Die Lästereien des früheren russischen Präsidenten Dmitri Medwedew waren überdeutlich, ja geradezu unverschämt. „Europäische Fans von Fröschen, Leberwurst und Spaghetti lieben es, Kiew zu besuchen. Mit null Nutzen“, schrieb er am Donnerstag und meinte damit die Regierungschefs von Frankreich, Deutschland und Italien, die gemeinsam zum Gespräch mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj angereist waren.

Man muss dazu sagen, dass auch Medwedew einmal ein hohes Amt innehatte. Er war russischer Präsident, sogar fast so etwas wie ein Hoffnungsträger. Das ist lange her. Jetzt kommentiert er das Kriegs- und Weltgeschehen von der Seitenlinie. Und zielt dabei unter die Gürtellinie. Das ist zunächst einmal für ihn selbst peinlich.

Das Agieren von Emmanuel Macron, Mario Draghi und Olaf Scholz war aber auch ohne die russische Beleidigung ernüchternd. Die drei Regierungschefs, zu denen sich später auch noch der rumänische Präsident gesellte, waren zum ersten Mal seit Kriegsbeginn in Kiew. Wenn die Vertreter der größten EU-Staaten nach Kiew reisen, dann haben sie dort auch etwas mitzuteilen. Das war vorher klar.

Das Gastgeschenk war daher keine große Überraschung, wurde bei der gemeinsamen Pressekonferenz aber dennoch mit großen Worten überreicht. Bundeskanzler Olaf Scholz wurde für seine Verhältnisse geradezu empathisch. „Die Ukraine gehört in die europäische Familie“, sagte er. Dennoch mochte keine rechte Euphorie aufkommen. Am Tag danach fühlt man sich sogar ein bisschen ernüchtert. Und das liegt an der EU, nicht an der Ukraine.

Freiheit in Europa: Kennt ihr noch das Interrail-Ticket?

Die Älteren unter uns werden sich erinnern. Europa war mal ein Traum, es war sogar hip. Sagt man das heute noch? Das war zu einer Zeit, als man mit einem Interrail-Ticket mit dem Rucksack für wenig Geld durch möglichst viele Länder des Kontinents fuhr. Damals träumte man von einem Staatenbund wie in den USA, man empfand sich nicht als deutsch, sondern als europäisch. Das war in den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Verdammt lang her also. Immerhin, das Interrail-Ticket gibt es noch.

Ansonsten ist die europäische Euphorie dem Primat der Realpolitik gewichen. Einigkeit währt in der europäischen Familie halt nie lange. Erst wird der Euro eingeführt, dann kommt er schon in die Krise. Irgendwas ist immer. Das wird auch die Ukraine bald merken. Mit dem Kandidatenstatus hat das Land erst die kleinste Hürde genommen.

Olaf Scholz zu EU-Betritt: Erst müssen die Kriterien erfüllt werden

Olaf Scholz hat das noch in Kiew erklärt: Für den Beitritt gebe es klare Kriterien, die erst erfüllt werden müssten. Kann man verstehen, aber man weiß halt auch: Das dauert. Es gibt einige Länder im Westbalkan, die davon ein Lied singen können. Nordmazedonien etwa hat sich sogar umbenannt, um einen Namensstreit mit Griechenland zu vermeiden. Jetzt blockiert Bulgarien das Verfahren – mit geradezu kleinlichen Forderungen, in denen es darum geht, die eigene nationale Seele zu streicheln.

In der Schlange stehen außer Nordmazedonien noch Montenegro, Serbien und Albanien. Kosovo sowie Bosnien und Herzegowina sind noch nicht mal Beitrittskandidaten. Auf dem Westbalkan wird dem Wunsch der Ukraine daher nicht gerade viel Sympathie entgegengebracht, auch wenn es offiziell keiner sagen will. Was die EU in den vergangenen Jahren verlässlich produziert hat, ist Enttäuschung. Das wird vermutlich auch bald die Ukraine spüren. Es ist ein Jammer.