Impfen, bargeldlos bezahlen, digital denken: Die deutsche Angst vor Technologie

Der Deutsche hatte früher vor dem Bau der Eisenbahn Panik, weil sie angeblich Erdbeben hervorruft. Jetzt sind es andere Innovationen, bei denen Deutschland bremst. Woher kommt das?

Der technologische Fortschritt: Anlass zur Furcht oder Grund zur Hoffnung? Mitarbeiter eines Halbleiterwerks in Reinraumanzügen
Der technologische Fortschritt: Anlass zur Furcht oder Grund zur Hoffnung? Mitarbeiter eines Halbleiterwerks in ReinraumanzügenImago/Thomas Koehler/photothek.net

Vor fast drei Jahren evakuierte ich mich selbst mithilfe meiner Frau und einer guten Bekannten aus einem polnischen Reisebüro durch den ersten weltweiten Lockdown aus Südafrika nach Warschau.

Ich flog mit der Lufthansa nach Frankfurt, weil Polens überforderte Regierung bereits ihren Luftraum geschlossen hatte und sich nun wunderte, warum sich Tausende polnischer Rückkehrer auf der Autobahn vor Frankfurt (Oder) bis fast nach Berlin zurückstauten und polnische Reisende mit LOT-Buchungen überall auf der Welt festsaßen.

Die Lufthansa-Maschine war voll bis zum letzten Platz, aber nur Reisende aus asiatischen Ländern trugen Masken. Beim Essen gab es keine Auswahl und zu trinken gab es nur Wasser, damit das Personal nicht unnötig mit möglicherweise ansteckenden Fluggästen in Kontakt kam. Die Pandemie war damals noch gar nicht richtig in Südafrika angekommen, aber schon im Februar, als es im südlichen Afrika noch keine einzige Ansteckung gegeben hatte, wurden am Flughafen Kapstadt schon Fieberkontrollen durchgeführt.

Ich erwartete so etwas auch einen Monat später bei der Ankunft in Frankfurt, aber da war nichts. Jeder ging zu seinem Gate, als wäre nichts geschehen, nur der Flughafen war seltsam leer, die Ladenzeilen waren geschlossen und bei den wenigen Imbiss-Ständen herrschte eine unterdrückte Weltuntergangsstimmung. Keine Tests, keine Fieberthermometer, nur Passkontrolle.

Und eine Zugfahrt um sechs Uhr morgens durch ein eingefrorenes Land. Kaum Verkehr, keine Menschen auf den Straßen, nur ab und zu einsame, frierende Hunde, die von ihren Herrchen und Frauchen durch die kalte Winterlandschaft gezerrt wurden.

In Polen lief sofort vieles digital, in Deutschland nichts

Damals hatte die taiwanesische Regierung bereits Flugstewards im Einsatz, die jeden China-Flug an Bord und noch vor der Landung kontrollierten, in Interviews und mit elektronischen Fragebogen Infektionsketten rekonstruierten und verdächtige Reisende nach der Landung in Quarantäne schickten. Die Regierung Taiwans hatte die Schulen bereits nach der Sars-CoV-1-Welle so umgebaut, dass Unterricht ohne Ansteckung möglich war, durch Plastikscheiben, getrennte Ein- und Ausgänge für die einzelnen Klassen. Natürlich hatte sie auch die notwendigen Vorräte an medizinischen Masken, während sich in der EU die Regierungen gegenseitig überboten, um Masken zweifelhafter Qualität von zwielichtigen Zwischenhändlern zu ergattern.

In Ghana war damals eine in Deutschland entwickelte Software im Einsatz, mit der Infektionen digital und zentral erfasst werden konnten, während sich Arztpraxen, Krankenhäuser und Gesundheitsämter in Deutschland mit Faxen und Telefonanrufen traktierten und Soldaten einstellen mussten, um dem Arbeitsaufwand Herr zu werden.

