Eine Rossman-Filiale in Berlin
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BerlinEs ist Juni 2020 mitten in Berlin. Eine junge Frau sprach weinend und wütend zugleich vor einer Berliner Filiale der Drogeriekette Rossmann in die Kamera. Sie berichtete, was ihr gerade widerfahren ist. Eine Verkäuferin hatte sie rassistisch beleidigt. Sie verlangte nach dem Bezahlen die Karte zu sehen und den Ausweis, was bei niemandem sonst nötig schien. Sie unterstellte der jungen Frau Betrug, wegen des Namens der jungen Frau. Sie schrie sie an. Die Filialleiterin kam dazu und schrie ebenfalls, so wie eine Frau, die von draußen kam und die Schwarze Frau. Ihr kleiner vierjährigen Sohn begann sich zu fürchten. Die junge Frau holte die Polizei. Zwei Polizisten erschienen. Der eine bedrohte die junge Frau. Wenn sie eine Anzeige wegen Rassismus stellen wolle, könne sie wegen Falschaussage ins Gefängnis kommen. Die Zeugen protestierten und bestätigten die Geschichte der jungen Frau. Ihr kleiner Sohn fragte voller Angst, ob die Mama jetzt ins Gefängnis müsse. Der Polizist ignorierte die Zeugen.

Ich sehe das Video der jungen Frau und bin wütend. Und es bricht mir das Herz. Die Anstrengung, in einem Land zu leben, in dem Rassismus zur Struktur und zum Alltag gehört ist wahnsinnige groß. Ständig gibt es Reaktionen, ständig müssen Schwarze Menschen auf der Hut sein, schnell zu reagieren. Egal worauf. Abwertung, Anmache, Gewalt, Herablassung. Da gibt es keine Chance, einzutauchen in eine angenehme Normalität, denn Schwarze Menschen tragen die Last des Rassismus auf ihrer Haut. Es sollte eigentlich umgekehrt sein. Die Rassisten sollten die Last tragen. Das tun sie aber nicht; manche, weil sie Rassismus ok finden, andere, weil sie sich strikt und oft aggressiv weigern, ihre Haltungen als rassistisch wahrzunehmen. Welcher Kategorie nun die Verkäuferinnen, die brüllende Kundin oder der Polizist angehören, können sie wohl nur selbst beantworten. Rassistisch haben sie sich jedenfalls alle verhalten.

Das Schlimmste für Schwarze Menschen oder andere, die nicht weiß sind, ist es wohl, wenn Rassismus gegen sie allgemein wie konkret bestritten wird. Wenn ihnen ihre Wahrnehmungen ausgeredet, ihre Erlebnisse uminterpretiert werden. Wenn sie bezichtigt werden, selbst schuld zu sein. Das ist in vieler Hinsicht verletzend. Jemandem den Verstand abzusprechen, das Urteilsvermögen und das Recht darauf, auf Unrecht hinzuweisen, ist abwertend und niederträchtig.

Wie kann ernsthaft geleugnet werden, dass auch in Deutschland Rassismus ein Problem ist? Wie sollte es das nicht sein? Was in aller Welt sollte gerade die Deutschen bisher davon abgehalten haben, genau wie andere rassistisch zu sein? Bisher hat es hier keine ehrliche Auseinadersetzung mit Rassismus gegeben. Reden, ja. Auch so manches Seminar. Doch eine Meldestelle für rassistische Vorfälle? Die gibt es nicht. Was ist also mit dem strukturellen Rassismus? Das, was eine Verkäuferin sagen lässt, die junge Frau könne gar keine Kreditkarte haben, weil sie schwarz ist? Oder den Polizisten, der ihr mit Gefängnis droht? Oder dem einen oder anderen Schwarzen Kind in der Schule, das systematisch entmutigt wird? Nein, der Rassismus in Deutschland liegt noch überall herum. Es ist Zeit, endlich damit aufzuräumen, statt immer nur auf die USA zu zeigen.