Die vergangenen Eurovision Song Contests waren für Deutschland ein echter Flop. Mit Sängerin Levina soll es in diesem Jahr besser werden. In Kiew steht sie am 13. Mai  mit „Perfect Life“ auf der Bühne. An diesem Freitag veröffentlicht die gebürtige Bonnerin aber erst mal ihr Debütalbum „Unexpected“.

Levina, seit Ihrem Sieg beim ESC-Vorentscheid hat sich Ihr Leben gedreht. Kommen Sie damit klar?

Es macht total Spaß: Das viele Rumreisen, die Interviews, Talkshows und Fernsehauftritte. Da ist jetzt eine Aufmerksamkeit, die ich mir immer gewünscht habe.

Ann Sophie, die 2015 beim ESC für Deutschland angetreten ist und Letzte wurde, hat danach beklagt, sie wäre fallen gelassen worden, wie eine heiße Kartoffel. Haben Sie gar keine Angst davor, dass Ihnen Ähnliches widerfährt?

Der Gefahr bin ich mir bewusst. Aber ich sage mir: Egal, was in Kiew passiert – ich will nicht fallen gelassen werden. Ich will mich unbedingt durchsetzen. Meine ESC-Teilnahme hat mir jetzt schon so viele Chancen beschert. Wenn ein paar der Leute aus der Branche, die ich kennengelernt habe, mich weiterhin gut finden, dann kann aus mir vielleicht ja trotzdem was werden, auch wenn es nicht so gut laufen sollte. Aber ich gehe gar nicht davon aus, dass ich Letzte werde. Mein Ziel ist auf jeden Fall das obere Drittel.

Bei den britischen Buchmachern ist „Perfect Life“ nicht so weit oben.

Mag sein. Aber was ich gut finde an dem Song ist, dass er anders ist. Denn es sind in diesem Jahr viele Balladen dabei. Ich denke, dass „Perfect Life“ da schon ein bisschen raussticht.

Plagiatsvorwürfe gehören zum ESC wie das Brötchen zum Burger: Einige fühlen sich bei Ihrem Lied an „Titanium“ von David Guetta und Sia erinnert.

Ich sehe nur in den ersten fünf Sekunden Ähnlichkeiten. Ansonsten ist es für mich ein völlig eigenständiger Song.

2016 landete Deutschland mit Jamie-Lee ebenfalls auf dem letzten Platz. Auch da kann man nicht von einem schlechten Auftritt sprechen. Es gibt also fernab von dem, was der Teilnehmer leisten kann, Dinge, die man nicht kontrollieren kann. Wenn die Leute politisch wählen zum Beispiel.

Das stimmt schon, ich kann nicht alles kontrollieren. Mir ist deshalb am wichtigsten, dass ich einen Super-Auftritt hinlege und am Ende mit mir zufrieden bin, so dass ich mir die Performance noch in ein paar Jahren gerne auf Youtube anschaue.

Wie wollen Sie punkten?

Wir werden eine tolle Bühnenshow haben. Simpel, aber cool und außergewöhnlich, so dass der Auftritt in Erinnerung bleiben wird. Richtig extravagant oder gar kitschig soll es aber nicht werden. Ich werde mir auch keine Tänzer auf die Bühne holen.

Was glauben Sie, welche Rolle die Politik  in diesem Jahr beim ESC spielen wird?

Mit einem politischen Song ins Rennen zu gehen, ist natürlich auch gut. Wenn ich zu Hause in London selbst Songs schreibe, sind die auch manchmal unterschwellig politisch. Man hört dem Text das nicht sofort an, aber sie sind von Politik inspiriert. Von Entwicklungen, die gerade auf der Welt passieren; dass der nationale Gedanke in Europa und Amerika wieder hochkommt. Das finde ich auch wichtig. Aber genauso wichtig finde ich, dass beim ESC positive Songs dabei sind. Es wäre doch ein Trauerspiel, würden die Länder in Kiew zusammenkommen und nur traurige Lieder über die politische Situation darbieten. Es braucht gerade in diesen Zeiten auch Lieder, die Stimmung machen und uns zusammen feiern lassen. So kann man auch  Zeichen setzen.

Jüngst hat Russland seine Teilnahme an dem Song-Wettbewerb aus politischen Gründen abgesagt. Bei den Vorbereitungen wird von chaotischen Verhältnissen berichtet. Beschäftigt Sie das?

Ich bekomme natürlich mit, dass nicht alles reibungslos abläuft. Aber ich muss mich auf meine Aufgabe konzentrieren. Und natürlich gehe ich davon aus, dass der ESC ansonsten gut über die Bühne gehen wird.

Wie haben Ihre Eltern reagiert, als Sie Ihnen sagten, dass Sie Musikerin werden wollen?

Sie standen immer hinter mir. Da habe ich wirklich Glück gehabt. Mein Papa kennt sich in der Musikszene teilweise noch besser aus als ich. Der weiß immer genau, wer jetzt gerade wo welchen Plattenvertrag gekriegt hat. Wir waren auch schon mal bei den Brit Awards zusammen.

Wie das?

Ich hatte Tickets gewonnen bei einer englischen Radioshow. 2014 studierte ich noch Geografie. Ich habe meine Bachelor-Arbeit extra zwei Tage früher abgegeben, um entspannt mit ihm zur Preisverleihung gehen zu können. Und da haben mein Vater und ich den Pakt geschlossen, dass wir das nächste Mal zu den Brit Awards gehen, wenn ich unten an den Nominierten-Tischen sitze. Ich würde gerne den internationalen Weg einschlagen und muss jetzt daher ordentlich Gas gehen.

Worüber haben Sie Ihre Bachelor-Arbeit geschrieben?

Ich habe das soziale Verhalten in den öffentlichen Verkehrsmitteln von London und Berlin miteinander verglichen. Ich finde es faszinierend, wie eng die Menschen in Bussen und Bahnen aneinander kleben, aber wie weit sie in dem Moment doch voneinander entfernt sind – philosophisch betrachtet. Ich fahre auch selbst super gern mit der U-Bahn.

Welche Musik hören Sie privat?

Ich fand die Anfänge von Amy Winehouse toll. Ich mag Adele und bin großer Coldplay-Fan. Ich kann mich für Bruno Mars begeistern oder Soul à la Stevie Wonder. Von den deutschen Künstlerinnen gefällt mir Joy Denalane am besten.

Und was sind Ihre Lieblings-ESC-Auftritte?

Die Performance von Stefan Raab mit „Wadde hadde dudde da?“ fand ich super lustig. Lena Meyer-Landrut muss ich nennen, weil ich ihren Auftritt damals mit Freunden in einem Londoner Pub geguckt und mit meinem Tipp auf sie 50 Euro gewonnen habe. An Conchita Wursts Auftritt hat mir gefallen, wie simpel sie da stand in ihrem Kleid und wie toll sie dann „Rise Like A Phoenix“ gesungen hat. Von den älteren Auftritten gefällt mir ABBA mit „Waterloo“. Die Bühne und die Klamotten – einfach herrlich.

Interview: Katja Schwemmers