Stuttgart - Kurz vor den Landtagswahlen kommt es doch noch zum Showdown. Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident Winfried Kretschmann (72) und seine christdemokratische Herausforderin Susanne Eisenmann (56) treten an zum Duell. Im bläulichen Licht der Stuttgarter Wagenhallen messen sie ihre Kräfte.

Als Koalitionspartner haben sie in den vergangenen fünf Jahren gemeinsame Sache gemacht oder einander zumindest zähneknirschend gewähren lassen – er als 2016 mit 30 Prozent wiedergewählter Regierungschef, sie als neue Kultusministerin. Eine politische Vernunftehe sind sie eingegangen, haben bundesweit vorgeführt, dass ein grün-schwarzes Bündnis unter grüner Führung funktionieren kann.

Irgendwie hat es gepasst: Hier Deutschlands einziger grüner Ministerpräsident, ein Realpolitiker, der Reformen behutsam angeht, über Natur- und Klimaschutz nicht vergisst, dass es vor allem die Autoindustrie ist, die Baden-Württemberg Wohlstand und Arbeitsplätze bringt. Dort die gänzlich ohne Reformeifer ans Werk gehende Konservative. Beide heimatverbunden, bodenständig, schwäbisch.

Den Grünen werden 31 bis 34 Prozent prophezeit und der CDU 27 bis 28 Prozent

Aber jetzt heißt es in den Angriffsmodus wechseln, sich um die Vorherrschaft im Ländle duellieren, bevor dann am 14. März die Wählerschaft das letzte Wort hat. Die anderen Spitzenkandidaten und Spitzenkandidatinnen bleiben außen vor. Umfragen zufolge sind sie chancenlos. Während den Grünen 31 bis 34 Prozent prophezeit werden und der CDU 27 bis 28 Prozent, dürften es AfD, SPD und FDP jeweils auf 9 bis 11 Prozent bringen. Und wie 2016 wird die Linke voraussichtlich an der Fünfprozenthürde scheitern. Draußen bleiben muss auch das Publikum. Die Pandemie lässt Präsenz nicht zu. Online oder vor den Fernsehern ist es dafür umso zahlreicher dabei.

Wie der gesamte Wahlkampf bleibt dann freilich auch der finale Schlagabtausch weitgehend schuldig, was er in früherer Zeit abgeworfen hätte: Einblicke ins Erreichte und Versäumte der vergangenen fünf Jahre, Projekte, gar Visionen für die nächsten fünf. Stattdessen geht es ums Hier und Jetzt, um Corona also.

Unter den Rubriken Inzidenzen, Impfungen, Tests, Öffnung, Mutanten wird das Thema durchdekliniert. Eisenmann erinnert daran, dass sie aus Sorge um frühkindliche Entwicklung bereits Ende Dezember nach Schnelltests und einer Öffnung von Kitas und Grundschulen rief, bei Kretschmann damals aber kein Gehör fand. Der traditionell zur Vorsicht mahnende Landesvater führt ins Feld, dass Baden-Württemberg mit 54 Infektionen pro 100.000 Einwohner im Ländervergleich gut dasteht. Dass der Südwesten beim Impftempo wochenlang weit hinten lag, sagt er nicht. Nur, was folgt aus all dem für die nächsten fünf von Pandemiefolgen gezeichneten, aber hoffentlich weitgehend pandemiefreien Jahre, für die am Wahlsonntag die politischen Weichen zu stellen sind?

Und noch etwas fehlt: Angriffslust. Die Zurückhaltung hat Gründe. Eisenmann weiß, dass es wie ein Bumerang auf sie zurückfiele, sollte sie den auch von CDU-Sympathisanten geschätzten Grünen frontal angreifen. So beliebt ist der Ministerpräsident, dass er bei einer Direktwahl mit 65 Prozent einen Erdrutschsieg erzielen würde. Sie selbst müsste mit 16 Prozent vorliebnehmen.

Kretschmann wiederum weiß, dass es bei den ihm gewogenen CDU-Sympathisanten nicht gut ankäme, wenn er die Spitzenkandidatin ihrer Partei niedermachte. Was nicht heißt, dass Eisenmann nicht jede Menge Angriffsflächen böte. Gnadenlos hat die Pandemie bloßgelegt, was nicht nur, aber eben auch in Baden-Württemberg im Schulbereich versäumt wurde: Klassenzimmer ohne Wlan, Schülerinnen und Schüler ohne Laptops, Lehrkräfte ohne Konzepte für den digitalen Unterricht.

Nicht nur thematisch gerät über die Fokussierung auf Corona vieles an den Rand. Auch der am Corona-Management nicht beteiligten Opposition wird weniger Aufmerksamkeit zuteil. Das gilt zumal für die 2016 noch mit 15 Prozent als drittstärkste Kraft triumphierende AfD. Wie soll sie Fremdenangst schüren und daraus Kapital schlagen, wenn die Menschen andere Ängste haben?

Dass die ehemals 23 Abgeordnete zählende Landtagsfraktion der AfD sich in Richtungskämpfen zwischen Rechtsradikalen und Rechtskonservativen selbst zerlegt hat und auf 15 Parlamentarier geschrumpft ist, wirft die Partei zusätzlich zurück. Bleibt der Zulauf von Lockdown-Verdrossenen und Corona-Leugnern. Mehr als 11 Prozent trauen die Meinungsforscher der AfD gleichwohl nicht zu.

SPD und FDP müssen sich sorgen

Aber auch SPD und FDP müssen sich sorgen, nicht aus dem Blickfeld zu geraten. Die Sozialdemokraten und ihr Spitzenkandidat, Landespartei- und Fraktionschef Andreas Stoch, versuchen sich mit der Forderung nach kostenloser Kinderbetreuung in Erinnerung zu bringen. Eltern werden das nach Monaten ohne Kinderbetreuung mit Wohlgefallen vernehmen. Die FDP, die mit ihrem Fraktionsvorsitzenden Hans-Ulrich Rülke antritt, erhofft sich Aufmerksamkeit und Zuspruch von dem Versprechen, im Autoland Baden-Württemberg die Zukunft des Verbrennungsmotors zu fördern.

Erschwerend kommt für Stoch und Rülke dazu, dass ihr Name vielen Wählerinnen und Wählern nichts sagt. „Sie kennen mich“, steht auf Plakaten der Grünen unter Kretschmanns Konterfei. SPD- und FDP-Kandidat können das nicht von sich behaupten.

Mitregieren wollen sie trotzdem. Auf eine Ampelkoalition hoffen sie. Allerdings würde auch die CDU gern wieder mitregieren. Die Vorstellung, zusammen mit der AfD die Opposition zu stellen, ist den Christdemokraten ein Graus. Und Kretschmanns Pläne? Er schweigt, hält sich alle Optionen offen. Er kann es sich leisten.