In Polen gab es damals bereits den e-Bürger. Über die einmalige, bei der Geburt vergebene persönliche Kennnummer konnten Ärzte digital Rezepte ausstellen. Und jeder Bürger konnte sich Ausweise und Bescheinigungen in seiner Gemeinde ausstellen lassen.

Als die erste Impfwelle begann, erhielt ich die Verschreibung dafür online. Den Termin und den Ort für die Impfung konnte ich mir auf einer zentralen Website aussuchen, ebenso den Impfstoff. Das Personal im Warschauer Nationalstadion, wo das Ganze stattfand, geriet erst in leichte Panik, als ich einen Stempel in meinen gelben Impfpass wollte.

In dem riesigen Gebäude gab es schon lange keine Stempel mehr. Die Impfung wurde über ein zentrales Computersystem erfasst, die Bestätigung kam über die EU-App als QR-Code online, ich konnte sie direkt auf mein Smartphone laden. In Deutschland wurde erst einmal wild drauflosgeimpft und in die gelben Heftchen gestempelt. Erst als man herausfand, dass das gelbe Heftchen ja gar nicht digital war und deshalb keine Reisen ermöglichte, zwang man Apotheker dazu, die Heftchen-Eintragungen in Computerprogramme zu übertragen.

Das Heldenhafte an Heiko Maas

Um Missverständnisse zu vermeiden: Das ist kein Artikel darüber, dass anderswo alles besser als in Deutschland ist. Es ist ein Artikel darüber, dass anderswo alles digitaler ist als in Deutschland. Und es ist einer darüber, warum das so ist. Heiko Maas’ gigantische Rückholaktion im Frühjahr 2020 gehört sicher zum Besten, was das Auswärtige Amt und die Lufthansa je geleistet haben.

Ich bin da nicht voreingenommen, denn mich betraf die Aktion ja nicht. Heiko Maas ist ja angeblich wegen Auschwitz, für das er nicht verantwortlich war, in die Politik gegangen und hat sie wegen der chaotischen Evakuierung von Kabul, für die er verantwortlich war, wieder verlassen. Für die größte Luftbrücke der deutschen Geschichte war er auch verantwortlich und meinetwillen hätte er deshalb gerne in der Politik bleiben können. Er hat damit ganz nebenbei auch Tausende Nicht-Bundesbürger gerettet, deren Regierungen zu einer ähnlichen Anstrengung nicht in der Lage oder willens waren. Nein, es ist nicht alles schlecht in Deutschland. Nur was gut ist, ist nicht digital und was digital ist, ist selten gut in Deutschland.

Die Möglichkeit, sich online Rat bei einem Arzt zu holen, gab es in den Niederlanden zum Beispiel schon 20 Jahre vor Ausbruch der Pandemie. Obwohl das niederländische Gesundheitswesen ungefähr so darniederlag wie heute das deutsche, und Patienten schreiend in deutsche und belgische Spitäler flohen.

Vor über zehn Jahren hatten wir in Breslau in jedem Einkaufszentrum und an jeder Straßenbahnhaltestelle schon freien Wifi-Zugang. Da musste man sich in den wenigen Läden und Kneipen, die in Deutschland drahtlosen Internetzugang anboten, durch komplizierte und teure Apps wühlen und natürlich dafür zahlen. Das lag an einem winzigen juristischen Unterschied zwischen Deutschland und anderen Ländern: Dort haftet jeder Nutzer für das, was er mit dem Zugang anstellt. In Deutschland haftete derjenige, der den Zugang anbot. Also bot ihn niemand an.

Die Angst vor der eigenen Innovation

Das ist aber eigentlich eine Ausnahme von der Regel. Denn normalerweise liegt Deutschlands Innovationsmüdigkeit nicht an solchen juristischen Spitzfindigkeiten, sondern an der weitverbreiteten Technologiefeindlichkeit seiner Bevölkerung. Technologiebegeisterte Gesellschaften sind meistens gesellschaftlichem Fortschritt gegenüber sehr misstrauisch, während gesellschaftlich fortschrittliche dem technischen Fortschritt nicht trauen.

