Wenn Wladimir Putin sagt „Die Erde ist rund!“, muss es nicht heißen, dass er unrecht hat, oder?

Sogenannte ‚Bellizisten‘ und ‚Pazifisten‘ streiten sich in Deutschland um die Deutungshoheit im Ukrainekrieg. Wie damit umgehen? Ein paar Tipps.

Region Saporischschja, Südostukraine, Mai 2022: Soldaten einer militärischen Mörsergruppe schauen sich am Rande eines trockenen Sonnenblumenfeldes um.
Region Saporischschja, Südostukraine, Mai 2022: Soldaten einer militärischen Mörsergruppe schauen sich am Rande eines trockenen Sonnenblumenfeldes um.Imago/Ukrinform

Keiner kann sich heute mehr persönlich daran erinnern, aber manche unserer Kinder kennen sie wenigstens auf dem Geschichtsunterricht: die Dolchstoßlegende, die Geschichte davon, wie streikende und protestierende Arbeiter unter dem Einfluss der „Roten“ die Rüstungsproduktion verlangsamten und damit dem eigentlich siegreichen deutschen Heer in den Rücken fielen, das daraufhin gezwungen war, in Compiègne einen Waffenstillstand und anschließend in Versailles einen „Schandfrieden“ zu unterzeichnen. Und wie das Deutsche Reich so den Krieg verlor und dann unterging. Alles die Schuld der „Roten“!

Das war gewissermaßen die Mutter aller deutschen Verschwörungstheorien und ein Paradebeispiel dafür, wie solche Erzählungen idealtypisch funktionieren: Man nehme einen einzigen Faktor („die Roten“), schreibe ihnen ganz arg böse Absichten und Taten zu („dem deutschen Heer den Dolch in den Rücken stoßen“) und mache beides dann für enorme und sehr nachteilige Folgen verantwortlich („den Untergang des Reiches“). Das Ganze muss noch dazu so vage gehalten sein, dass man es nur schwer widerlegen kann, und es muss einen steil aufgerichteten Zeigefinger enthalten, der dafür sorgt, dass auch jeder versteht, wer in der Geschichte der Böse und wer der Gute ist.

Erkenntnistheoretisches Perpetuum mobile

Viele denken, Verschwörungstheorien seien nicht wahr. Aber das stimmt nicht. Verschwörungen hat es ja in der Geschichte gegeben. Und selbst wenn viele davon nie aufgeklärt wurden, ist doch klar, dass es sich um Verschwörungen und keine Einzeltaten handelte: An der Ermordung von John F. Kennedy war nicht nur Lee Harvey Oswald beteiligt. Ehemalige französische Kolonialoffiziere wollten tatsächlich Paris besetzen und gegen General de Gaulle putschen. Claus von Stauffenbergs Bombe gegen Hitler war Teil einer der größten Verschwörungen der deutschen Geschichte überhaupt, und die vielen Autoren, die diese erforscht und beschrieben haben, bezeichnen wir ja auch nicht als Verschwörungstheoretiker.

23. November 1963: Lee Harvey Oswald wird im Polizeipräsidium von Dallas, Texas, kurz nach seiner Verhaftung wegen des Attentats auf Präsident Kennedy von Beamten eskortiert.
23. November 1963: Lee Harvey Oswald wird im Polizeipräsidium von Dallas, Texas, kurz nach seiner Verhaftung wegen des Attentats auf Präsident Kennedy von Beamten eskortiert.Imago/Courtesy Everett Collection

Die Crux mit den Verschwörungstheorien ist nicht, dass sie nicht wahr sind, sondern dass man nicht beweisen kann, dass sie falsch sind. Erstens weil sie meist zu vage sind, um widerlegt werden zu können. Zweitens weil sie so konstruiert sind, dass sie wahr sein müssen: Gibt es Beweise für die Existenz einer Verschwörung, halten Verschwörungstheoretiker die Verschwörung für bewiesen – auch wenn es Beweise gibt, die sie widerlegen oder die eine andere Erklärung als eine Verschwörung nahelegen.

