Berlin - Dreieinhalb Millionen Menschen leben in Berlin, die muss man erstmal satt kriegen. Schnitzel und Kartoffeln, Fenchel und Kohlrabi, Äpfel und Birnen und was die Menschen eben alles gerne essen – es muss irgendwo herkommen. Am besten, das haben wir inzwischen gelernt, aus der näheren Umgebung. Es trifft sich gut, dass Berlin von so viel Gegend umgeben ist, wo fleißige Bauern mit großen Maschinen ackern. Müsste doch für alle reichen, oder? Kurzer Blick in die Statistik –  taufrisch ist sie nicht, aber trotzdem interessant.

Ganz ordentlich ist es bei der Milch, Brandenburgs Kühe teilen sie großzügig mit uns und decken 80 Prozent des regionalen Bedarfs. Aber da geht doch bestimmt noch mehr, zum Beispiel bei der preußischsten aller Knollen, der Kartoffel? Nö, bescheidene 25 Prozent stammen aus der Mark. Und leckere Möhrchen und Äpfel? Reden wir nicht drüber, sie reichen für weniger als zehn Prozent des Appetits.

Jeder sechste Euro in der Landwirtschaft kommt vom Staat

Warum ist das so? Es liegt teilweise an den Böden. Es liegt daran, dass in Brandenburg große Agrarbetriebe mit wenigen Mitarbeitern und vielen Maschinen dominieren – Gemüse und dergleichen machen aber viel Arbeit.

Es liegt aber auch an etwas, was sich ändern ließe, nämlich an den Verhältnissen, genauer: an der Agrarpolitik. Am Donnerstagabend hat der Bundestag beschlossen, wie die Bundesrepublik in den Jahren bis 2027 die Fördermilliarden verteilen wird, die aus der EU hierher fließen. Es geht um sechs Milliarden Euro pro Jahr, etwa 280 Euro pro Hektar. Etwa ein Sechstel des Einkommens in der Landwirtschaft sind Staatsknete.

Die gute Nachricht ist: Mehr als eine Milliarde Euro pro Jahr sind künftig dafür reserviert, dass die Landwirte Umweltmaßnahmen erbringen. Zum Beispiel, indem sie Blühstreifen am Maisfeldrand anlegen oder auf Unkraut- und Insektenvernichter verzichten. Zumindest in kleinem Maßstab ist das ein Systemwechsel. Die Subventionen fließen nicht mehr wie bisher völlig undifferenziert. Sie sind stattdessen geknüpft an Leistungen für das Gemeinwohl. Wie bitter nötig sie sind, das weiß jeder, der im Sommer mal entlang eines ostdeutschen LPG-Ackers geradelt ist. Da summt nichts, da zwitschert nichts, es ist totes Land.

Die Agrarförderpolitik setzt falsche Anreize für die Landwirte

Die weniger gute Nachricht ist: ein Systemwechsel in kleinem Maßstab hätte eigentlich schon vor zehn, fünfzehn Jahren erfolgen müssen. Ist er aber nicht, umso größer ist heute der Handlungsdruck. Es ist wie mit der Klimapolitik, mit der die Agrarpolitik ja auch eng verwoben ist.

Zurück nach Brandenburg: Wie lässt sich denn nun erklären, dass die brandenburgischen Landwirte mit Berlin zwar einen riesigen Absatzmarkt in ihrer Mitte haben – diesen aber einfach nicht beliefern? Ein wesentlicher Faktor sind die fehlenden Anreize in der Förderpolitik – und die werden mehrheitlich fortbestehen.

Auch in den nächsten Jahren ist der größte Teil der EU-Subventionen an die Fläche der Betriebe geknüpft. Es gab die Idee, in größerem Maße Geld von großen zu kleinen Betrieben umzulenken. Das haben jedoch unter anderem die ostdeutschen Agrarminister verhindert. Schließlich sind die Betriebe in ihren Ländern um ein Vielfaches größer als im Westen, und die innerdeutsche Solidarität ist bei dem Thema nur schwach ausgeprägt.

Was sich lohnt, sind also Betriebe, die große Felder mit großen Maschinen bestellen. Dass die größten Betriebe das meiste Geld machen, zeigt auch eine Erhebung des Thünen-Instituts. Die Gewinne für die Eigentümer waren 2019 in großen Betrieben über 600 Hektar im Verhältnis demnach mehr als fünfmal so hoch wie in den kleinen mit weniger als 50 Hektar.

Nur auf 0,1 Prozent der Landwirtschaftsfläche in Brandenburg wächst Gemüse

Wie sich das auswirkt? Zahlen dazu: Auf der Hälfte der einen Million Hektar brandenburgischen Ackerlands wächst Getreide, auf knapp einem Viertel Mais, der zu einem großen Teil direkt in die Biogasanlage geschüttet wird. Auf nur einem Prozent der landwirtschaftlichen Fläche darf die Kartoffel gedeihen. Und während 4000 Hektar für Spargel reserviert sind, muss sich das übrige Gemüse auf läppischen 1250 Hektar drängen (davon sind übrigens fast die Hälfte Gurkenfelder).

Das war mal anders; wer eine Veranschaulichung wünscht, schaue sich auf YouTube den Film „Lüdersdorf darf nicht sterben“ des Greifswalder Biologen Michael Succow an. Er erzählt darin von der Feld- und Wiesenlandschaft seiner Kindheit. Dazu fliegt die Kamera über denselben Landstrich, wo heute endlose Maisfelder wachsen. Die riesigen Monokulturen fügen der Biodiversität kaum reparable Schäden zu, der fruchtbare Boden erodiert. Es sind solche Zombie-Landschaften, die am besten angepasst sind an das bestehende System der Agrarförderung.

Wenn die Agrarpolitik ihr Geld wert sein soll, dann muss sie sich schnell wandeln. Einen ersten, viel zu späten Schritt hat der Bundestag am Donnerstag beschlossen. Der nächste, viel größere, muss schnell folgen.