Er lässt Mächtige zittern: Dieser Richter ermittelt im EU-Parlament-Skandal

Der Ermittlungsrichter Michel Claise kämpft mutig gegen die Korruption in Brüssel und verbessert so das Ansehen Belgiens. Nebenher schreibt er Krimis.

Ermittlungsrichter Michel Claise soll den Korruptionssumpf in Brüssel trockenlegen.
Ermittlungsrichter Michel Claise soll den Korruptionssumpf in Brüssel trockenlegen.Facebook/Claisemichel1956

Der Mann ist bescheiden. „Ich kenne meinen Stoff“, sagt Michel Claise über seine Arbeit als Ermittlungsrichter in Belgien. Und der Mann hat Humor: „Von Zeit zu Zeit heißt es bei Hausdurchsuchungen: Bingo – Treffer!“ Wie zuletzt in Brüssel.

Michel Claise, 66, leitet die Ermittlungen rund um den Korruptionsskandal im Europäischen Parlament. Und weil der Vater der mittlerweile abgesetzten Parlamentsvizepräsidentin Eva Kaili in Brüssel gleich bündelweise mit Bargeld erwischt wurde, konnten Claise und sein Team deren Wohnung umgehend durchsuchen. Gefahr im Verzug, da greifen keine parlamentarischen Immunitätsregeln. Kurz vor den Feiertagen verlängerte ein Gericht die U-Haft für Kaili bis Mitte Januar. Der nächste Treffer für Monsieur Bingo.

Claise pflegt ein recht öffentliches Leben. Er schreibt Kriminalromane und Erzählungen über das Leben im Brüssel des 20. Jahrhunderts. Das kennt er gut. Die Eltern trennten sich früh, so wuchs der Junge bei den Großeltern auf, einem Bäckerpaar im Stadtteil Anderlecht, eher einfach dort das Leben. Claise machte Abitur, studierte Jura und spezialisierte sich früh auf Wirtschaftsrecht. Eine eher trockene Materie.

Doch Claise wusste sie zu nutzen. Er machte rasch Karriere in einer Anwaltskanzlei und gewann auch spektakuläre Fälle. In den 90er-Jahren wechselte er die Seiten und wurde Ermittlungsrichter. Seine Spezialität: Finanzdelikte – von Umsatzsteuerbetrug bis zu Geldwäsche um verschleierte Milliarden. Manager von Großbanken mit windigen Beschäftigten wie HSBC und UBS brachte er so zu Fall. Der Mann scheut keine großen Namen.

Richter Claise scheut keinen Konflikt und wird in Belgien gefeiert

Und er scheut keinen Konflikt. Dem belgischen Staat hielt er wiederholt vor, er unternehme zu wenig im Kampf gegen die Finanzkriminalität. Zuletzt klagte er im abgelaufenen Jahr, seine Behörde sei zu schlecht ausgestattet. Es sei so, als ob man mit einem alten 2CV einen Porsche 911 verfolge, klagte der Ermittler.

Dafür ist er mit seiner Ente ziemlich schnell unterwegs. Claise wird in Belgien gefeiert. Der Mann, vor dem „die Mächtigen zittern“, schreibt die Zeitung Standaard anerkennend. Vom „Failed State“, einem nicht funktionierenden Staat, war nach den Anschlägen von Brüssel 2016 die Rede. Auch über die lange Regierungsbildung im komplexen Föderalgebilde Belgien wird im Ausland gern gelästert. Sinnbildlich für das marode System steht der Justizpalast im Zentrum Brüssels. Diplomaten, die nach Jahren zurückkommen in die Stadt, sehen das überdimensionale Gebäude aus dem 19. Jahrhundert immer noch eingerüstet. Ganz so, als wäre es nie anders gewesen.

Ausgerechnet Claise bessert nun mit seinen Ermittlungen rund um windige Abgeordnete im Europaparlament Belgiens Fassade auf. Auf die Frage, ob ihn seine Arbeit stolz mache, antwortete er schon im Herbst in einer TV-Sendung: „Das ist keine Frage des Stolzes. Entscheidend sind die Ergebnisse.“ Die hat Michel Claise geliefert. Und die Polit-Affäre in Brüssel ist längst noch nicht an ihrem Ende.