Gibt es keine Beweise für die behauptete Verschwörung, ist das für einen Verschwörungstheoretiker der Beweis dafür, wie perfekt die Verschwörung organisiert ist: so gut, dass es den Verschwörern gelungen ist, alle Beweise zu vernichten. Die perfekte Verschwörung ist also eine, die man gar nicht beweisen kann. Und gerade dass man das nicht kann, ist dann Beweis dafür, dass es sie gegeben hat. Das funktioniert wie ein erkenntnistheoretisches Perpetuum mobile. Aber seit den Protokollen der Weisen von Zion sind Menschen immer wieder darauf hereingefallen.

Und selten waren die Umstände dafür so gut wie jetzt.

Pandemie, Krieg, Unsicherheit und Intoleranz

Dolchstoßlegenden werden verbreitet, um der Öffentlichkeit Sündenböcke zu präsentieren. Sie werden geglaubt, weil sie ein kompliziertes, schwer verständliches Zusammenspiel von vielen Faktoren auf eine einfache, verständliche Ursache reduzieren, die man für alles Übel verantwortlich machen kann. Und sowohl dieses Zusammenspiel als auch die erwähnten Übel gab es in den letzten Jahren ja genug. Kein Wunder, dass weder an Verschwörungstheorien noch an Sündenböcken Mangel herrschte.

9. Februar 2020: Freiwillige besuchen eine Gemeinde im Bezirk Jiang in Wuhan in der zentralchinesischen Provinz Hubei.
9. Februar 2020: Freiwillige besuchen eine Gemeinde im Bezirk Jiang in Wuhan in der zentralchinesischen Provinz Hubei.IMAGO / Xinhua

Für die Pandemie waren nacheinander „die Chinesen“ (die den Virus in ihren Labors gezüchtet haben), „Bill Gates“ (der die Weltherrschaft über das Einimpfen von Chips erreichen wollte), „Big Pharma“ (die Gewinn durch Impfen maximieren wollten) und sogar „das globale Finanzsystem“ verantwortlich, das in der Pandemie angeblich zusammenbrechen würde, aber, wie man jetzt weiß, sich dann doch anders entschieden hat. Es wäre sonst ja auch der einzige sich selbst beseitigende Sündenbock geworden.

Dann kam der Krieg und alles schien auf einmal ganz einfach: Russland, ein riesiger Atomstaat, der Regimekritiker vergiften, ermorden, einkerkern ließ, überfiel ein kleines Land ohne Atomwaffen, die Ukraine, vor aller Augen, beging dabei Kriegsverbrechen und drohte mit dem Einsatz von Nuklearwaffen. Eine juristisch und moralisch so eindeutige Angelegenheit hat es seit dem Überfall auf Pearl Harbour nicht mehr gegeben. Russland ist nicht nur der Aggressor und die Ukraine der Angegriffene, es ist auch noch sofort in die Rolle des David geschlüpft, mit Russland als übermächtigem (und offenbar überfordertem) Goliath.

Sotschi, Russland, 2. November 2022: Der russische Präsident Wladimir Putin leitet per Videokonferenz eine Sitzung des Koordinierungsrates für die Bedürfnisse der russischen Streitkräfte.
Sotschi, Russland, 2. November 2022: Der russische Präsident Wladimir Putin leitet per Videokonferenz eine Sitzung des Koordinierungsrates für die Bedürfnisse der russischen Streitkräfte.IMAGO / SNA

Besonders Letzteres ist schwer zu verstehen und ein Zusammenspiel aus den unterschiedlichsten Faktoren: Korruption, Nepotismus, dysfunktionale Kommunikationskanäle zwischen der russischen Armee und der Staatsführung, Putins selbstgewählte Isolation in der Pandemie, die aus seinem Verfolgungswahn resultiert, Fehlinformationen der Geheimdienste, die die Staatsführung im Glauben ließen, die Ukrainer warteten nur auf ihre Befreiung, die Anhäufung von veralteten Sowjetwaffen, die gegen westliche Präzisionswaffen wenig ausrichten können und die Demoralisierung in der russischen Armee.

Meinungsfreiheit in Deutschland

Nun hat die deutsche Öffentlichkeit eine Eigenart, die der Verbreitung von Verschwörungstheorien ganz besonders entgegenkommt. Einer meiner Kollegen, ein oberschlesischer Kulturwissenschaftler, hat es einmal so ausgedrückt: Wenn du in Polen auf dich aufmerksam machen willst, musst du das Gleiche sagen wie alle anderen, nur lauter. Wenn du in Deutschland auf dich aufmerksam machen willst, musst du etwas radikal Anderes sagen als alle anderen.

