Am 10. November 1988 wurde symbolisch der Grundstein für den Wiederaufbau der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße gelegt. Erich Honecker, Staatsratsvorsitzender und Generalsekretär der SED, nahm teil. Dieser Akt stand symbolisch auch für das wachsende Interesse der DDR-Führung an Kontakten zum Judentum.
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BerlinAuf halben Weg zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung, Anfang März 1990, klingelte die neue Zeit an der Tür von Peter Fischer in Weißensee. Er arbeitete seit knapp einem Jahr als Sekretär des Verbandes der Jüdischen Gemeinden in der DDR, und nun standen da zwei Leute vor ihm: ein stattlicher Mann mit Hut und dessen nicht minder stattliche Frau im Pelzmantel. Sie waren die ersten jüdischen Emigranten aus der Sowjetunion, die sich bei ihm meldeten.

Wie sich herausstellte, handelte es sich um Arkadi Litwan, Vorsteher der jüdischen Gemeinde von Odessa, und seine Gattin Alla. Sie wollten in Berlin bleiben, baten um Hilfe und erzählten, sie seien nicht die Einzigen mit solchen Wünschen. Noch gänzlich ahnungslos fragte Peter Fischer, wie viele Mitglieder die Odessaer Gemeinde denn habe. 150.000, lautete die Antwort. Um diese Zeit zählten die sieben jüdischen Gemeinden in der gesamten DDR 405 Mitglieder. Peter Fischer versorgte die Litwans mit Adressen und rief Hans Modrow an, zu diesem Zeitpunkt Ministerpräsident der DDR. Sie waren sich einig: „Da geht was los.“

Kaum hatte Peter Fischer sein erstes Büro im Keller der Oranienburger Straße 31, nicht weit von der Synagoge, instand gesetzt und bezogen, füllten sich die Räume mit Juden aus der Sowjetunion: „Bis Ende Mai kamen 475 Leute. Das war sehr fordernd“, erinnert er sich. Noch stand er ziemlich allein inmitten des Trubels. Erst kurz zuvor war seine halbe Stelle auf Vollzeit erweitert worden – und selbst die im Frühjahr 1989 eingerichtete halbe Stelle beim Sitz des Dachverbandes in Dresden war etwas Besonderes gewesen nach Jahrzehnten der Stille um die kleinen jüdischen Gemeinden in der DDR. Angesichts des Alters ihrer Mitglieder schien ihr demografisches Ende nah.

Aber seit dem Herbst 1988 waren Veränderungen im Gange. Staats- und Parteichef Erich Honecker wollte Beziehungen zu den USA, vor allem ersehnte er die Meistbegünstigung im Handel. Er stellte sich vor, die Juden könnten als Türöffner behilflich sein. Die anti-israelische DDR-Propaganda flaute ab, die Teilrekonstruktion der Neuen Synagoge und die Gründung des Centrum Judaicum kamen ins Gespräch. Honecker traf den Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses, Edgar Bronfman, und den Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Heinz Galinski.

Nach dem Mauerfall gewann der Prozess erst recht an Dynamik. Peter Fischer, Ingenieur, promoviert und SED-Mitglied, lebte mit „galoppierender Entfremdung“ vom „Abbruchstaat“ DDR. Seine Stelle an der Hochschule für Ökonomie Karlshorst hatte er nach einem Auschwitzbesuch 1987 gekündigt. Vor allem die grotesk verengte Geschichtsdarstellung in der Ausstellung über die deutschen Juden hatte ihn erschüttert – ihn, den 1944 im Londoner Exil Geborenen, der große Teile seiner Familie in der Shoa verloren hatte: „Da war nichts, was das typische Schicksal annähernd beschrieb.“ Diese Ausstellung sprach ausschließlich vom Widerstand, so als wären die unendlich vielen wehrlosen Opfer nicht der Erwähnung wert gewesen.

Als im Herbst 1989 bis dahin Undenkbares möglich wurde, machte er die humanitäre Hilfe für Überlebende der Shoa zu seinem Projekt: Die DDR sollte endlich etwas für die Juden in Israel tun – alte, kranke, oft arme Menschen. Er setzte alle ihm erreichbaren Hebel in Bewegung, um Geld für eine Amcha-Stiftung in der DDR zu mobilisieren, die genau diese Opfer in Israel unterstützten sollte. Die Gunst der Stunde und das große Wohlwollen der letzten beiden DDR-Regierungen halfen, dass eine halbwegs ansehnlich Summe zustande kam.