Deshalb gibt es in Deutschland die Ehe für alle und Adoptionen durch homosexuelle Paare. In Polen gibt es das nicht, dafür gibt es einen digitalen Personalausweis, der in Deutschland nicht anerkannt wird, weil er nicht auf Papier gedruckt ist. Wegen dieses Entwicklungs-Paradoxons, das die Wissenschaft bisher ratlos gelassen hat, war jeder, aber auch jeder in Polen von der Einführung der Kreditkarte und später von der Erfindung des digitalen Telefonierens begeistert, während in Deutschland Kreditkarten als Teufelszeug galten, mit dem man Menschen in die Verschuldung treiben konnte und Mobiltelefone als Erreger von Hoden- und Hirnkrebs betrachtet und fast sofort aus dem öffentlichen Raum verbannt wurden.

Eines der unerforschten sozialpsychologischen Geheimnisse der deutschen Gesellschaft beruht im offensichtlichen Widerspruch zwischen der Technologiefeindlichkeit der Deutschen und ihrem gleichzeitigen Beitrag zur Entstehung all der Innovationen, die sie so hassen. Hämische Beobachter im Ausland behaupten gelegentlich, die Deutschen seien nur deshalb Exportweltmeister, weil sie Angst vor ihren eigenen Erfindungen hätten und sie deshalb immer auf der Stelle und möglichst in Gänze ins Ausland schafften.

Die Deutschen denken sich etwas aus, um gegen Technologie zu sein

Die Wahrheit ist banaler: Wir sind eine alternde Gesellschaft und ältere Menschen sind Innovationen gegenüber weniger aufgeschlossen, hängen an Dingen, die sich angeblich bewährt haben und haben ihre liebe Mühe, mit dem technischen Fortschritt mitzuhalten. Die Innovationen dagegen stammen meistens von jüngeren oder sogar ganz jungen Leuten. Daran ist nichts besonders deutsch; man kann es seit einigen Jahren auch in anderen Ländern beobachten, deren Gesellschaften altern.

Welche Argumente wurden nicht vorgebracht gegen die Einführung von digitalen Wahlen in den Niederlanden. Gegner dieser Innovation befürchteten doch tatsächlich, die Regierung eines der demokratischsten Länder der Welt, in dem es (von der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg mal abgesehen) nie eine Diktatur gegeben hat, könne so das Wahlergebnis fälschen. In Estland, wo sich bei der Einführung der elektronischen Abstammung noch jeder Wahlberechtigte an die Zeiten der Sowjetdiktatur erinnern konnte, gab es keine derartigen Ängste. Dort stecke circa ein Drittel der Wähler seither seinen Personalausweis mit Chipkarte in ein kleines Wahlterminal und gebe seine Stimme übers Internet ab.

Aber so ist es immer mit den Innovationsgegnern: Sie geben grundsätzlich nie zu, einfach nur Angst vor einer neuen Technologie zu haben, sondern denken sich komplizierte Theorien über die Schäden aus, die alle durch die verhasste Innovation erleiden werden, vom Hodenkrebs bis zum Untergang des Abendlandes, von Windrad-Insomnie bis zum Mikrochip, den Bill Gates einem bei der Corona-Impfung (komischerweise aber nur bei dieser) unter die Haut pflanzt.

Japanische Menetekel

Habe ich jetzt tatsächlich Windrad-Gegner (und damit die gesamte bayerische Landesregierung), Kritiker digitaler Abstimmungen und Impfgegner in einen Topf geworfen? Ja, habe ich. Denn sie alle wehren sich mit Argumenten gegen Innovationen, die unterstellen, dass die entsprechende Innovation nicht nur ihnen, sondern allen schadet. Denn natürlich sind Innovationen nie für alle gut: Wer braucht im Zeitalter der digitalen Spracherkennung noch Stenotypist:innen?