Deshalb gab es in Deutschland in der Pandemie viel mehr und viel besser organisierte Impfgegner, die ja auch entsprechend viel Aufmerksamkeit auf sich zogen. Und jetzt gibt es auch viel mehr Intellektuelle, Publizisten und Journalisten, die das moralisch so eindeutige David-Goliath-Narrativ in Bezug auf den Krieg in der Ukraine umkehren. Wer das in Polen tut, bekommt so gut wie keine Aufmerksamkeit, außer vielleicht von einem der zahllosen polnischen Geheimdienste. In Deutschland kommt man damit in die Bestsellerlisten und die Talkshows, wo man sich dann beklagen kann, dass man in die Ecke gestellt, seiner Meinungsfreiheit beraubt und von den Mainstream-Medien plattgemacht wird. Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich, aber so funktioniert sie eben, die bundesrepublikanische Öffentlichkeit: Meinungsfreiheit besteht auch in der Freiheit, die Existenz der Meinungsfreiheit zu bestreiten.

Davon abgesehen heißt das keineswegs, dass Leute, die das tun, mit dem, was sie selbst behaupten, Unrecht haben. Das ist ein weiteres Kennzeichen der post-pandemischen Öffentlichkeit: Bedrohungen verunsichern, Verunsicherung macht intolerant. Und deshalb staunen Laien und wundern sich Fachleute nicht nur ob solcher Thesen, sondern sie fordern auch immer öfter, sie gar nicht erst zu veröffentlichen oder wollen die, die sie verbreiten, bestrafen.

25. Oktober 2020: Demo von Verschwörungstheoretikern und „Querdenkern“ am Brandenburger Tor in Berlin.
25. Oktober 2020: Demo von Verschwörungstheoretikern und „Querdenkern“ am Brandenburger Tor in Berlin.IMAGO / Travel-Stock-Image

Denn, so lautet der ultimative Vorwurf meist: Das ist russische Propaganda. Stimmt, auch die russische Regierung behauptet, sie sei „eigentlich“ die Angegriffene und einem Angriff der Nato aus der Ukraine nur zuvorgekommen, die Ukraine habe sich in den Besitz von Atomwaffen bringen wollen, und die Nato sei vor dem 24. Februar dieses Jahres dabei gewesen, Russland einzukreisen. Aber deshalb muss es ja noch nicht falsch sein. Wenn Putin morgen in einer Rede behauptet, die Erde sei rund, muss ich ja nicht behaupten, sie sei flach, nur um nicht als russischer Propagandist dazustehen.

Warum also nicht aller postpandemischer Intoleranz zum Trotz diese umgekehrte David-Goliath-These ernst nehmen? Es gibt jede Menge Beweise dafür, dass „alles“ ganz anders war, als uns die „Mainstream-Medien“ und „die Politik“ weismachen wollen.

Ist Russland das eigentliche Opfer?

Juristisch betrachtet ist die Sache weiterhin eindeutig: Auch wenn man als Staat eingekreist wird und einem Angriff zuvorkommen will, ist man ein Aggressor, wenn man zuerst losschlägt. Die UN-Charta verpflichtet Staaten zum Gewaltverzicht, erlaubt aber Verteidigung. Geht es nach Völkerrecht, darf die Ukraine die Nato auf ihr Territorium einladen, und die Nato darf dann eine Flugverbotszone in der Ukraine durchsetzen und den Donbass, Cherson, Mariupol und die Krim gewaltsam befreien. Völkerrechtlich betrachtet, hat Russland nämlich große Teile der Ukraine besetzt, während die Ukraine keinen einzigen Fetzen Russlands besetzt oder annektiert hat.

Aber von all denen, die die David-Goliath-These umkehren wollen, argumentiert ja auch keiner juristisch. Das tut nicht einmal mehr Russland. Als die Ukraine Russland vor einem halben Jahr vor den Internationalen Gerichtshof zerrte, sprach ihm Russland die Zuständigkeit ab, es behauptete nicht, im Recht zu sein. Als die UN-Generalversammlung Russland mit nur fünf Gegenstimmen verurteilte, argumentierte der russische Außenminister nicht, Russland habe Recht, sondern die anderen UN-Mitglieder seien von den USA erpresst worden. Russland beruft sich nicht aufs Recht, sondern auf Macht. Das tut man in der Regel, wenn man weiß, dass man das Recht ohnehin nicht auf seiner Seite hat.

