Berlin/Wittenberg - Der Schaffner am Bahnhof Berlin-Südkreuz gab sich entspannt. „Was soll passieren – in diesem gläubigen Umfeld?“, fragte der freundliche Mann am Eingang des Regionalexpress und ließ den Fahrgast aus der Hauptstadt ohne Ticket passieren. „Im Zug wird ohnehin nicht kontrolliert.“

Nach 40 Minuten Fahrt in einem der zahlreichen Sonderzüge erwarteten den Pilger noch einmal 50 Minuten Fußweg vom Bahnhof zur Elbwiese, wo der Gottesdienst stattfand – und das in praller Sonne.

Kein Zweifel: Wer den Abschlussgottesdienst des Evangelischen Kirchentages in Wittenberg besuchen wollte, dem wurde vieles abverlangt. Dafür wurde er auf der Elbwiese vor der Silhouette der Lutherstadt mit Schloss- und Stadtkirche bei prächtigem Wetter einer gigantischen Bühne ansichtig. Dazu machte ein Orchester die Musik, das aus 6000 Bläsern bestand. Ein Augenzeuge sagte, und das mit einer gewissen Berechtigung: „Da wird jede Papstmesse blass.“

200.000 Gäste erwartet

Zu Beginn hatten die Planer mit 300 000 Besuchern gerechnet. Später war die Prognose auf 200 000 gesenkt worden. Schließlich stellte sich heraus, dass wohl nur ein kleiner Teil der Kirchentagsbesucher den Weg aus Berlin in die knapp 50 000 Einwohner zählende Stadt im Osten Sachsen-Anhalts auf sich nehmen würde.

Trotzdem wollten die Protestanten im 500. Jahr der Reformation genau hierher gehen – und nicht aufs Tempelhofer Feld, was logistisch wesentlich einfacher gewesen wäre. Denn hier veröffentlichte Martin Luther am 31. Oktober 1517 nun mal seine berühmten 95 Thesen.

Dass es dann doch noch 120 000 Menschen wurden, die es bis zum Ursprungsort der Kirchenspaltung schafften, sorgte allenthalben für Zufriedenheit. An Prominenz fehlte es jedenfalls nicht. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier war erschienen, Bundesinnenminister Thomas de Maizière, Gesundheitsminister Hermann Gröhe (beide CDU), allesamt engagierte Protestanten.

Südafrikanischer Erzbischof sorgt für Akzent

Für einen Akzent sorgte Erzbischof Thabo Makgoba von der Anglikanischen Kirche in Südafrika. Er hielt die Predigt und betonte: „Die Reformation betrifft nicht allein unsere Gegenwart, sie kann auch unser GPS für die Zukunft sein.“ Denn Luther sei einer der Väter demokratischer Freiheit. Dann erinnerte Makgoba an die vergangene Apartheid („Black Lifes don’t matter.“) und die gegenwärtige Flüchtlingskrise und mahnte die Anwesenden, sich gegen den grassierenden Nationalismus zu wenden.

„Die bedingungslose Liebe ist die Liebe Gottes.“ Die Kollekte erging zugunsten von Menschen, die versuchen, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Hier wie da wurde das Anliegen der Veranstalter des Kirchentages offenkundig. Sie wollten den Blick über den deutschen Tellerrand weiten. Das gelang und wurde schon sprachlich deutlich. Makgoba predigte in Englisch. Die deutsche Übersetzung war an den aufgestellten Monitoren ablesbar.

Nach ihm sprachen Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au und der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm. Aus der Au („Nun sind wir hier, Wow!“) kam auf die zurück liegenden Tage zu sprechen und unterstrich: „Dialog heißt auch Kontroverse.“ Allerdings suche man die Auseinandersetzung „von Angesicht zu Angesicht und nicht anonym im Netz“.

„Unser Glaube macht unseren Kopf“

Sie fuhr fort: „Unser Glaube macht unseren Kopf frei und unser Herz weit. Wir haben auch Angst. Aber wir verzagen nicht.“ Zuletzt dankte die Kirchentagspräsidentin all denen, die gekommen waren. „Ihr habt alles richtig gemacht.“
Bedford-Strohm widmete sich der Reformation, die „vor allem eine religiöse Erneuerungsbewegung“ gewesen sei.

Später erklärte er: „Wir haben 500 Jahre Abgrenzung erlebt. Wir wollen endlich wieder zusammen kommen.“ Überhaupt war der ökumenische Akzent ausgerechnet in Wittenberg unüberhör- und unübersehbar. Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, stand ebenso auf der Gottesdienst-Bühne wie der katholische Magdeburger Landesbischof Gerhard Feige.

Sie wiesen gemeinsam mit dem nächsten Kirchentagspräsidenten, dem Journalisten Hans Leyendecker, auf die kommenden Christentreffen hin – egal ob evangelische oder katholische Kirchentage. „Was uns Christen verbindet ist stärker als das Trennende“, sagte Feige.
Erst nach dem Ende des Gottesdienstes trat Steinmeier ans Rednerpult. Er nannte Kirchentage kostbar und befand: „Martin Luther wäre sehr zufrieden mit uns heute.“

Zugleich tue die Ökumene dem ganzen Land gut. Abschließend rief das Staatsoberhaupt: „Wir sehen uns in Dortmund. Herzlichen Dank!

In Dortmund findet 2019 der nächste Evangelische Kirchentag statt.