Brüssel - Normalerweise begegnen die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union ihrer britischen Kollegin Theresa May mit einer Mischung aus Unverständnis und Mitleid. Die Premierministerin hat einen der miesesten Jobs, die es in Europa gibt.

Ursprünglich war sie gegen den EU-Austritt Großbritanniens, nun muss sie ihn durchsetzen und stellt sich dabei häufig sehr ungeschickt an. Gerade erst hat sie im Londoner Unterhaus eine schwere Schlappe erlitten: Das Parlament beschloss gegen ihren Willen, dass es das letzte Wort über den Brexit-Vertrag haben wird. May ist in ihrer konservativen Partei eingeklemmt zwischen jenen, die einen harten Ausstieg anstreben und jenen, die möglichst enge Beziehungen zur EU erhalten wollen.

Regierungschefs stärken Theresa May den Rücken

So gesehen war es schon etwas Besonderes, was gerade beim EU-Gipfel in Brüssel vonstatten ging: Die Staatslenker vom Kontinent bedankten sich am  Donnerstagabend bei May mit viel Applaus und stärkten ihr demonstrativ den Rücken für die weiteren Kämpfe daheim auf der Insel. Denn die Britin war vor einer Woche den 27 der Union weit entgegengekommen und hatte gegen alle Widerstände zu Hause einer Grundsatzvereinbarung über die Trennungs-Modalitäten zugestimmt.

Der politische Lohn dafür: Die Gemeinschaft ist nun bereit, in die zweite Phase der Brexit-Gespräche einzutreten und über die zukünftigen Beziehungen mit dem Vereinigten Königreich zu verhandeln. Das besiegelten die Staats- und Regierungschefs am Freitag ganz offiziell. May war da schon abgereist, aber den freundlichen Sonder-Applaus vom Vortag dürfte sie noch in guter Erinnerung  gehabt haben.

Das dicke Ende der Brexit-Verhandlungen wird noch kommen

„Einige von uns, mich eingeschlossen, dachten, sie hat große Anstrengungen geleistet. Und wir dachten, dies sei angemessen“, sagte EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker mit Blick auf die freundliche Geste im Kreise der Kollegen. In Bezug auf die künftigen Rechte der EU-Bürger auf der Insel, die finanziellen Verpflichtungen Großbritanniens und die Durchlässigkeit der Grenze zwischen Irland und Nordirland seien bei den bisherigen Verhandlungen "ausreichende Fortschritte" gemacht worden, hielten die Staats- und Regierungschefs fest.

Im Moment ist es ein bisschen so wie bei einem Paar, das auseinander geht und sich dennoch verspricht, befreundet zu bleiben. Doch May und die anderen Staatslenker wissen, dass das dicke Ende noch kommen dürfte. Denn die Gespräche über die zukünftigen Beziehungen zwischen Großbritannien und der EU werden bestimmt nicht einfach.

„Damit beginnt ein noch härteres Stück Arbeit, als wir es bislang hatten“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Freitagnachmittag nach dem Ende der Beratungen in Brüssel bei einem gemeinsamen Auftritt mit dem französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron. Der sieht das im Prinzip genau so und lobte, dass die 27 kontinentaleuropäischen Staaten in der Brexit-Frage bisher fest zusammen stehen. Es wird darauf ankommen, diese Einigkeit auch in der zweiten Phase der Verhandlungen zu bewahren. Denn früher oder später dürften die Briten versuchen, einzelne EU-Partner gegeneinander auszuspielen.

Ein Handelsabkommen ist erst möglich, wenn Großbritannien offiziell ein Drittland ist

Das Datum für den Brexit steht schon fest: Es ist der 29. März 2019. Viel Zeit bleibt also nicht mehr, um die Zukunft zu planen. Die Briten würden am liebsten sofort mit der EU über ein Handelsabkommen sprechen. Aber die EU will nicht. Sie möchte in den nächsten Wochen erst einmal über die Übergangszeit nach dem Austritt der Briten verhandeln, welche voraussichtlich zwei Jahre dauern wird.

Im kommenden Frühjahr kann man sich dann den zukünftigen Beziehungen zuwenden – wobei die Union auf dem Standpunkt steht, dass Gespräche über ein Handelsabkommen erst dann möglich sind, wenn Großbritannien tatsächlich zum Drittland geworden ist. Mehr als eine politische Erklärung mit Eckpunkten wird es bis zum Brexit dazu voraussichtlich nicht geben.

Merkel gibt sich in der Diskussion um Reformen zurückhaltend

Am Freitag befassten sich die Staats- und Regierungschefs beim EU-Gipfel auch mit der Zukunft der Eurozone. Der französische Präsident und die EU-Kommission hatten bereits umfangreiche Reformpläne vorgelegt. Unter anderem geht es um einen gemeinsamen Haushalt, den Aufbau eines Europäischen Währungsfonds, einen europäischen Finanzminister und neue Instrumente, um besser auf plötzliche ökonomische Schocks reagieren zu können.

Merkel ist in dieser Debatte bisher eher zurückhaltend, auch mit Blick auf die schwierige Regierungsbildung in Deutschland. In Brüssel kündigte sie aber an, dass es bis März eine gemeinsame deutsch-französische Position zur Reform der Währungsunion  geben soll. Hinter diesem Zeitplan steckt die Hoffnung, dass bis dahin auch ein neuer Koalitionsvertrag mit der SPD steht. Außerdem findet im März der nächste EU-Gipfel statt.