Und die Erfindung der Eisenbahn hat zwar nicht, wie damals befürchtet, Erdbeben hervorgerufen, aber doch den Massentourismus befördert. Aufhalten ließ sich das alles nicht, aber unsere Innovationsfeindlichkeit hat seine Anwendung verzögert. Und da liegt auch heute die Gefahr: Alternde Gesellschaften sind vorsichtiger, misstrauischer gegenüber Neuem und langsamer bei der Anwendung von Neuerungen. Und geraten so im globalen Wettbewerb ins Hintertreffen.

Japan ist ein gutes Beispiel: Es ist das Land mit dem weltweit höchsten Anteil an Bürgern, die 65 Jahre oder älter sind, und seine Wirtschaft, die in den 1980er- und 1990er-Jahren noch dynamisch wuchs und ein Innovationsvorreiter war, stagniert seit Jahrzehnten. Es ist beispielsweise immer noch ein führender Hersteller von digitalen Spielen, die früher einmal Video-Spiele hießen. Aber weil es dafür in einer Rentner-Gesellschaft kaum Binnennachfrage gibt, verkauft die schrumpfende Gruppe innovativer junger Japaner ihre Produkte in die ganze Welt. Ein Schelm, wer da eine Parallele zur deutschen Wirtschaft erkennt. Innovationen sind für manche gut und für andere schlecht. Innovationsverweigerung ist dagegen schlecht für alle. Da ist es nicht wirklich ein Trost, dass das noch gar nicht die ganze Wahrheit über die Innovationsverweigerung von Deutschen und Japanern ist. Zum Gesamtbild gehört nämlich auch eine gehörige Portion Starrsinn und Arroganz.

Lernresistenz als Fortschrittsbremse

Vor drei Jahren, als die Corona-Pandemie ausbrach, kam fast niemandem die Idee, von anderen Ländern, auf die man bisher herabgesehen hatte, zu lernen. Obwohl viele Staaten in Fernost damals bereits jede Menge Erfahrung bei der Bewältigung der Sars-CoV-1-Epidemien gesammelt hatten: Südkorea, Taiwan, sogar Vietnam.

War es denkbar, dass Deutsche etwas von Vietnamesen lernen konnten? Kaum. Die gängigen Stereotypen über Vietnam und Vietnamesen handeln nur von Gastarbeitern, die körperlich rackern und von billigen Imbissbuden. Medizinische Fähigkeiten werden hierzulande mit Vietnamesen eher selten assoziiert. Zu Unrecht, Vietnam kam recht gut durch die Pandemie. Ich habe damals auch über die vielen Asiaten mit ihren Masken gelacht.

Man wusste doch, Masken schützen nicht hundertprozentig. Wie Kondome, aber die benutzen wir trotzdem. Das Lachen verging mir dann im voll besetzten Regionalzug von Berlin an die polnische Grenze. Auf dem Nachbarsitz lauschte ein Ehepaar einem YouTube-Video, in dem mit hanebüchenen Argumenten der Untergang unseres Finanzsystems vorausgesagt wurde. In solchen Situationen funktioniert das deutsche Mobilnetz immer. Ich fühlte mich nackt ohne Maske. Ach, wäre ich doch jetzt ein Vietnamese. Dann hätte ich etwas im Gesicht hängen und würde diesen Unsinn gar nicht verstehen.

In Deutschland fließt das Wasser nach oben

Das Bankensystem ist bekanntlich nicht zusammengebrochen. Und für die Weltuntergangsszenarien sind nun nicht mehr YouTube-Eintagsfliegen, sondern Greta Thunberg, Fridays for Future und die Letzte Generation zuständig. Und in puncto Klimawandel-Belehrungen ist Deutschland wieder einmal Weltmeister. Kohle müssen wir sparen, weniger fliegen, Autos auf Strom umstellen und Wasser sparen. In einigen Jahren gehen die Alpen-Gletscher in Rente und schicken kein Wasser mehr in die Täler, dann versickern unsere Bäche, die Flüsse werden dauerhaft so wenig Wasser wie der Rhein im letzten Sommer führen und wir werden wie früher manche Afrikaner um Regen beten, statt uns zu freuen, dass die Sonne scheint.

