Irgendwann werden auch Kraftpakete alt und müde. Wenn sie dies erkennen, stehen sie vor der Frage, ob sie es ignorieren und weitermachen oder ob sie ihren Platz für Jüngere räumen. Daniel Cohn-Bendit, linkes Urgestein und Chef der grünen Fraktion im EU-Parlament, hat sich für die zweite Variante entschieden. Im kommenden Jahr will er sich aus der aktiven Politik zurückziehen und nicht mehr für das Europaparlament kandidieren. „Ich werde 2014 kein neues Mandat anstreben“, kündigt er in einem Buch an, dass am Donnerstag in seiner zweiten Heimat Frankreich auf den Markt kam.

Cohn-Bendit wird Anfang April 68 Jahre alt. Er schreibt: „Ich höre nun auf meinen Körper. Ich fühle mich nicht mehr in der Lage, einen Europawahlkampf zu führen, der eine ständige körperliche und geistige Präsenz im gesamten Kontinent erfordert.“ Vor einigen Monaten hatte er sich ein Krebsgeschwür entfernen lassen.

Sein Leben ist Politik

Es ist eher eine Ankündigung fürs große Publikum. Für die Grünen im EU-Parlament kommt der Schritt nicht überraschend. Intern habe Cohn-Bendit in der Vergangenheit immer wieder deutlich gemacht, dass er nicht noch einmal antreten wolle. „Eine Zeitlang hat ihm das aber niemand geglaubt“, hieß es am Donnerstag in der Fraktion. Die Co-Vorsitzende Rebecca Harms bleibt den Grünen erhalten.

Allerdings wird jemand wie Cohn-Bendit sein Leben lang Politiker sein, egal ob mit oder ohne Mandat. Sein Leben ist Politik. Er wurde kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs in Südfrankreich geboren, die Eltern waren deutsche Juden im Exil. Nach dem Abitur in Deutschland schrieb sich Cohn-Bendit an der Universität im Pariser Vorort Nanterre ein. Er wurde einer der führenden Köpfe der französischen Studentenbewegung, bis Präsident Charles de Gaulle den aufrührerischen Deutschen aus dem Land werfen ließ. Aus dieser Zeit stammt sein Spitzname „Dany le Rouge“, der rote Dany.

Cohn-Bendit ließ sich in Frankfurt am Main nieder, kämpfte weiter für die sozialistische Weltrevolution, wurde Weggefährte Joschka Fischers und reifte wie dieser im Laufe der Zeit zum Realpolitiker heran. Seit 1984 ist Cohn-Bendit bei den Grünen, seit 1994 sitzt er im EU-Parlament – zurzeit wieder auf dem Ticket der französischen Grünen, obwohl er deutscher Staatsbürger ist.

Ruhestand ist ein Fremdwort

In all diesen Jahren ist Cohn-Bendit ein Enfant terrible des Politikbetriebs geblieben. Auf Äußerlichkeiten legt er wenig Wert, er gefällt sich in der Rolle des Provokateurs. Ein guter Redner ist er, mit Hang zum Brüllen und zu steilen Thesen. Er ist überzeugter Europäer und Integrationist, den Nationalstaat will er überwinden.

Seine Fraktion stellt nicht einmal zehn Prozent der EU-Abgeordneten. Der Vorsitzende aber ist nicht nur in Deutschland und Frankreich bekannt, sondern in ganz Europa. Das können nur wenige EU-Parlamentarier von sich behaupten. Gerade erst hat er sich mit den Französchen Grünen überworfen, weil die den europäischen Fiskalpakt ablehnen. Seine Stellung ficht das nicht an, er hat ja immer noch sein deutsches Standbein.

In dem Buch, das er gerade veröffentlicht hat, schreibt Daniel Cohn-Bendit, er werde auch in Zukunft weiter demonstrieren und wählen gehen. 2014 findet die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien statt. Er will da hinfahren und einen Film drehen über die soziale Dimension des Spektakels. Das Wort Ruhestand hat man von ihm bisher nicht gehört.