In einer Apotheke in der Londoner Einkaufsstraße Oxford Street hängt ein Schild, das zu Maskentragen auffordert.
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LondonBestimmt kennen Sie das britische Poster, das die Welt mit der Schnelligkeit und Effizienz einer Viruspandemie erobert hat – in Cafés in Sevilla habe ich es gesehen, vor Bars in New York, aber auch auf Schürzen, auf Mousepads und in zahllosen amüsanten Varianten: weiß auf rotem Hintergrund steht im Original „Keep calm and carry on“, dazu ein Bild der britischen Krone.

Entworfen 1939 vom Informationsministerium für den Fall eines Angriffs auf britischem Boden, wurden über zwei Millionen Exemplare dieses Poster gedruckt. Es ist zum Synonym geworden für legendäre britische Eigenschaften wie Gleichmut, Zurückhaltung und Durchhaltevermögen. Und wie viele andere nationale Mythen ist es auch Erfindung. Das Poster wurde nie in Umlauf gebracht und Millionen Druckexemplare blieben den gesamten Krieg hindurch im Lager, auch dann noch, als 1940 die Luftangriffe auf London begannen. Erst im Jahr 2000 wurde es von den Besitzern eines kleinen Antiquariats wiederentdeckt und schnell berühmt. Es wurde für die Briten ein Grund mehr, ihren heldenhaften Überlebensmut während der Bombardements – den sogenannten ‚Blitz spirit‘ – rückwirkend auf eine Krise zu projizieren, die die überwiegende Mehrheit persönlich gar nicht erlebt hatte.

Jetzt, wo wir – den Brexit ausgenommen – unsere erste echte nationale Notsituation seit Jahrzehnten erleben, gehen diese Mythen wieder um. Wir erleben Hamsterkäufen, leere Supermarktregale, öffentliches Durcheinander aufgrund einer uneindeutigen Informationspolitik der Regierung und gleich mehrere weitreichende Kehrtwenden der Politik, manchmal innerhalb von 24 Stunden. Es ist also alles andere als ‚calm‘. Dass unser Land in einer solchen Krisensituation ausgerechnet von Boris Johnson, einem wahnhaften Anhänger und Biographen des Kriegspremiers Winston Churchills geführt wird, macht die Sache nicht besser.

Widersprüchliche Informationspolitik

Johnson ist gewillt, in die Rolle seines Kriegshelden zu schlüpfen und Großbritanniens Ausnahmestellung zu inszenieren. Während Teile Kontinentaleuropas sich bereits in einer Ausgangssperre befanden, gab der Premierminister noch am 12. März bekannt, dass seine Regierung gelassen bleibe und eine Strategie der ‚Herdenimmunität‘ anstrebe, dass man dem Virus also erlauben wolle, bis zu sechzig Prozent der Bevölkerung zu infizieren. Ganz offensichtlich handelte es sich dabei um denselben nationalistischen Liberalismus, der bereits den Brexit motiviert hatte: Wir sind Briten, so die These, und ‚frei‘ zu sein ist wichtiger, als den Empfehlungen einer supranationalen Organisation wie der WHO Folge zu leisten.

Ich habe allen die Hände geschüttelt und ich werde es auch weiter tun.

Boris Johnson

Unsere Freunde und Verwandten überall auf der Welt waren verwundert – und machten sich Sorgen um uns. In Italien und Spanien lebende britische Freunde flehten ihre Eltern aus der Ferne an, Johnsons Selbstgefälligkeit zu ignorieren und zu Hause zu bleiben. Pubs, Restaurants und Schulen aber blieben geöffnet. Noch Mitte März gab die Rockband Stereophonics zwei riesige Konzerte in einer 7.500 Besucher fassenden Arena in Cardiff.