Afrikanische Regenmacher werden uns kaum helfen, aber wir könnten es ja einmal mit südafrikanischer Wasserretention versuchen: Jede Farm, jeder Bauernhof hat dort große Rückhaltebecken, die oft mehrjährige Dürren überbrücken können. Mehr noch: Die Bewohner der großen Townships, die wir meist abfällig Slums nennen, haben fast alle seltsam aussehende Gerätschaften auf dem Dach. Sie pumpen Wasser nach oben, das dort durch Sonneneinstrahlung auf über 40 Grad erhitzt und damit behelfsmäßig sterilisiert wird und dann getrunken oder zum Waschen benutzt werden kann. Nach den Dürrewellen der letzten Jahre haben sich viele Kapstädter inzwischen komplizierte Röhrensysteme gebastelt, mit denen sie Wasser wiederverwenden können. Was nach dem Geschirrspülen übrig bleibt, wird so für den Garten verwendet. In Deutschland jagen wir weiter jeden Tag literweise Trinkwasser durch das Klo.

Dass die Lichter ausgehen könnten, ist eine deutsche Angst

Während einer solchen Dürreperiode habe ich gelernt, wie man mit täglich 15 Litern pro Person auskommen kann, ohne dass deshalb die örtlichen Stinktiere zum Essen vorbeikommen. Zwei bis drei Plastikbehälter, mit denen man das Geschirrspülwasser ins Klo bringen und das Duschwasser einfangen kann, genügen. In öffentlichen Gebäuden gab es in Südafrika so schon lange vor der Pandemie statt Wasser nur noch Desinfektionsmittel zum Händewaschen. Die Benutzung musste man den Bürgern dann gar nicht mehr beibringen, als die Pandemie ausbrach.

Man müsste gar nicht mit Plastikeimern und selbstgebauten Wasserröhren hantieren, würde man Häuser gleich so bauen, dass das Wasser von oben nach unten fließt, was es in der Natur ja auch tut. Wenn oben die Küche und die Dusche sind und unten das Klo ist, kann man das Duschwasser automatisch in die Gartenbewässerung und das Spülwasser ins Klo lenken, selbst wenn – wie häufig in Südafrika – der Strom und damit die Wasserpumpen ausfallen. Die Kombination aus Fotovoltaik auf dem Dach und leistungsstarken Batterien zur Überbrückung von Stromausfällen gab es in Südafrika schon Jahre vor dem russischen Krieg gegen die Ukraine. Dass die Lichter ausgehen könnten, ist eine deutsche Angst, keine südafrikanische.

Digitale Rechnungen, wahlweise auf WhatsApp, als E-Mail oder SMS

Es war auch in Südafrika, wo mich schon vor gefühlten zehn Jahren das erste Mal ein Taxifahrer an den Flughafen brachte, der mir seine steuerabzugsfähige Rechnung noch während der Fahrt von seinem voll digitalisierten Cockpit aus als E-Mail aufs Handy schickte. Ich weiß nicht, ob polnische Taxifahrer von ihren südafrikanischen Kollegen gelernt haben, aber seit kurzem bekommt man auch in Polen keine händisch ausgefüllten Papierquittungen oder schnell verbleichende Kassenzettel mehr, sondern digitale Rechnungen, wahlweise auf WhatsApp, als E-Mail oder SMS. In Deutschland bin ich schon glücklich, wenn ich die Taxirechnung nicht als Floppy Disk bekomme.

Dass Deutschland bei der Digitalisierung hinterherhinkt, dass es schwarze Löcher und nicht nur Täler, sondern ganze Tiefebenen der Ahnungslosen gibt, in denen das Internet zu den Bewohnern nur im Schritttempo kommt, ist alles seit Jahren bekannt und hat auch schon zum Entstehen zahlreicher Digitalisierungsstrategien geführt, in deren Rahmen überforderte Bürokraten auf überalterten PCs Pläne entworfen (und ausgedruckt) haben, wie man Deutschland zu einem Vorreiter beim autonomen Fahren und beim Einsatz von KI-Dienstleistungsrobotern in der Altenpflege macht.

