Die Redaktion der Meinungsseite des „Topeka Capital-Journal“ hatte sich die Entscheidung nicht leichtgemacht. Immerhin kann die zweitgrößte Zeitung im US-Bundesstaat Kansas ihre stolzen Wurzeln bis ins Jahr 1879 zurückverfolgen. Donald Trump sei ein Pöbler und kein richtiger Politiker, meinten die Journalisten. Doch das Land brauche eine radikale Veränderung. „Trump ist dreist. Trump ist kampfeslustig. Trump ist wagemutig. Er ist die beste Wahl, unsere desillusionierte Nation in die Zukunft zu führen“, postulierte das Blatt drei Tage vor der Präsidentschaftswahl im November 2016.

Einzigartige Aktion mit Beteiligung von 350 Zeitungen

Das „Capital-Journal“ mit einer Auflage von rund 30.000 Exemplaren war eine der wenigen US-Zeitungen, die vor zwei Jahren zur Wahl von Trump aufriefen. Umso überraschter dürften die Leser in der traditionell republikanischen Weizenkammer Amerikas gewesen sein, als sie das Blatt am Donnerstag aufschlugen. „Die Presse ist nicht der Feind des Volkes“, war der Leitartikel fett überschrieben. Der Kommentator betonte, dass das vom Präsidenten gerne benutzte Schimpfwort in Stalins Sowjetunion gegen Dissidenten und in Nazi-Deutschland gegen Juden verwendet wurde. „Journalisten sind es gewöhnt, beleidigt zu werden“, hieß es weiter: „Aber ein Feind des ganzen Volkes genannt zu werden, ist etwas anderes. Es ist unheimlich. Es ist zerstörerisch. Und es muss nun enden!“

Mit diesem ungewöhnlichen Appell steht das „Capital-Journal“ nicht allein. Insgesamt 350 Tageszeitungen vom Arizona Daily Star bis zur Plymouth Review in Wisconsin veröffentlichten am Donnerstag Leitartikel mit ähnlichem Tenor. In einer einzigartigen Aktion räumte die New York Times ihre komplette Kommentarseite frei. In einem kleineren Text verurteilte sie die „gefährlichen Angriffe“ der Regierung und rief ihre Leser auf, eine Lokalzeitung zu abonnieren. Auch druckte sie Kommentarauszüge aus etwa hundert Blättern.

Aufgerufen zu diesem konzertierten Protest hatte der „Boston Globe“, nachdem Trump inzwischen einen regelrechten Krieg gegen die Presse führt und eine zunehmend gewaltbereite Stimmung in seiner Anhängerschaft anstachelt. „Unsere Worte mögen unterschiedlich sein. Aber wir sind uns einig, dass diese Attacken alarmierend sind“, hieß es im Aufruf des Globe. Mit der „New York Times“, dem „Philadelphia Inquirer“ und dem „Miami Herald“ folgten einige der Branchengrößen. Doch überwiegend schlossen sich Lokalzeitungen an – und zwar weit mehr, als ursprünglich erwartet. Das „Wall Street Journal“, die „Washington Post“ und die „Los Angeles Times“ beteiligten sich hingegen nicht.

4200 Falschaussagen und Lügen

Tatsächlich haben Trumps Angriffe auf die Medien ein in demokratischen Ländern beispielloses Maß angenommen. Schon bei seiner Antrittsrede hatte er die Presse im Stalin-Stil als „Feind des Volkes“ verunglimpft, was er in jüngster Zeit regelmäßig wiederholt. Kritische Sender und Publikationen – allen voran den Nachrichtenkanal CNN – beschimpft er als „Fake News“ (Lügenpresse). „Haltet Euch an uns! Glaubt nicht den Mist von diesen Leuten, der Lügenpresse“, rief Trump kürzlich seinen Anhängern in Kansas zu: „Denkt immer daran: Was Ihr seht und was Ihr lest, ist nicht das, was wirklich passiert.“

Doch die gezielte Diskreditierung unabhängig recherchierter Nachrichten ist nur der offensichtlichste Teil der Strategie eines Präsidenten, der selbst laut „Washington Post“ bislang mehr als 4200 Falschaussagen und Lügen verbreitet hat. Zunehmend bedroht Trump die freie Presse auch direkt – sei es durch die Einschränkung des Zugangs zu Informationen oder durch Einschüchterung und Bedrohung.

Bei Kundgebungen, mit denen Trump sich und seine Basis bei Laune hält, kann Medienvertretern ein kalter Schauer den Rücken herunterlaufen. Regelmäßig wettert der Präsident gegen die „Volksfeinde“ und zeigt dann auf das Häuflein der Berichterstatter, das mitten in einer riesigen Halle oder einem Stadion hinter einem hüfthohen Gitter zusammengepfercht ist: „Die berichten das nicht. Die erfinden ihre Geschichten“, schießt er seine verbalen Kugeln ab. Die Menge grölt, streckt den Reportern den Mittelfinger entgegen und stört mit ohrenbetäubenden Sprechchören die Fernsehübertragung. Es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis es zu physischen Übergriffen kommt. Mehrere Fernsehsender haben ihren Teams inzwischen Personenschutz zur Seite gestellt. „Wir brauchen Bodyguards, um über Veranstaltungen des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika zu berichten“, sagt NBC-Korrespondent Geoff Bennett: „Das muss man erst einmal sacken lassen.“ Drohungen gegen Journalisten sind inzwischen an der Tagesordnung.