Beweise für einen Stellvertreterkrieg?

Aber dann gibt es ja auch noch die politisch-moralische Seite der Geschichte. Und da muss es einen ja schon nachdenklich machen, wenn man erfährt, dass in den Jahren vor dem 24. Februar gemeinsame Manöver von ukrainischer Armee und Nato stattfanden, ukrainische Soldaten jetzt westliche Waffensysteme bedienen können, weil sie schon lange daran ausgebildet wurden. Ganz zu schweigen von den Meldungen darüber, dass kurz vor dem russischen Angriff im Februar erst der CIA-Chef in Kiew und Moskau war und dann während des Angriffes der BND-Präsident hastig über die Grenze geschleust werden musste, weil er von der Invasion überrascht worden war.

New York, 5. April 2021: Hunter Biden setzt sich zu einem Interview mit dem Korrespondenten Anthony Mason in „CBS – This Morning“ zusammen. Während des Gesprächs redet der Sohn von Präsident Joe Biden über die verschiedenen Untersuchungen und Anschuldigungen, die das Futter für die Mühlen der rechten und Boulevardmedien sind.
New York, 5. April 2021: Hunter Biden setzt sich zu einem Interview mit dem Korrespondenten Anthony Mason in „CBS – This Morning“ zusammen. Während des Gesprächs redet der Sohn von Präsident Joe Biden über die verschiedenen Untersuchungen und Anschuldigungen, die das Futter für die Mühlen der rechten und Boulevardmedien sind.IMAGO / ZUMA Wire

Der Sohn des amerikanischen Präsidenten, Hunter Biden, hat wirtschaftliche Interessen in der Ukraine, die Regierung von Wolodymyr Selenskyj unterstützte in der amerikanischen Innenpolitik Biden gegen Trump und verabschiedete 2021 gar eine Militärdoktrin, die die Rückeroberung der Krim und der beiden Donbass-Republiken vorsah. Wenn dass nicht der Beweis dafür ist, dass in der Ukraine ein Stellvertreterkrieg der USA gegen Russland stattfindet, in den sich die Bundesrepublik hineinziehen ließ, was ist dann der Beweis?

Viele Tatsachen können außerhalb unseres Sichtfelds sein

Aufmerksamen Lesern fällt an dieser Stelle vielleicht auf, wie diese Argumente aufgebaut sind: Alle Fakten bestätigen die Eingangsthese von Russland als dem wahren Opfer, und sie führen die Ereignisse auf einen einzigen vage formulierten Faktor zurück (Stellvertreterkrieg der USA), der einen einzigen Sündenbock präsentiert (die USA) und uns der Anstrengung enthebt, „das Zusammenspiel der unterschiedlichsten Faktoren“ begreifen zu müssen. Genau wie eine Verschwörungstheorie.

Und genau wie sie kann man auch gar nicht sagen, ob die Behauptung, „Russland habe angegriffen, um einem Angriff zuvorzukommen“, falsch ist. Das werden wir nie erfahren, weil Russland ja nicht angegriffen wurde. Was wir dagegen sagen können, ist, dass wir diese Behauptung gar nicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen können. Sie ist zu vage und lässt viele Fakten außer Acht, die ihr widersprechen. Wir können nur auf die angeführten Tatsachen sehen und nachdenklich nicken: „Ja wenn das so ist, dann ist da vielleicht ja was dran...“

Die Tatsachen, die dem widersprechen, bleiben außerhalb unseres Sichtfeldes.

Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein

Eine davon ist die Tatsache, dass der Krieg Russlands gegen die Ukraine gar nicht am 24. Februar dieses Jahres ausgebrochen ist, sondern acht Jahre zuvor. Bis 2013 war die Ukraine ein in der Grauzone zwischen Ost und West hängendes Land, in dem sich westliche und östliche Einflüsse mehr oder weniger die Waage hielten. Die russische Regierung, ihre Geheimdienste und PR-Experten unterstützten pro-russische, die USA taten das Gleiche für pro-westliche Kandidaten und Parteien.

