Berlin - Wolfram Henn, Humangenetiker und Mitglied des Ethikrates, hat dafür plädiert, Schülerinnen und Schüler sowie Studierende zu impfen, bevor die Impfpriorisierung komplett aufgehoben wird.

„Durch die medizinisch begründeten Priorisierungen sind wir jetzt weitgehend durch“, sagte Henn der Berliner Zeitung. „Die meisten Hochrisikogruppen sind geimpft. Jetzt brauchen wir eine sozial begründete Priorisierung.“ Es sei an der Zeit, nun die Bevölkerungsgruppen in den Blick nehmen, die in ihren Lebenschancen durch die Beschränkungen am stärksten beeinträchtigt seien. „Und da sind die Bildungschancen ganz vorne zu sehen.“

Kinder und Jugendliche müssten durch die Corona-Beschränkungen die größten Langzeitschäden in ihrer Lebensperspektive hinnehmen, so Henn. „Das ist die nächste Priorisierungsgruppe, die unbedingt kommen muss, bevor eine Impffreigabe für alle erfolgt.“

Ethikrat-Mitglied warnt vor „Ellenbogen-Mentalität“

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte wiederholt in Aussicht gestellt, dass die festgelegte Impfreihenfolge nach Priorisierungsgruppen im Juni aufgehoben werden könne. Allerdings ist nicht davon auszugehen, dass dann ausreichend Impfstoff bereitsteht, um alle Impfwilligen zu versorgen.

„Bei einer bedingungslosen Freigabe wäre zu befürchten, dass dann die mit den besten Beziehungen vorrangig zum Zuge kämen“, gab Henn zu bedenken. Bei allen Schwierigkeiten der letzten Monate sei man bisher ohne „Ellenbogen-Mentalität“ durch die Pandemie gekommen, es sei – von einigen Ausnahmen abgesehen – alles weitgehend transparent verlaufen. „Das sollten wir jetzt nicht aufgeben.“

Wichtig sei auch, dass die Impfung der jüngeren Gesellschaftsgruppen so unbürokratisch wie möglich verlaufe. So sollten sich Studierende etwa nach Vorlage ihres Studierendenausweises bei der Hausärztin impfen lassen können, schlug Henn vor.