Ist Deutschland ein reiches Land? Gemessen an der Wirtschaftsleistung stimmt das sicher. Doch neue Zahlen des Statistischen Bundesamtes lassen Zweifel aufkommen, ob der Begriff überhaupt noch angemessen ist: Danach ist jeder fünfte Deutsche (19,9 Prozent) von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen. Das sind immerhin 16 Millionen Menschen. Diese Daten aus der Erhebung „Leben in Europa 2011“ veröffentlichten die Wiesbadener Statistiker am Dienstag. Gegenüber 2010 stieg die Zahl der armen Menschen damit leicht an. Damals betrug der Anteil 19,7 Prozent.

EU-weite Untersuchung

Die Europäische Union (EU) hatte den Indikator „Armut und soziale Ausgrenzung“ vor einigen Jahren neu eingeführt, um Fortschritte in der Sozialpolitik besser messen zu können. Während früher nur das Haushaltseinkommen berücksichtigt wurde, werden nun weitere Faktoren umfasst. So fallen auch Haushalte in die Armutskategorie, wenn sie mit „erheblicher materieller Entbehrung“ zu kämpfen haben oder nur eine „sehr geringe Erwerbsbeteiligung“ aufweisen.

Wichtigstes Kriterium bleibt aber das Einkommen. In Deutschland gilt als armutsgefährdet, wer inklusive staatlicher Leistungen (zum Beispiel Hartz IV, Kindergeld) im Monat weniger als 952 Euro netto zur Verfügung hat. Bei einer Familie mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern gilt in Deutschland ein Wert von knapp unter 2000 Euro. Wird allein dieses Kriterium der sogenannten Armutsgefährdungsquote angewendet, dann gelten 15,8 Prozent der Bevölkerung oder fast 13 Millionen Menschen als arm.

Durch die Ausweitung der Faktoren steigt diese Zahl jedoch. Das Kriterium der erheblichen materiellen Entbehrung bedeutet unter anderem, dass die Betroffenen aus finanziellen Gründen ihre laufenden Rechnungen für Miete oder Strom nicht begleichen können, nicht mindestens jeden zweiten Tag eine vollwertige Mahlzeit einnehmen oder nicht wenigstens eine Woche im Jahr in den Urlaub fahren.

Auch das Fehlen eines Fernsehers, einer Waschmaschine oder eines Autos wird registriert. Diese Kriterien haben eher subjektiven Charakter, da die Haushalte die Situation bei der Befragung selbst einschätzen sollen. Das ist allerdings gewollt, weil nach Auskunft der Statistiker das persönliche Empfinden der Betroffenen besser als bisher abgebildet werden soll.

Der dritte Sozialindikator berücksichtigt die Beschäftigungssituation der befragten Haushalte. Nach der Formel der EU hat ein Haushalt dann eine Erwerbsbeteiligung auf einem kritischen Niveau, wenn die Erwachsenen weniger als 20 Prozent der potenziell möglichen Arbeitszeit beschäftigt sind. Ein Beispiel: Drei Erwerbsfähige zwischen 18 und 59 Jahren in einem Haushalt könnten theoretisch auf 36 „Erwerbsmonate“ im Jahr kommen. Arbeitet nur einer der drei Personen lediglich sieben Monate im Jahr (also weniger als 20 Prozent), dann handelt es sich nach der EU-Definition um einen Haushalt mit einer sehr geringer Beschäftigung.

Alle Definitionen sind einheitlich, daher können die Werte EU-weit verglichen werden. In Deutschland sind Frauen deutlich häufiger von Armut und gesellschaftlicher Ausgrenzung betroffen als Männer (21,3 gegenüber 18,5 Prozent). Ältere Menschen von 65 Jahren an sind laut Statistik mit 15,3 Prozent jedoch deutlich weniger arm und ausgegrenzt als der Gesamtdurchschnitt der Bevölkerung.