Wien - Die Fans, die Insider, sie nennen ihn alle nur beim Vornamen, Monz, korrekt schwedisch ausgesprochen. Der 28-jährige Schwede Måns Zelmerlöw ist haushoher Favorit beim zweiten ESC-Halbfinale heute Abend. Er wird, so behaupten die Buchmacher seit Wochen, seine 16 Kontrahenten ausstechen, und nicht nur das: Er wird auch der Sieger sein beim großen Finale am kommenden Samstagabend. Dabei hatte der Mann unlängst noch einen Skandal an der Backe, der so gar nicht in die vorwiegend schwule ESC-Welt passt. Im schwedischen Pendant zum deutschen Promi-Dinner hat er politisch Unkorrektes über Homosexuelle gesagt, Männer, die mit Frauen schlafen, das sei normal, aber doch nicht Männer mit Männern oder Frauen mit Frauen.

Aber das ist alles Schnee von gestern, die schwulen Fans vor Ort haben ihm längst verziehen, und er macht alles, um gute Laune zu verbreiten. Keiner ist so oft für Selfies bereit mit jedermann, sein Charme ist unschlagbar, und wenn es sein muss, lupft er auch gerne ganz kurz sein T-Shirt, um sein knackiges Six-Pack zu zeigen. Ein „Eye Candy“ sagen dazu die Kenner.

Die Favoritenbürde trägt der Schwede heute Abend nicht alleine. Ganz ohne großes Aufsehen hat sich das norwegische Duo Mørland & Debrah Scarlett zum Geheimtipp gemausert. Sie gehen mit der düstersten Ballade des Wettbewerbs an den Start, „A Monster Like Me“, über einen Mord, in der Kindheit begangen.

Gefühlvolle Balladen

Und noch ein Pärchen hat das Zeug, den Sprung ins Finale zu schaffen, Marjetka und Raay aus Slowenien, kurz Maraaya genannt. Die Arbeitsteilung des Ehepaares ist konsequent, er macht die Musik, sie liefert den Gesang. Damit sie optisch aus dem Teilnehmerfeld herausragt, trägt sie während ihres Auftritts große Kopfhörer auf den Ohren. Sie wolle, so erklärt sie diese Extravaganz, damit auf der Bühne die gleichen Emotionen hervorrufen, die sie bei den Aufnahmen im Studio fühlt.

Auch das lässt sich zur Vorbereitung auf den heutigen Fernsehabend vorhersagen, es wird ein ruhiger Abend. Es sind fast nur Balladen im Programm, mal mit Power, mal zum Träumen, immer voller Gefühl. Einzig der Beitrag Schwedens und der aus Israel reißen die Stimmung rum, gehen in die Beine, machen gute Laune.

In der Favoritenrolle kann man sich Wochen halten, der Absturz passiert dann in Sekunden. So geschehen am Dienstagabend beim ersten Halbfinale. Die finnische Punkband PKN stand auf den Listen der Wettbüros ganz oben, bekam die größte mediale Aufmerksamkeit, und Fans und Presse vor Ort begegneten ihnen voller Sympathie und Respekt. Das TV-Publikum wollte es anders, PKN schaffte nicht den Einzug ins Finale. Entweder ist Europa noch nicht reif für das große Thema Inklusion, oder aber die Musik von PKN war schlicht zu ungewohnt, zu laut in diesem ESC-Rahmen.

Dafür nahmen ganz andere die Hürde, die kaum jemand auf der Rechnung hatte. Georgien beispielsweise. Oder Griechenland. Oder Albanien. Bei der Pressekonferenz der zehn Halbfinalsieger nach der fulminanten Show aus der Wiener Stadthalle zeigten sich fast alle überzeugt, mit der richtigen Botschaft das Publikum gewonnen zu haben. Message, das war das Zauberwort des späten Abends. Selbst Nina Sublatti aus Georgien, die sich als feministische Kriegerin inszenierte, sprach von der Verteidigung ihres Landes gegen alle Gegner.

Musik vereint

Als wahrer Friedensengel ganz in Weiß hatte sich die Russin Polina Gagarina präsentiert, zynisch nannten das viele, in der Halle bekam sie den meisten Applaus. Als ein türkischer Journalist fragte, ob sie nicht auch einmal ein Lied singen wolle für die Rechte der Homosexuellen in ihrem Land, da musste sie passen. „Aber ich singe doch von Liebe!“ Noch am Dienstagnachmittag hatten die Veranstalter von der European Broadcasting Union auf ihrer Pressekonferenz wiederholt dazu aufgefordert, beim Auftritt der russischen Teilnehmerin nicht zu buhen. „Wir wollen kein politisches Schlachtfeld. Und das Buhen gehört nicht zu unseren Vorstellungen von der Meinungsfreiheit“.

Auch ein anderes Friedenslied kam aus einem Land, aus dem man das nicht erwartet hätte: Die Ungarin Boogie wandte sich mit ihrem Kinderlied „Wars For Nothing“ gegen alle kriegerischen Auseinandersetzungen, egal wo auf der Welt. „Ich bin stolz, dass Europa meine Botschaft verstanden hat.“

Natürlich hatte auch die Griechin Maria Elena Kyriakou ihre Message: „Mit dem Einzug ins Finale wollen wir beweisen, dass wir auch hier unsere zweite Chance verdient haben, so wie auf der politischen Bühne.“ Trotz der Finanzkrise in ihrem Land versprach sie im Falle ihres Gesamtsieges, dass man den nächsten ESC ausrichten werde: „Auf jeden Fall!“

Besonders gerührt zeigte sich der rumänische Sänger Calin Goia von der Band Voltaj. Deren Song „All Over Again“ hatte ein großes Thema, die Situation der Kinder, die in der Heimat zurückgelassen werden, während ihre Eltern im westlichen Ausland Geld verdienen müssen. Auf dieses gesellschaftspolitische Problem hinzuweisen sei vorrangig und er freue sich darauf, am kommenden Samstag noch einmal die Bühne dafür nutzen zu können.

Nur der Belgier Luic Nottet, der schüchterne Schwarm aller Mädels hier in Wien, hat so gar keine Botschaft. Und als ihn dann doch ein Journalist darauf aufmerksam machte, er könne doch als junger Künstler die Wallonen und die Flamen in seiner Heimat zusammenbringen, antwortete er ganz kleinlaut: „Aber das habe ich doch getan, heute Abend vor dem Fernsehschirm war Belgien vereint. Sie haben mich alle unterstützt.“