Den Anfang machte die Regierung Modrow am 8. März 1990, als sie der Gründung dieser Amcha-Stiftung in der DDR zustimmte und zunächst 100.000 DM zusagte. Die Regierung Lothar de Maizières ging den Weg konsequent weiter: Am 31. Mai wurde die „Amcha-Stiftung in der DDR e. V.“ im Vereinsregister eingetragen, am 7. Juni traf das zugesagte Geld ein. Und dann, am 26. Juni, unmittelbar vor der Währungsunion, geschah das jahrzehntelang Unmögliche: Die DDR, der Staat in Abwicklung, überwies 6,1 Millionen „harte“ Deutsche Mark für die Opfer des Holocaust in Israel. Das Geld kam von der Staatsbank – aus dem „Kehraus“, wie es hieß. Was für eine Wende! Als Vorsitzender des Vereins durfte Peter Fischer weitere Zustiftungen erleben. Zudem wurden rentenrechtliche Fragen von Gemeindemitgliedern wie überhaupt der NS-Verfolgten gelöst.

Neue Synagoge Foto: Centrum Judaicum/Margit Billeb
Die DDR öffnet sich

Zuwachs: Seit 1990 sind mehr als 100.000 Juden nach Deutschland gekommen, die meisten davon aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Die Mitgliederzahl der jüdischen Gemeinden in Deutschland stieg dadurch beträchtlich an. Zwar ist die Zahl der jüdischen Einwanderer in den letzten Jahren wieder deutlich zurückgegangen. Dennoch stellen immer noch Hunderte Personen jedes Jahr einen Einreiseantrag. 2018 wurden dem Migrationsbericht der Bundesregierung zufolge 1038 jüdische Einwanderer aus der ehemaligen UdSSR in Deutschland registriert.

DDR-Regelungen: Juden kamen 1989 sowohl nach West-Berlin als auch mit Touristenvisa nach Ost-Berlin. Die letzten Regierungen der DDR unter Hans Modrow und Lothar de Maizière bekannten sich zur Verantwortung für die deutsche Geschichte. Sie sprachen sich dafür aus, „jüdischen Bürgern, denen Verfolgung oder Diskriminierung droht“, im Sinne des „Asyls für Ausländer“ aus „humanitären Gründen“ Aufenthalt zu gewähren. Die Regelung war gegenüber dem Bruderland Sowjetunion heikel, schließlich konnte es dort gar keine Verfolgung von Juden geben. Auch sah das DDR-Recht kein Asyl vor.

Aktuelle Konflikte: Die jüdische Zuwanderung nach Deutschland aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion ist vorübergehend wegen der Corona-Pandemie gestoppt. Die deutschen Botschaften in Moskau und anderen Hauptstädten der früheren UdSSR-Staaten stellen seit einiger Zeit keine Einreisevisa mehr aus für Juden. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, hat die Bundesregierung bereits aufgefordert, „den Sachverhalt zu prüfen, um diesen unerträglichen Zustand so schnell wie möglich zu beenden“ und den Betroffenen die baldige Einreise nach Deutschland zu genehmigen.

Solche Entwicklungen und die Zuwanderung von Juden aus der Sowjetunion – bis zum Ende der DDR waren es schon über 4000 – bestimmten sein bewegtes Zwischenjahr von Mauerfall bis zur staatlichen Wiedervereinigung. Da erschien die unausweichliche Annäherung der jüdischen Organisationen in Ost und West beinahe als Nebensache. Doch so war es nicht.

Seit Anfang der 1960er-Jahre waren der Zentralrat der Juden im Westen und der Verband der jüdischen Gemeinden in der DDR getrennte Wege gegangen – der eine mehr als 28.000 Mitglieder stark und mit erheblichem Einfluss auf die Politik der Bundesrepublik, der andere, mit 405 meist älteren Mitgliedern über sieben Gemeinden in den DDR-Bezirken verstreut, spielte im DDR-Machtgefüge so gut wie keine Rolle. Zwar gab es Juden wie Herrmann Axen oder Albert Norden, die im SED-Politbüro im Zentrum der Herrschaft agierten, aber die waren ebenso wie die nach Tausenden zählenden Juden in den Medien, in Kultur und Wissenschaft nicht als jüdische Stimmen hörbar.

Zwei Männer machten sich 1990 daran, die beiden ungleichen Verbände zusammenzuführen – wie die Sherpas, die für Staatschefs internationale Gipfel vorbereiten, im Hintergrund, doch unverzichtbar. Micha Guttmann, Jurist und Journalist, 1947 in West-Berlin geboren, seit 1988 Generalsekretär des Zentralrates, und Peter Fischer. „Wir haben das zusammen gestemmt“, sagt Micha Guttmann in Erinnerung an die aufwühlende Zeit.

