Europawahl 2019: Grüne feiern historisches Ergebnis bei der Europawahl

Berlin - Der Triumph der Grünen sprengte jeden Rahmen. Schon der Ort zeigte dies an. Feiert die Ökopartei ihre Wahlerfolge normalerweise in der Parteizentrale unweit des Berliner Naturkundemuseums, so ging sie diesmal in die parteinahe Heinrich-Böll-Stiftung. Die ist deutlich größer – und noch näher an der Macht.

Tatsächlich kann man diesen Wahlabend nur historisch nennen. Die Grünen holten doppelt so viel wie bei der letzten Europawahl, verwiesen die SPD auf Platz zwei und sitzen CDU und CSU im Nacken. Im rot-grün regierten Bremen rutschten die Sozialdemokraten ebenfalls in den Keller, während die Grünen hier ebenfalls zulegten. Entsprechend waren die Reaktionen.

Nicht allein, dass der Jubel in der Stiftung schon begann, bevor die erste Prognose über die Bildschirme flimmerte. Das gab es noch nie. Auch der verbale Jubel war der Lage angemessen.

Ein „sensationelles“ Resultat

Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter wurde von Journalisten umringt und nannte das Resultat „sensationell“. Der Bundesgeschäftsführer Michael Kellner fand es „unglaublich“. Parteichefin Annalena Baerbock rief: „Was für ein Abend!“ Sie sprach von einer Wahl „für den Klimaschutz und die Demokratie“ – und das nicht bloß in Deutschland, sondern auch in Österreich oder in den Niederlanden. Die Botschaft ist klar: Grüner wird’s nicht. Oder doch? Sämtliche Umstände spielten den Grünen jedenfalls in die Hände.

Da war zum einen die Schwäche von SPD und Union. Die SPD taumelt dem Abgrund entgegen und hat schon seit Tagen mit einer handfesten Führungskrise zu kämpfen. Die Union leidet an der Konkurrenz zwischen Kanzlerin Angela Merkel und CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer. Da ist zum anderen die Klimakrise, die immer mehr Menschen von den bisherigen Volksparteien weg und zu den Grünen hintreibt. Vor allem bei den Jungen, bei denen die Grünen auf Platz eins rangieren. Das zeigte sich am Freitag auf den Straßen ebenso wie im Netz und am Sonntag an den Wahlurnen. Auf den Straßen verschafften sich die Fridays for Future-Demonstranten Gehör, im Netz die Youtuber um Rezo.

Giegold: „Sunday for Future“

Hinzu kommt, dass die Grünen mit ihrem akademischen Background mehr als andere Parteien als Europapartei wahrgenommen werden und die Spitzenkandidaten Ska Keller und Sven Giegold zwar nicht strahlten, aber sehr solide wirkten. Ohnehin war Keller Spitzenkandidatin der deutschen und – gemeinsam mit dem Niederländer Bas Eickhout – zusätzlich der europäischen Grünen. In Brüssel werden sie alle jetzt noch ein bedeutsameres Wörtchen mitreden.

Deshalb ließ auch der sonst eher sachliche Giegold am Sonntagabend das Frohlocken nicht. „Das ist ein Sunday for Future“, rief er in die Lobby der Heinrich-Böll-Stiftung – und: „Es freut sich Grün und nicht (Alexander) Gauland.“ So war von der AfD, deren Fraktion Gauland im Bundestag vorsitzt, überhaupt keine Rede. Von ihren Widersachern auf der anderen Seite des politischen Spektrums dafür umso mehr.
Übrigens jubelten die Grünen am Sonntag nicht nur. Sie sangen auch. Sie sangen „Freude schöner Götterfunken.“