Die Trennlinie zwischen heldenhaftem Trotz und bodenloser Dummheit ist oft durchlässig. Am 3. März vermeldete Johnson auf einer Pressekonferenz gutgelaunt, er habe ein Krankenhaus mit Corona-Patienten besucht: „Ich habe allen die Hände geschüttelt, das sollten Sie wissen, und ich werde es auch weiter tun.“ Nur ein paar Wochen später, am 27. März, gab er bekannt, positiv auf das Virus getestet worden zu sei und sich nun in Selbstisolation zu befinden – genau wie sein Chefberater, der Gesundheitsminister und der Leiter der nationalen Gesundheitsbehörde. Das ist es also, wo ‚keep calm and carry on‘ hinführt.

Später als alle unsere europäischen Nachbarn fügten wir uns ins Unvermeidliche, der Ausnahmezustand begann in der Nacht zum 23. März. Am nächsten Morgen fuhr ich, von meiner Freundin kommend, mit dem Rad zwanzig Kilometer quer durch London nach Hause und mir wurde klar, dass wir uns sehr lange nicht mehr sehen würden. Paare, die bisher nicht zusammen wohnten, sollen für die nächste Zeit gemeinsam in einer Wohnung bleiben oder sich während der Kontaktsperre gar nicht sehen. Lockdown in London heißt, man darf die Wohnung höchstens zum Arbeiten, zum Einkaufen und einmal am Tag zum Spazierengehen verlassen. Alles ist geschlossen, bis auf Supermärkte und Apotheken.

Freundin treffen verboten

In der Stadt herrschte gespenstische Stille, keine Autos, Busse und Menschen; es erinnerte an die berüchtigte Eröffnungsszene des Zombie-Kultfilms 28 Tage später. Auf der Upper Street in North London – normalerweise eine pulsierende Promenade, auf der Menschen aus Restaurants und Bars strömen – spielte ein älterer Mann auf dem Akkordeon den Tauben die italienische Partisanenhymne Bella Ciao vor. Auf der Blackfriars Bridge war eine durchtrainierte junge Frau in Sportkleidung mit Seilspringen beschäftigt – normalerweise hätte sie dort eine Horde missgelaunter Pendler in Anzug und Krawatte auf dem Weg zum Finanzdistrikt platt getrampelt.

Als ich in South London durch die halbverfallenen Wohnblocks des Sozialprojekts Aylesbury Estates radelte, blieb ein Eichhörnchen mitten auf der Straße sitzen und sah sich um, als wäre es verwirrt ob seiner eigenen Freiheit. In Venedig haben Fische und Seevögel die Kanäle wieder in Besitz genommen; im Stadtzentrum des walisischen Llandudno wurden Ziegen gesichtet; hier in London haben wir Füchse und Eichhörnchen.

Aylesbury Estate ist ein umstrittenes Wohnungsbauprojekt aus den 1970ern, früher Wohnort von 7500 Menschen, heute in einem fürchterlichen Zustand – zum Teil zerstört, zum Teil leerstehend und andernorts noch immer bewohnt. Umgeben von neuen Luxusapartments, ist es zu einem Relikt in einer glitzernden, neuen Stadt aus Stahl und Glas geworden – eine Erinnerung daran, wie die Londoner Innenstadt vor zwei Jahrzehnten stetiger Gentrifizierung einmal ausgesehen hat. 1997 nahm Tony Blair seinen historischen Wahlsieg mit einer Ansprache in eben dieser Wohnsiedlung entgegen: „In dem Großbritannien, das ich aufbauen möchte“, verkündete er, „wird niemand vergessen werden.“ Seitdem ist London nur noch immer reicher und reicher geworden, sogar nach der Finanzkrise ist das Bruttoinlandsprodukt weiter gestiegen, und mit ihm die Immobilienpreise – das Armutsproblem aber hat man nicht behoben, sondern wie in Paris nur aus dem Stadtzentrum verdrängt.