Da flossen auch Tränen

Die kurze Phase der Kooperation, als von Vereinigung höchstens vage die Rede war, nutzte man zum Kennenlernen. Peter Fischer besuchte Heinz Galinski an einem Wintersonntag 1989 in dessen West-Berliner Wohnung und verließ sie nach einem offenen, freundlichen Gespräch. Bald darauf kutschierte Fischer sein West-Pendant Guttmann in die DDR-Gemeinden, und dem wurde angesichts des schlechten baulichen Zustands der wenigen Synagogen und Gemeindehäuser sowie der sozialen Lage vieler der älteren Gemeindemitglieder das Ausmaß der Aufgaben klar. Auf der höheren Ebene knüpften Heinz Galinski und die Vorstände des Dachverbandes in der DDR, Siegmund Rotstein als Präsident und Peter Kirchner als Vize, zugleich Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Ost-Berlin, ihre Kontakte.

Nach der Volkskammerwahl vom 18. März 1990 war dann bald allen klar, dass auch die jüdischen Organisationen ihre Vereinigung vorbereiten mussten. Jedem waren die Größen- und Machtverhältnisse bewusst, doch erinnert sich Guttmann an den Wunsch des Ost-Verbandes, als Institution übernommen zu werden. Aber das erlaubten die Statuten des Zentralrats nicht. Also musste der DDR-Verband aufgelöst werden und es sollten zwei neue Landesverbände entstehen – einer in den ehemaligen Nordbezirken der DDR, einer im Süden.

Die Pressemitteilung vom 24. Juli 1990 zu den Vorbereitungen zur Vereinigung benannte die wichtigsten Fragen, die in Gesprächen mit der DDR-Regierung auf der Agenda standen: Vorschläge für Eigentumsrückerstattungen, Entschädigung bisher unberücksichtigter NS-Opfer, Zuwendungen an jüdische Gemeinden, Erhalt des größten jüdischen Friedhofs Europas in Berlin-Weißensee als Kulturdenkmal mit städtischen Mitteln. In Ost-Berlin wurde eine Geschäftsstelle des Zentralrats eingerichtet. Geschäftsführer: Peter Fischer.

Die „Neuvereinigung“ der Verbände, wie er es nennt, wurde am 12. September vollzogen. Das Protokoll führt detailliert die Beschlüsse auf – zu den Finanzen, dem Leipziger Synagogalchor oder den Sabbatfeiern im Berliner Rundfunk. Die beiden jüdischen Gemeinden Berlins schlossen sich dann im Dezember zusammen. Hier sollte unbedingt der Eindruck vermieden werden, die große West-Gemeinde übernehme die aus dem Osten einfach huckepack. Vor allem Herrmann Simon, Gründungsdirektor des Centrum Judaicum, sei dies gelungen.

Micha Guttmann erinnert sich an eine „stimmungsvolle Atmosphäre zwischen Melancholie und Euphorie“. Vor allem Mitglieder kleiner Ostgemeinden seien bei der Auflösung des Verbandes emotional höchst bewegt gewesen. „Da flossen Tränen“, erzählt Guttmann, „alle haben das als etwas Besonderes empfunden, es ging ja um die Abwicklung des jüdischen Lebens in der DDR.“

Die Rückgabe von Grundstücken aus jüdischen Eigentum – dem der Gemeinden wie von jüdischen Stiftungen beispielsweise – erwies sich als schwierig. Guttmann sagt, der Wille sei in den DDR-Institutionen vorhanden gewesen, aber in vielen Grundbüchern aus der NS-Zeit seien Eintragungen geschwärzt, Zuordnung von Eigentum zu jüdischen Besitzern also nicht mehr möglich gewesen. Doch die jüdischen Vertreter blieben – auch mit Unterstützung der Jewish Claims Conference – beharrlich. „Wir brauchten das Geld für die neuen Gemeinden in der DDR, es war so viel zu tun“, sagt Guttmann.

Streitfragen bestanden auf sachlicher Ebene: Wo sollten die vielen Zuwanderer aus der Sowjetunion angesiedelt werden? Bei den Gemeinden mit existierender Infrastruktur, wie es Peter Fischer vorschwebte, „um sich als Juden in den deutschen Kulturkreis zu integrieren“? Oder verstreut und lose kulturell? Hinter jeder Idee steckte auch politisches Kalkül. Davon abgesehen: Mit den inzwischen etwa 230.000 aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommenen Menschen hat das jüdische Leben einen gewaltigen Schwung erfahren, sicherlich verbunden mit etlichen Überraschungen. Die Zahl der Mitglieder jüdischer Gemeinden in Deutschland stieg auf knapp 100.000.

Eine Sorge ist seit den Einigungstagen eher gewachsen: „Unsere größte Angst war schon damals: Die Nazis kriechen wieder hervor und werden laut. Wir sind nicht fertig damit“, sagt Peter Fischer.