sie zu?

Äußerlich bin ich als Mädchen zur Welt gekommen, hatte aber im Bauchraum liegende Hoden, sogenannte Gonaden. Die wurden mir als Säugling auf Anraten der Ärzte entfernt. Damals hieß es, es bestehe durch die Gonaden eine erhöhte Krebsgefahr. Bei solchen Operationen wurde lange mit dem angeblichen Krebsrisiko argumentiert, als das schon nicht mehr dem Stand der Wissenschaft entsprach – auch in meinem Fall.

Intergeschlechtlichkeit

In Deutschland kommen Schätzungen zufolge jährlich 150 bis 350 intersexuelle Kinder zur Welt. Bei ihnen entsprechen Chromosomen, Gene, Hormonhaushalt oder Geschlechtsorgane nicht übereinstimmend dem weiblichen oder dem männlichen Geschlecht. Die Vereinten Nationen und die Organisation Intersex International gehen davon aus, dass bis zu 1,7 Prozent der Weltbevölkerung intersexuell geboren werden – das entspricht etwa dem Anteil rothaariger Menschen auf der Welt.

In der Vergangenheit
wurden bei den intergeschlechtlich geborenen Kindern etwa innenliegende Hoden entfernt oder eine extrem vergrößerte Klitoris operativ verkleinert. Inzwischen herrscht auch in der Bundesärztekammer prinzipiell Einigkeit darüber, dass Operationen zur Festlegung des Geschlecht nicht voreilig vorgenommen werden dürfen, da diese auf „grundlegende, die Person in ihrem Wesenskern betreffende Eigenschaften“ zielten.

Ein neues Gesetz
soll verhindern, dass intergeschlechtlich geborene Kinder Operationen unterzogen werden, die „allein in der Absicht erfolgen, das körperliche Erscheinungsbild des Kindes an das des männlichen oder des weiblichen Geschlechts anzugleichen.“ Kritiker befürchten aber, dass es nach wie vor letztlich im Ermessen von Ärzt*innen liegen wird, wann eine Operation angezeigt ist und fordern, die Bedeutung von verpflichtenden Beratungsangeboten vor geschlechtsangleichenden Operationen im Gesetz zu stärken.

Warum wurden Sie dann operiert?

Meine Eltern wurden falsch beraten. Ich wurde in den 90ern geboren, damals gab es noch keine ausreichenden Informationsmöglichkeiten, meine Eltern hatten gar keine Möglichkeit, sich eine unabhängige Meinung zu bilden. Sie sind dem Rat der Ärzte gefolgt, weil sie dachten, das wäre das Beste für mich. Manchmal gehen Ärztinnen und Ärzte auch von ihren eigenen geschlechtsstereotypen Vorstellungen aus, wenn sie glauben, sie täten den Kindern etwas Gutes, wenn sie sie so früh wie möglich operieren. Weil die Kinder dann, so die Argumentation, nicht wegen ihrer körperlichen Andersartigkeit gehänselt werden. Dass damit Kinder in eine zweigeschlechtliche Norm hineingepresst werden, in die sie gar nicht hineinpassen, und was das für ihr weiteres Leben bedeutet, das sehen Mediziner*innen oft nicht, sie haben ja später oft gar keinen dauerhaften Kontakt mehr zu den Kindern.

Der Gesetzentwurf, den der Bundestag in dieser Woche in der ersten Lesung diskutieren will, soll geschlechtsangleichende Operationen bei Kindern verbieten, wenn diese medizinisch nicht unbedingt notwendig sind. Verschiedene Organisationen – auch Ihr Verband – kritisieren, es gebe zu viele Schlupflöcher in dem geplanten Gesetz. Inwieweit ist es denn überhaupt eine Verbesserung?

Derzeit gibt es kein wie auch immer geartetes Gesetz, das intergeschlechtlich geborene Kinder vor geschlechtsangleichenden Operationen schützt. Insofern ist der Gesetzentwurf ein wichtiger, ein notwendiger Schritt – und natürlich eine Verbesserung. Aber er ist eben nicht perfekt.

Wo liegen die Schwächen?

Der Schutz beschränkt sich auf Kinder mit Varianten der Geschlechtsentwicklung. Das heißt, Operationen, die medizinisch nicht unbedingt erforderlich sind, sind bei Kindern dann verboten, wenn bei ihnen eine Variante der Geschlechtsentwicklung diagnostiziert ist. Da stellen wir uns die Frage, was mit Kindern passiert, bei denen es eine entsprechende Diagnose (noch) nicht gibt. Bei diesen Kindern könnte dann immer noch eine normangleichende Operation vorgenommen werden. In einigen Krankenhäusern gibt es nur diese Operation als Behandlungsmethode bei Varianten der Geschlechtsentwicklung.

Die Hauptstadtfotografen
Zur Person

Charlotte Wunn, 28, lebt in Berlin und ist Erste*r Vorsitzende*r des Bundesverbands Intersexuelle Menschen e.V. Wunn arbeitet in einer Beratungsstelle zum Themenbereich „Intergeschlechtlichkeit“, die im Kompetenznetzwerk „Selbst.verständlich.Vielfalt“ angesiedelt ist.

Angenommen, eine Behandlung ist nötig: Was käme denn außer einer Operation als Behandlungsmethode überhaupt in Frage? Medikamente?

Das kommt auf den Fall an. Eine Art der Behandlung wäre auch, auf eine Operation zu verzichten und dem Kind und seinen Eltern stattdessen psychologische Betreuung oder eine Peer-Beratung anzubieten. Und dafür zu sorgen, dass zum Beispiel innenliegende Hoden regelmäßig untersucht werden, um Auffälligkeiten auszuschließen. Inzwischen werden von Kliniken auch immer mehr Angebote ins Leben gerufen, die etwa Schulungen für Eltern und Patient*innen anbieten. Aber das ist zurzeit eben noch stark davon abhängig, in welches Krankenhaus man kommt beziehungsweise in welchem Krankenhaus eine Mutter entbindet.