Unser Autor Dan Hancox, 38, ist gebürtiger Londoner. Er schreibt vor allem für den Guardian und Vice.
Foto: Privat

Obwohl die COVID-19-Krise und ihre unermesslichen ökonomischen Folgen noch in einer sehr frühen Phase stecken, wird längst darüber spekuliert, dass die Londoner Immobilienblase diesmal wirklich platzen und die Turbo-Gentrifizierung der Hauptstadt sich verlangsamen könnte. Angesichts einer Mittelklasse, die sich auf der Flucht vor dem Virus auf ihre Zweitwohnsitze auf dem Land zurückzieht‚ erscheint ein Szenario wie im Amerika der Nachkriegszeit durchaus wahrscheinlich. Damals zogen viele weiße Mittelschichtsfamilien aus den Großstädten in die Vororte. Wird die Mittelklasse sich, wenn die Krise abgeklungen ist und sie gemerkt haben, dass sie genauso gut auch von Zuhause aus arbeiten können, womöglich dagegen entscheiden, in die überfüllten, dreckigen Innenstadtbezirke zurückzukehren? In einer derart von sozialer Ungleichheit zerrissenen Stadt, in der bezahlbarer Wohnraum Mangelware ist, hätte das durchaus etwas für sich.

Hilfe aus China

Es wird gern vergessen, dass einige der schlimmsten Unruhen der Londoner Stadtgeschichte kaum ein Jahrzehnt zurückliegen. Im August 2011 kam es zu Aufständen, ausgelöst durch die hinrichtungsartige Tötung eines schwarzen Briten namens Mark Duggan, aber befeuert durch sehr viel tiefergehende Probleme wie systemischen Polizeirassismus, Ungleichheit, Perspektivlosigkeit der Jugend und die strenge Sparpolitik der Konservativen. Im Nachgang dieser Aufstände, an denen schätzungsweise 30.000 Menschen teilgenommen hatten, wurde über die sozialen Medien eine stadtweite Aufräumaktion organisiert und der damalige Bürgermeister von London, Boris Johnson, ging auf die Straße und bekam einen Besen in die Hand gedrückt. Die Scherben wurden zusammengefegt und die Probleme unter den Teppich gekehrt.

Die Londoner sind bekannt dafür, in ihren überfüllten U-Bahnen nicht miteinander zu reden. Es ist nicht fair, dass diese mürrische Stille gelegentlich als Feindseligkeit und soziale Kälte missinterpretiert wird. Zum Quatschen geht man in den Pub, in der ‚Tube‘ aber hört man Musik und starrt auf sein Handy. Was aber stimmt ist, dass die britische Hauptstadt über einen unterentwickelten Gemeinsinn verfügt – und dass wir traditionell nicht mit unseren Nachbarn reden, von Fremden ganz zu schweigen.

Nur wenige Passagiere sitzen in einer U-Bahn der U-Bahn-Linie «Jubilee Line» in Richtung Westen, nachdem Premierminister Johnson Ausgangsbeschränkungen erlassen hatte.
Foto: Yui Mok, dpa

Vieles deutet darauf hin, dass die hyper-lokalen COVID-19-Nachbarschaftshilfen in anderen europäischen Ländern auf bereits existierenden Netzwerken aufbauen: in Italien auf die Katholische Kirche und die Kommunistische Partei; in Spanien auf die PAH, Europas größte Bürgerinitiative für bezahlbaren Wohnraum. Auch in Großbritannien sind solche Gruppen in jüngster Zeit entstanden und haben sich wie Lauffeuer ausgebreitet – was großartig und ermutigend ist –, aber unsere früheren Nachbarschaftsorganisationen waren so ausgezehrt, dass wir diese Debatten erst in den letzten zwei Wochen wieder begonnen haben. Ich habe in dieser Zeit mehr Leute in meinem Wohnblock kennengelernt, als in den gesamten vier Jahren, die ich dort wohne – auch wenn ich den meisten von ihnen noch nie persönlich begegnet bin.

