Brüssel - Die Frau ist noch sehr jung für einen diplomatischen Top-Job. Aber das ist üblich für die östlichen Mitgliedstaaten der EU. Dort trägt jetzt die Wendegeneration die Verantwortung – wie Ilze Juhansone, die Vertreterin Lettlands bei der EU. Ihr Land übernimmt zum 1. Januar von Italien die Ratspräsidentschaft. Und um das Programm für das kommende Halbjahr zu umschreiben, genügen Juhansone drei Worte: wettbewerbsfähig, digital, engagiert.

Juhanzone war mal Lehrerin, studierte aber nach der Wende Jura und machte im Außenamt Karriere. Seit 2011 vertritt sie Lettland in Brüssel, ihr Land hat sich gewissenhaft vorbereitet auf die Präsidentschaft. So ein Prozess zieht sich über Jahre. Denn in Brüssel vollzieht sich alle sechs Monate ein kleines Spiel. Dann rutschen die EU-Botschafter in ihrem Versammlungssaal im Ratsgebäude einen Platz weiter. Wer an der Stirnfront angekommen ist, führt den Vorsitz der (fast) täglichen Verhandlungen im europäischen Maschinenraum. Die Ratspräsidentschaft entscheidet, was auf der Agenda vorangetrieben wird. Ein enorm einflussreicher Job.

Bis Juni folgt Europa im Kreis der Mitgliedstaaten dem Blick Lettlands – und hört auf Ilze Juhansone. Während die neue Außenbeauftragte der EU, Federica Mogherini, den Fokus stärker auf Nordafrika und Nahost legt (dort will Mogherini eine neue Friedensinitiative starten), schaut Lettland auf Russland und die Ukraine. Im Mai lädt Lettland zu einem Gipfel der östlichen Partnerschaft nach Riga. Ein ähnliches Treffen hatte es zuletzt im November vergangenen Jahres gegeben, damals hatte die litauische Präsidentschaft nach Vilnius gebeten.

Harter Kurse gegen Russland

Der damalige ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch wies nach Druck aus Russland das Assoziierungsabkommen mit der EU zurück. Bald darauf setzten die Proteste in Kiew ein und Janukowitsch war Geschichte. Umgehend ließ Russlands Präsident Wladimir Putin auf der Krim einmarschieren. Seither steht die Ukraine für die größte außenpolitische Herausforderung der EU. Und ein riesiges ökonomisches Problem: 15 Milliarden Dollar beträgt die Finanzlücke des Landes, schätzt der Internationale Währungsfonds (IWF). Die EU beharrt aber auf Reformen ehe Gelder fließen. Im Klartext: Mehr Engagement gegen die Korruption.

Lettland steht für eine harte Haltung gegenüber Russland. Die einstige Sowjetrepublik Lettland steht mit Blick auf die einstige Sowjetrepublik Ukraine aber auch für eine andere Botschaft: Die EU ist ein Sicherheitsgarant. Und als Teil dieser Sicherheitsarchitektur gilt auch die Gemeinschaftswährung Euro. Lettland hatte die Währung nach einem harten Sparprogramm im Januar eingeführt (zur Belohnung wurde der verantwortliche Valdis Dombrovskis als Vizepräsident der EU-Kommission nach Brüssel befördert).

Das Nachbarland Litauen folgt als 19. Euro-Staat zur Jahreswende. Von einer „inneren Notwendigkeit“ hatte Litauens Finanzminister Rimantas Sadzius im Vorjahr im Interview mit dieser Zeitung gesprochen.

Im ersten Anlauf 2007 war Litauen noch gescheitert, das Land hatte die strikten Vorgaben für die Inflationsziele verfehlt. Es folgte die Krise – und ein hartes Sparprogramm. Litauen sieht sich dafür mit der Aufnahme in den Euro belohnt. An anderer Stelle wachsen die Zweifel. Im Februar läuft die Frist ab, die die Eurozone Griechenland für die Umsetzung seines Sparprogramms gewährte. Im Januar stehen Neuwahlen an in Griechenland – und ein möglicher Erfolg des Linkspopulisten Alexis Tsipras. Aber zuletzt waren alle bemüht in Brüssel zu betonen, wie verantwortungsvoll sich Tsipras neuerdings gebe.

Pragmatisch, empathisch, liberal

Die politischen Unsicherheiten bleiben. Dazu zählt auch das Urteil des Europäischen Gerichtshofs zur Rechtmäßigkeit des Anleihenkaufs der Europäischen Zentralbank. Das deutsche Verfassungsgericht hatte die Frage nach Luxemburg überwiesen, verbunden mit wenig bescheidenen Vorgaben. Es bleibt also weiter spannend im Euroraum.

Auch ökonomisch: Die sinkenden Ölpreise könnten zur Deflation führen. Nicht alle sind so gelassen wie Holger Schmieding, der Chefvolkswirt der Hamburger Bank Berenberg: „Ich nenne das negative Preise“, sagte Schmieding kurz vor Weihnachten.

Kommissionsvizepräsident Valdis Dombrovskis ist ein Lette. Er ist einer von vielen Führungskräften aus dem neuen Europa im neuen Personaltableau der EU. Der Este Andrus Ansip ist Vize-Präsident und zuständig für das Digitale – das soll Europas neuer Wachstumsmotor werden. Auch die Bulgarin Kristalina Georgieva ist zur Vize-Präsidentin aufgestiegen. Und der Slowake Maros Sefcovic ist als Vize zuständig für die wichtige Energieunion. Und dem Rat der Mitgliedstaaten steht der frühere polnische Premier Donald Tusk als Präsident vor.

Im Osten geht Europa auf. Dombrovskis ist in Brüssel federführend zuständig für den Euro. Pragmatisch, liberal, empathisch-europäisch, so klingt der neue Ton aus dem Osten Europas.