Ein Mensch ist immer noch besser als ein KI-Roboter

Dabei hat wohl kaum noch jemand „Freude am Fahren“, wenn ihn Künstliche Intelligenz vorschriftsgemäß und unter Einhaltung aller Geschwindigkeitsbegrenzungen über die Autobahn kutschiert. Allein die Vorstellung, eine KI-geboostete Hightech-Limousine könne sich weigern, überhaupt loszufahren, solange am Zielpunkt kein Parkplatz frei ist, muss doch jedem deutschen Autofahrer eine Gänsehaut oder eine ganze Welle an Gänsehäuten über den Rücken jagen.

Ich habe auch gewisse Probleme, mir die Begeisterung 80-jähriger bettlägeriger Rentner beim Anblick eines tumb lächelnden KI-Pflegeroboters vorzustellen, sollte die nächste Digitalstrategie erfolgreich sein. Die Zeitungen sind voller Nachrichten über rassistische Übergriffe und ausländerfeindliche Vorfälle, aber ich glaube trotzdem, dass ein solcher Rentner die Gesellschaft einer höflichen philippinischen oder indischen Krankenschwester dem Grinsen eines KI-Roboters vorzieht, auch wenn sie vielleicht nicht gleich alle seine auf Schwäbisch oder Bayerisch vorgetragenen Bitten verstehen wird.

Hüpfende Frösche und fröschelndes Hüpfen

In den Wirtschaftswissenschaften gibt es den Begriff des Leap-Frogging, was mit Froschhüpfen nur sehr schlecht übersetzt ist, weil es draußen in der Natur ja der Frosch ist, der hüpft, und nicht, wie die Ökonomen behaupten, der Hüpfer, der froscht. Der Ausdruck bezeichnet die Strategie von Ländern, die im globalen Wettbewerb ins Hintertreffen geraten sind und das wettzumachen versuchen, indem sie einfach eine Entwicklungsstufe überspringen wie ein Frosch.

Ruanda ist so ein Frosch. Während in Westeuropa die Entwicklung von der Landwirtschaft über die Industrialisierung bis zur Ausformung eines starken Dienstleistungs- und Handelssektors verlief, hat die Geschichte das Land gleich aus der Landwirtschaft in die digitale Dienstleistungsgegenwart gebeamt. Viele Ruander haben nie ein verkabeltes Telefon mit eigenen Augen gesehen und Telefonhäuschen musste man dort nicht abschaffen, weil es nie welche gab. Aus der Zeit der Trommelnachrichten und des Fernschreibers landeten die Ruander gleich im Zeitalter der Mobiltelefone und Smartphones. Das geht aber natürlich nur, wenn die Infrastruktur das auch hergibt. Tut sie das nicht, muss man die eigenen Ambitionen etwas anpassen. Das Ergebnis ist dann zum Beispiel eine unbürokratische, aber rabiate Variante des Tempolimits.

In Deutschland wird viel Vernünftiges nicht beschlossen

Überall im Land stehen Radarfallen, stationäre und mobile, die ohne Vorwarnung blitzen. Das tun sie aber nur, weil sie aus rückständigen Erzeugerländern importiert wurden, die immer noch Fotos und Inkassobescheide verschicken, möglichst mit der Post und per Einschreiben. In Ruanda versenden die Radarfallen sofort und direkt Bußgeldbescheide an das Smartphone des Fahrers. Wer will, kann sich eine App besorgen, die das Bußgeld auch gleich bezahlt. Das empfiehlt sich, denn schon nach wenigen Tagen Versäumnis steigt so ein Bußgeld exponentiell an. Ist es dann immer noch nicht bezahlt, schleppt die Polizei das Auto ab.