Der ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko spricht mit der Presse während eines transatlantischen Gipfeltreffens im Nato-Hauptquartier in Brüssel, das am Dienstag, den 22. Februar 2005, auf höchster Ebene stattfindet.
Der ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko spricht mit der Presse während eines transatlantischen Gipfeltreffens im Nato-Hauptquartier in Brüssel, das am Dienstag, den 22. Februar 2005, auf höchster Ebene stattfindet.IMAGO / Belga

Dabei ging es oft rabiat zu, etwa wenn der pro-westliche Präsidentschaftskandidat Viktor Juschtschenko vergiftet wurde, oder die CIA versuchte, mit Hilfe eines Überläufers den (damals noch) pro-russischen Präsidenten Leonid Kutschma wegen des Auftragsmordes an einem Journalisten zu stürzen. Es ist wohl ein Treppenwitz der Weltgeschichte, dass beide, amerikanische und russische Regierung, von der Eskalation auf dem Maidan 2013 und 2014 vollkommen überrascht wurden.

Die Donbass-Republiken erkannte nicht einmal Russland an

Ich konnte das damals auch nicht glauben, und so habe ich damals mit einer Gruppe von Wissenschaftlern und Journalisten nach amerikanischen Einflüssen auf die Ereignisse geforscht. Außer einem kleinen US-Aid-Projekt mit dem Obersten Rat in Kiew haben wir kein amerikanisches Geld gefunden, das auf eine Einmischung hinwies, und bei den (größtenteils vertraulichen) Interviews mit US-Think-Tanks und Außenpolitikern wurde schnell eines klar: Dass das State Department von den Ereignissen von Anfang an auf dem falschen Fuß erwischt wurde, genau wie die damalige Bundesregierung. Ziemlich gut fanden sich dagegen Politiker zurecht, die in der Ukraine sehr gute Kontakte hatten. Der frühere linke polnische Präsident und Kutschma-Freund Aleksander Kwasniewski ebenso wie der damalige, eher konservative polnische Außenminister Radoslaw Sikorski.

Mutmaßliche russische Soldaten mit Sturmgewehren und schweren Panzern laufen am 5. März 2014 über die Karl-Marx-Straße vor dem belagerten Hauptquartier der Küstenwache in Simferopol, Krim (Ukraine).
Mutmaßliche russische Soldaten mit Sturmgewehren und schweren Panzern laufen am 5. März 2014 über die Karl-Marx-Straße vor dem belagerten Hauptquartier der Küstenwache in Simferopol, Krim (Ukraine).IMAGO / ZUMA Press

Als der mit seinem deutschen und französischen Amtskollegen einen Kompromiss im umkämpften Kiew aushandelte und dem pro-russischen ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch eine goldene Brücke baute, schickte Putin nur seinen machtlosen Menschenrechtsbeauftragten nach Kiew. Dann annektierte Russland die Krim, schickte bewaffnete Freischärler in den Donbass und verwandelte eines der bis dahin pro-russischsten Länder der Welt innerhalb von wenigen Monaten in eines der russenfeindlichsten. Die Krim-Annexion erkannte niemand an, nicht einmal Putins treuster Adlatus, der belarussische Diktator Aleksander Lukaschenko. Die Donbass-Republiken erkannte nicht einmal Russland an.

Was die Invasion im Februar 2022 geändert hat

An dieser Stelle darf der Hinweis nicht fehlen, dass die Unruhen in Kiew damals ausbrachen, weil Janukowitsch ein mit der EU ausgehandeltes Kooperationsabkommen (das keinen Beitritt vorsah) in letzter Minute nicht unterzeichnen wollte. Es ging damals weder um einen EU- noch einen Nato-Beitritt der Ukraine. Das änderte erst die Invasion vom Februar 2022.

Region Saporischschja, Südostukraine, Mai 2022: Soldaten einer militärischen Mörsergruppe schauen sich am Rande eines trockenen Sonnenblumenfeldes um.
Region Saporischschja, Südostukraine, Mai 2022: Soldaten einer militärischen Mörsergruppe schauen sich am Rande eines trockenen Sonnenblumenfeldes um.IMAGO / Ukrinform

Wie unvorbereitet „der Westen“ und die Ukraine damals waren, erkennt man, wenn man die Effizienz der ukrainischen Armee heute und damals vergleicht: Janukowitsch hatte sie so kaputtgespart und desorganisiert, dass er sie nicht einmal selbst gegen die Maidan-Demonstranten einsetzen konnte. Auf der Krim hatte sie Anweisung, gar nicht erst zu kämpfen, gegen die Separatisten kassierte sie eine Niederlage nach der anderen. Nur Mariupol konnte sie damals noch halten.