Diese COVID-19-Nachbarschaftshilfegruppen kommunizieren über WhatsApp und verteilen Flugblätter und Sicherheitshinweise über Google Drive. Sie sind die Initiative einer kleinen anarchistischen Gruppe in Lewisham, meinem Viertel im Südosten Londons – und innerhalb weniger Tage haben sich diese selbstorganisierten, demokratischen Netzwerke über das ganze Land verbreitet. Wir gehen für alte Menschen einkaufen und holen Medikamente aus der Apotheke ab, tauschen Informationen über Hygieneregeln, Lieferdienste und Tafeln aus und geben Tipps, welche Supermärkte  gerade welche Produkte vorrätig haben.

Angesichts des Fehlens einer klaren Informationspolitik von Boris Johnsons Regierung – die so schrecklich inkonsequent, langsam und verwirrend ist, dass sie selbst von altgedienten Konservativen kritisiert wird – ist es Freude, zu sehen, wie diese demokratischen Graswurzelgruppen die Initiative übernehmen. Sollten wir jetzt monatelang in den Lockdown gehen, werden diese Gruppen entscheidend dazu beitragen, unsere am meisten gefährdeten Mitbürger zu schützen. Noch immer verunsichert durch die vernichtende Niederlage von Jeremy Corbyns Labour Party im Dezember hat die britische Linke begonnen, darüber zu diskutieren, ob diese Nachbarschaftshilfegruppen nicht zur Wiege eines neuen Gemeinschaftssinnes und einer auch über die derzeitige Krise hinausdauernden, lokalen Solidarität werden könnten. Es ist noch sehr früh und Großbritanniens COVID-19-Todesrate beginnt wie erwartet gerade erst anzusteigen – aber in einer Krise greift der Mensch eben nach jedem Strohhalm.

Radfahrer fahren über eine leere Westminster-Brücke vor dem Parlamentsgebäude in London.
Foto: Stefan Rousseau, dpa

Nur wenige Briten werden dies akzeptieren, aber es ist eine historische Realität, dass der legendäre ‚Blitz spirit‘ von Gemeinschaftsgeist und Zusammenhalt, der Großbritannien angeblich im Zweiten Weltkrieg geeint hat, teils Wirklichkeit, teils aber auch Fiktion ist. Während manche ihren obdachlos gewordenen Nachbarn Unterschlupf gewährten oder ihren letzten Laib Brot mit Bedürftigen teilten, versetzten sich andere auf Plünderung und Raub und überzogen die verdunkelten Straßen der Hauptstadt mit Bandenkriminalität und Mord. Meine Hoffnung ist, dass wir – anstatt uns wieder und wieder in historischen Mythen zu ergehen – jetzt in der Gegenwart echten solidarischen Geist entwickeln. Aber das wird nicht immer leicht sein.

Vorige Woche traf in London ein medizinisches Team aus China ein, um die britischen Maßnahmen gegen COVID-19 zu unterstützen. Von vielen freundlich willkommen geheißen, wurden es von Anderen mit rassistischen Kommentaren begrüßt – diese Leute haben noch nicht ganz akzeptiert, dass China heute diejenige imperiale Macht darstellt, die Großbritannien in der Vergangenheit gewesen ist. Am Montag machte ein Video die Runde, auf dem man Ärzte dabei zusehen konnte, wie sie Kisten mit medizinischen Hilfsgütern auspackten, die von der chinesischen Regierung geschickt worden waren. Bei genauerem Hinsehen konnte man lesen, was auf den Seiten der Kisten aufgedruckt war – eine Botschaft der Freundschaft und moralischen Unterstützung der Volksrepublik China: „Keep Calm and Combat Coronavirus.“ – Bleiben Sie ruhig und bekämpfen Sie das Coronavirus.

Übersetzt aus dem Englischen von Bradley Schmidt und Anna Förster.