Aber der Gesetzentwurf sieht doch eine Beratung vor einer eventuellen Operation vor.

Ja, aber da ist das Gesetz sehr schwammig formuliert. Eine Beratung der Eltern wird empfohlen, ist aber nicht verpflichtend. Wer genau diese Beratung durchführen soll, wird ebenfalls nicht näher ausgeführt. Das reicht unserer Meinung nach nicht aus. Was es heißt, intergeschlechtlich oder Elternteil eines intergeschlechtlichen Kindes zu sein, das kann man nicht vermitteln, nur weil man mal eine Fortbildung gemacht hat. Besser wäre es, eine Peer-Beratung für Eltern verpflichtend zu machen.

Wussten Sie als Kind, dass Sie intergeschlechtlich geboren und dann operiert wurden?

Meine Eltern haben versucht, mir zu erklären, was Intergeschlechtlichkeit bedeutet. Das Problem war, dass es damals noch sehr wenig Aufklärung gab, etwa in Form von Büchern, wo intergeschlechtliche Körper eine Rolle gespielt hätten. Aufgrund meiner äußeren Merkmale bin ich erstmal davon ausgegangen, dass ich ein Mädchen bin – obwohl ich immer ein bisschen gemerkt habe, dass das für mich nicht ganz passt. Mit Beginn der Pubertät habe ich mich dann mit Geschlechterrollen und Normvorstellungen auseinandergesetzt und bin irgendwann zu der Überzeugung gekommen, dass ich mich eben nicht als hundertprozentige Frau sehe. Ich habe einen xy-Chromosomensatz und kann mich in diesem einen Geschlecht einfach nicht komplett verorten.

Der Gesetzentwurf sieht vor, dass ein Kind selbst über eine Operation entscheiden können soll, sobald es „einwilligungsfähig“ ist.

Das ist auch eine der Schwachstellen. In dem aktuellen Entwurf ist überhaupt keine Altersgrenze angegeben. Man geht davon aus, dass Kinder unter zehn Jahren nicht einwilligungsfähig sind. Zwischen zehn und achtzehn gibt es gewissermaßen einen offenen Rahmen. In diesem Alter besteht aber die Gefahr, dass ein Kind oder Teenager dann in eine Operation einwilligt, obwohl gar keine ausreichende Aufklärung stattgefunden hat.

Aber ich kann einem Kind, das sich im Alter von, sagen wir, 14 Jahren unbedingt operieren lassen möchte, das doch auch nicht pauschal verwehren.

Nein, aber so eine Einwilligung hängt ja auch davon ab, wie über geschlechtsangleichende Operationen informiert wird. Es passiert, dass einem Kind in dem Alter gesagt wird: Du willst doch sicher auch mal Sex haben, oder? Damit wird eine Operation implizit empfohlen. Dabei geht es dann im Zweifelsfall um große Operationen wie die Anlage einer Neo-Vagina. Wenn aber das Kind vielleicht noch nicht einmal eine Beziehung hatte, geschweige denn eine sexuelle, dann ist so eine Frage eine große Überforderung. Wie sollte ein Kind auf dieser Grundlage eine überlegte Entscheidung treffen? Man könnte das stattdessen auch neutral formulieren und Alternativen anbieten – wie eben Beratungen und psychologische Unterstützung. Damit eröffnen sich ganz andere Möglichkeiten abgesehen von einem medizinischen Eingriff, der nicht reversibel ist.

Was bedeutet Intergeschlechtlichkeit für die Sexualität?

Grundsätzlich gibt es alle Formen von Beziehungen und sexuellem Begehren. Es gibt aber viele intergeschlechtliche Menschen, die noch nie in einer romantischen Beziehung waren. Es verlangt einem viel ab, wenn man einem potenziellen Beziehungspartner erstmal erklären muss, dass es Menschen gibt, die eben nicht der gängigen Geschlechtsnorm entsprechen, die man im Bio-Unterricht gelernt hat. Als intergeschlechtliche Person verändert man damit unter Umständen das ganze Weltbild des Menschen, mit dem man sich eine Beziehung vorstellen kann. Und dann tauchen natürlich noch ganz andere Fragen auf, etwa nach der Familienplanung. Zwar gibt es intergeschlechtliche Menschen, die Kinder zeugen oder gebären können, aber das ist eben nicht die Regel.

Wie reagiert Ihr persönliches Umfeld darauf, dass Sie weder Mann noch Frau sind?

Ich gehe mit meiner Intergeschlechtlichkeit inzwischen sehr offen um, in meinem Freundes- und Bekanntenkreis wissen es eigentlich alle. Ich habe damit kein Problem und auch noch keine wirklich negativen Reaktionen erlebt. Ich werde aber auch von meinen Freunden und meiner Familie sehr unterstützt. Viele Inter*Personen erleben aber Ausgrenzungen. Wenn man einen Körper hat, der nicht stereotyp männlich oder weiblich aussieht, besteht immer die Gefahr von Diskriminierung.  Etwa, wenn eine Inter*Person, die eine Damentoilette besucht, zu hören bekommt: „Sie gehören hier aber nicht hin!“ Nur: Auf das Herrenklo gehört sie dann ja auch nicht. Es ist wichtig, dass gesamtgesellschaftlich die starren Denkmuster von Zweigeschlechtlichkeit aufgebrochen werden. Es gibt nun mal nicht nur Männer und Frauen, sondern auch viele Menschen, die nicht in diese Kategorien passen. Und die müssen auch mal auf die Toilette.

Das Gespräch führte Tanja Brandes.