Donbass-Republiken bis zum Februar 2022 Territorium der Ukraine

Das Problem in Deutschland damit ist, dass dieser Krieg im öffentlichen Bewusstsein gar nicht stattfand. Kein Schwein guckte hin, könnte man mit F. K. Waechter sagen, und deshalb erscheinen vielen heute die Jahre zwischen 2014 und 2022 als eine Art ukrainische, von der Nato unterstützte Kriegsvorbereitung gegen Russland, für die es keine Rechtfertigung gibt. Und gegen die Russland sich dann im Februar wehrte. Das ist ein wenig so, als würde man den Aufstand im Warschauer Ghetto als unprovozierten Angriffskrieg der Juden gegen Deutschland sehen, weil man vergessen hat, was davor geschah.

Lübeck, 15. April 2015: Der kanadische Außenminister Robert Nicholson (v.l.n.r.), der japanische Außenminister Fumio Kishida, der britische Außenminister Philip Hammond, US-Außenminister John Kerry, der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier, der französische Außenminister Laurent Fabius, die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini und der italienische Außenminister Paolo Gentiloni posieren für Fotos während einer Plenarsitzung des G7-Außenministertreffens.
Lübeck, 15. April 2015: Der kanadische Außenminister Robert Nicholson (v.l.n.r.), der japanische Außenminister Fumio Kishida, der britische Außenminister Philip Hammond, US-Außenminister John Kerry, der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier, der französische Außenminister Laurent Fabius, die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini und der italienische Außenminister Paolo Gentiloni posieren für Fotos während einer Plenarsitzung des G7-Außenministertreffens.IMAGO / Xinhua

Die Minsker Abkommen waren Abkommen über einen Waffenstillstand, kein Friedensvertrag, in dem die Ukraine auf die Krim und den Donbass verzichtete. Selenskij brauchte keine neue Militärdoktrin als rechtliche Grundlage für ihre Rückeroberung. Dazu verpflichtet die ukrainische Verfassung jeden Präsidenten, und die UN-Charta erlaubt ihm das. Und sogar nach russischem Recht waren die Donbass-Republiken bis zum Februar 2022 Territorium der Ukraine.

Wie umgehen mit Verschwörungstheorien?

So gesehen hat die Umkehrung des David-Goliath-Narrativs viel Ähnlichkeit mit anderen Verschwörungstheorien, wie sie bereits in der Pandemie kursierten. Und wie bei ihnen kann man nicht von vorneherein sagen, sie sei falsch, weil sie so konstruiert ist, dass man sie gar nicht auf ihre Richtigkeit überprüfen kann. Wir wissen nicht, wie sehr umzingelt sich die russische Führung wirklich fühlte, von einer Nato, an die sie nur mit einem winzigen Teil ihres Territoriums angrenzt.

Vielleicht fühlte sich Putin tatsächlich bedroht von einem viel kleineren Land, das 1994 Russland alle seine Atomwaffen übergeben hatte und in dem es keine einzige Nato-Militärbasis gab (und gibt), und er fürchtete sich tatsächlich vor einer ukrainischen Invasion, der er zuvorkommen wollte. Und vielleicht hat die CIA ja den Maidan völlig ohne Geld organisiert und vorausgesehen, dass Janukowitsch gar nicht im Amt bleiben, sondern nach Russland fliehen wollte.

Eines ist aber sicher: Wenn die CIA die Ukraine von Russland entfremden und auf die Seite „des Westens“ ziehen wollte, dann ist ihr das zwar gelungen, aber am meisten hat ihr dabei Putin selbst geholfen. Das aber würde heißen, dass nicht nur Trump ein russischer Agent ist, sondern auch Putin ein amerikanischer. Ich kann das nicht beweisen, aber die Tatsachen lassen eigentlich keinen anderen Schluss zu. Jedenfalls die, die ich dazu herangezogen habe. Wenn mir keiner das Gegenteil beweisen kann, bin ich auf der sicheren Seite, so wie die, denen man bisher auch nicht bewiesen hat, dass Impfen keinen Autismus hervorruft, Big Pharma keine Pandemie erfunden und Bill Gates keine Weltherrschaft angestrebt hat.

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