Der Geschäftsführer von Graz-Tourismus reagiert diplomatisch. „Natürlich wäre es schön gewesen, wenn sich Conchita Wurst für Graz als Austragungsort des Eurovision Song Contest im nächsten Jahr ausgesprochen hätte“, sagt Dieter Hardt-Stremayr. Aber brüskiert habe ihn die Aussage der Dragqueen, es würde sie freuen, wenn der Song Contest in Wien stattfände, nicht. „Nein“, sagt er entschieden. Graz sei ja nach wie vor im Rennen. Und: „Wir haben alle Trümpfe in der Hand.“

Zwölf Interessenten hatten sich bis zum Ausschreibungsende am 13. Juni beworben, Gastgeber des nächsten ESC zu sein, den Conchita Wurst mit ihrem Sieg in diesem Jahr nach Österreich geholt hat. Die Stadt Wels in Oberösterreich war dabei, der Flughafen Schwechat in Niederösterreich oder auch das Wörthersee Stadion in Kärnten. Am Wochenende nun schränkte der österreichische Rundfunk ORF den Kreis der möglichen Austragungsorte ein. Wien, Graz und Innsbruck blieben übrig.

Dass der ESC nach Graz gehört, finden viele Steirer. Schließlich ist Conchita in Bad Mitterndorf in der Steiermark aufgewachsen und in Graz ist sie sogar auf der Modeschule gewesen. Und wie sie beim Narzissenfest in ihrer Heimat gefeiert wurde, als sie beim Bootskorso am Altausseer See den ESC-Siegertitel „Rise Like A Phoenix“ sang! Selbst die Traditionalisten mit Gamsbart-Hüten und Krachlederner jubelten.

Für Hardt-Stremayr sind das „Sentimentalitäten“, die zwar auch zählen, aber nicht ausschlaggebend waren für Graz Bewerbung. Seiner Meinung nach hat die Landeshauptstadt der Steiermark die beste Hallenstruktur in Österreich. „Unsere Stadthalle liegt unmittelbar am Messegelände, hat eine gute Anbindung an die Autobahn, und Pressezentrum und Catering sind in unmittelbarer Nähe.“ Er räumt ein, dass die Stadt Wien besser zu erreichen ist als Graz und dass die Metropole auch mehr Hotelzimmer zur Verfügung stellen kann. Dafür seien die ESC-Gäste von der Grazer Stadthalle aus in der vorgeschriebenen Transferzeit von 45 Minuten mitten im Grünen, in der Apfelgegend oder an der Weinstraße könnten sie wohnen. Und Graz, so der Touristiker, würde zwei Wochen lang ganz im Zeichen des ESC stehen, das sei ein Vorteil, wenn man sich für die kleinere Stadt entscheide.

Sie hat den ESC zu etwas Besonderem gemacht

Für die 270 000 Grazer wäre der ESC nicht die erste Großveranstaltung. 2003 war Graz Kulturhauptstadt, im Jahr zuvor kamen Zehntausende in die Stadt, um den Dalai Lama zu erleben. Und Fernsehshow-Erfahrungen hat Graz jede Menge. Musikantenstadl, „Wetten, dass..?“ und „Willkommen bei Carmen Nebel“ wurden schon aus der Stadthalle übertragen. Warum also soll der ESC automatisch in die Hauptstadt des Siegerlandes gehen und nicht in die zweitgrößte Stadt?

Als Lena Meyer-Landrut 2010 den Eurovision Song Contest gewann und Deutschland damit im Jahr darauf der Gastgeber der Show war, bewarben sich auch mehrere Städte. Neben Lenas Heimatstadt Hannover hofften auch Berlin, Hamburg und Düsseldorf, auf den Zuschlag. In der Düsseldorf Arena fand dann der ESC 2011 schließlich statt – jenseits irgendwelcher Sentimentalitäten.

Mit 80 000 Übernachtungen rechnet Dieter Hardt-Stremayr, sollte Graz den ESC ausrichten. Bereits zwei Wochen vor Beginn des Contests würden etwa 3 000 Gäste anreisen. Das sind handfeste Argumente.

Dass Conchita Wurst den ESC zu etwas Besonderem gemacht hat, steht für die meisten Österreicher fest. Ob die 25-Jährige den 60. ESC moderiert, ist allerdings noch unklar. Sie habe sich nach ihrem Sieg in Kopenhagen noch in der Nacht „unauffällig angeboten“, verriet sie am Wochenende. „Ich habe mir gedacht, bei der internationalen Pressekonferenz kann man das ruhig mal fallenlassen, und da saß ja auch die Fernsehdirektorin neben mir.“ Unabhängig von ihrer Bühnenpräsenz freut sich die Dragqueen auf „zwei Wochen Rambazamba“ – in der Stadt, in der sie lebt, in Wien.

Hardt-Stremayr hofft, dass die Entscheidung, wo die Show stattfindet, bald getroffen wird. „Nach der Auswahl der drei Bewerber beginnt jetzt die nächste Runde der Verhandlungen mit dem ORF.“ Wird er noch versuchen, Conchita für Graz werben zu lassen? „Auf keinen Fall“, sagt der Touristiker. Auch weil er weiß, dass sich die selbstbewusste Künstlerin vor keinen Karren spannen lässt. „Die harten Fakten werden entscheiden.“ Er hofft, für Graz. „Aber Wien ist Wien.“