Das ist gerade noch mal gut gegangen. Im letzten Augenblick hat  die Ukraine sich entschieden und ihre Hauptstadt Kiew zum Austragungsort des Eurovision Song Contests (ESC) 2017 erkoren. Der Auswahlprozess war lang und wurde heftig geführt. Nach dem Sieg der ukrainischen Sängerin Jamala beim diesjährigen ESC in Stockholm waren es gleich sechs Städte, die- sich um den Zuschlag bewarben: Kiew, Lwiw, Cherson, Dnipro, Odessa und Charkiw. Das ukrainische Fernsehen stellte alle Bewerber in einer Show vor, drei blieben übrig: Kiew, Odessa und Dnipro. Am Ende fiel die Wahl auf Kiew.

Heftig debattiertes Politikum

In einem Land, in dem seit gut zwei Jahren im Osten des Landes ein Krieg tobt zwischen Regierungseinheiten und prorussischen Separatisten, wurde der Streit um das Prestigeobjekt ESC plötzlich zum heftig debattierten Politikum. Mit der Ausrichtung des Musikwettbewerbs könne das Land seine Attraktivität für Investoren zeigen, so Vizeregierungschef Wjatscheslaw Kyrylenko. „Der ESC ist nicht nur Musik, sondern auch ein politisches Ereignis, das zeigt, dass die Ukraine lebt und Menschen aus anderen Ländern Sicherheit garantieren kann.“

Die Argumente gingen hin und her: Odessa warf Kiew eine höhere Kriminalitätsrate vor, Dnipro käme nicht infrage, weil dem vorgesehenen Veranstaltungsort die Überdachung fehle, und Kiews Bürgermeister, der frühere Boxweltmeister Vitali Klitschko, punktete mit der guten Infrastruktur seiner Stadt. Tatsächlich hatte die Millionenstadt schon 2005 bewiesen, ein guter ESC-Gastgeber  sein zu können.

So sprach auch diesmal wieder einiges  für Kiew: genügend Hotels, zwei Flughäfen und ein funktionierender öffentlicher Nahverkehr. Offen blieb die Frage: Wo soll die weltweit größte TV-Musikshow stattfinden? Der Sportpalast, Austragungsort von 2005, kommt nicht infrage. Er gilt als baufällig und entspricht nicht mehr den heutigen Anforderungen. Aber zur Bewerbung beim ESC-Veranstalter, der European Broadcasting Union (EBU), kann Kiew eine akzeptable Alternative anbieten: das Internationale Messezentrum außerhalb der Stadt. Bis zum Festival im Mai 2017 werde die Halle, die Platz bietet für 14 000 Zuschauer, umfassend modernisiert, versprechen die Verantwortlichen. Außerdem werde ein Shuttle-Service die Gäste von der City zum Austragungsort befördern. Als auch noch alle finanziellen Fragen gelöst schienen, erhielt  Kiew Anfang September den Zuschlag. Bürgermeister Klitschko sagte zufrieden: „Die Hauptstadt ist für Veranstaltungen dieses Kalibers objektiv der am besten vorbereitete und geeignete Ort.“

Damit ist die Örtlichkeit geklärt, doch neuer Ärger bahnt sich an mit einer Ankündigung des ukrainischen Kulturministers Jewgeni Nischtschuk. Er bestätigt, worüber seit Längerem schon spekuliert wird: Es gibt eine schwarze Liste für russische Künstler. Im kommenden Jahr sollen keine russischen Sänger zum Wettbewerb einreisen dürfen, die der Annexion der Halbinsel Krim durch Russland öffentlich zugestimmt haben. „Wenn Russland solch einen Künstler aussucht, wäre dies eine absichtsvolle Provokation“, so  Nischtschuk.

Die Liste der missliebigen Künstler ist jetzt bereits lang. Die Rocksängerin Julia Tschitscherina gehört dazu ebenso wie der patriotische Popsänger Oleg Gasmanow, der Chansonnier Grigori Leps und Pop-Sänger Stas Pjecha, der auch schon mal in einer ukrainischen Casting-Show in der Jury saß. Ganz besonders gilt das Einreiseverbot, so der Kulturminister, für Iossif  Kobson. Der „russische Sinatra“ ist Duma-Abgeordneter und gilt als enger Vertrauter von Präsident Wladimir Putin und dem früheren Bürgermeister Moskaus, Juri Luschkow. Kobson hat nicht nur die Krim-Annexion begrüßt, er ist auch für die Teilnahme russischer Milizen am Krieg im Osten der Ukraine.

„Große Dummheit“

Die russische Seite hat umgehend reagiert. Wie der kremlnahe Informationsdienst Sputnik meldet, hat Putins Sonderbeauftragter für internationale kulturelle Zusammenarbeit, Michail Schwydkoi, den Bann russischer Künstler als „große Dummheit“ kritisiert. „Natürlich darf es beim ESC ebenso wie bei den Olympischen Spielen keine ächtenden Listen geben, das ist abscheulich.“
 Jetzt ist also die veranstaltende EBU als Vermittler gefragt. Jon Ola Sand, verantwortlich für den ESC, hat sich bereits gegenüber der russischen Nachrichtenagentur TASS geäußert: „Wir waren und sind in einem konstruktiven Dialog mit den Verantwortlichen der Ukraine und sind sicher, dass alle Delegierten nach Kiew kommen und bleiben können.“