In einem Land voller freier Bürger, die in voller Fahrt unterwegs sind, würde so etwas natürlich niemals durch Bundestag, Bundesrat und Verfassungsgericht kommen, zumal auch die Datensicherheit ungeklärt ist und außerdem offen ist, ob eine solche Konzentration von Radarfallen nicht Hodenkrebs oder Erdbeben auslöst.

Lernen von Namibia?

Deshalb könnten wir uns in einer anderen ehemaligen deutschen Kolonie umsehen, die ihr Tempolimit völlig ohne überwachungsstaatliche Folterwerkzeuge durchsetzt: Namibia. Wer dort ein Auto mietet, erfährt, dass die Geschwindigkeit ständig per Satellit erfasst wird und bei Übertretung der örtlichen vorgeschriebenen Höchstgeschwindigkeit kein Versicherungsschutz mehr besteht. Wenns kracht, zahlt der Raser den Schaden aller Beteiligten und ist bankrott. Auf den Teerstraßen darf man bis zu 120 km/h fahren, aber wer die überschreitet, den foltert sein Wagen mit einem ekelhaft unangenehmen Alarmton, der erst aufhört, wenn die Nadel wieder unter 120 km/h sinkt. Wer also zügig überholen will, kann das tun. Wer die ganze Strecke von Keetmanshoop bis Windhoek mit 180 km/h entlangbrettern will, braucht danach wahrscheinlich einen Nervenarzt, auch wenn er keinen Unfall gebaut hat. Das alles ist problemlos mit dem Datenschutz vereinbar: Gibt der Kunde sein Auto dellenfrei ab, braucht der Vermieter die Satellitendaten gar nicht einsehen und sie werden gelöscht. Und natürlich funktioniert das Ganze auch ohne Überwachung per Satellit, mit einem einfachen Fahrtenschreiber wie bei Lkw. Man muss es nur wollen. Oder anders gesagt: Man müsste bereit sein zu lernen, von Ländern, die früher mal deutsche Kolonien waren und auf die man hierzulande gerne paternalistisch herabblickt.

Deutschland, lerne hüpfen!

Man müsste hüpfen lernen, wie ein Frosch oder ein ambitioniertes Entwicklungsland, so, dass die Infrastruktur auch zu den Innovationen passt. Ist das nicht der Fall, wird es peinlich. Wie auf jenem Parkplatz an der deutschen Ostseeküste. Da stand ein Parkautomat, der nur Münzen nahm. Deutsche Münzen, obwohl die Gastronomie dort praktisch von polnischen Saisonarbeitern und polnischen Besuchern abhängt. Man konnte die Gebühr auch per App bezahlen, allerdings war das Mobilnetz beim Parkplatz (er lag mitten in der Stadt) so schwach, dass das Herunterladen der App 40 Minuten dauerte.

Es war auch eine gute Idee, Infektionsketten im Pandemiesommer 2021 durch den Zwang (ja, Zwang!) nachvollziehbar zu machen, sich in jedem Restaurant per Luca-App einloggen zu müssen, selbst wenn man im Winter im Freien saß. Aber was, wenn es im Restaurant kein Wifi gibt und das Mobilnetz so schwach ist, dass die App sich gar nicht einloggen kann?

Dann macht man ein angestrengtes Gesicht, fuchtelte per forma an seinem Smartphone herum und stößt schließlich einen erleichterten Seufzer aus, wenn der Kellner aufhörte, einem über die Schulter zu sehen. Ganz so, als habe man es geschafft, sich einzuloggen. Das habe ich übrigens von Polen gelernt: Wenn alle so tun als ob, ist es fast so, als wäre alles in Ordnung. Vielleicht ist das auch die deutsche Variante des Leap-Frogging: Alle tun so, als könnten sie hüpfen, obwohl sie in Wirklichkeit im Rollstuhl sitzen und nach der Schnabeltasse suchen. Damit können wir uns unter Umständen sogar gegenseitig überzeugen, dass wir digitale Weltmeister sind. Nur sollten wir aufhören, andere, vermeintlich rückständigere Länder über richtiges Hüpfen zu belehren.

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