EWE-Netz-Chef zur LNG-Leitung: „Wir wollen möglichst bis Oktober 2023 fertig sein“

Pipelinebau unter Zeitdruck: Ein Gespräch mit Torsten Maus von EWE über den Ausbau der Flüssiggas-Infrastruktur und die Bedeutung für Ostdeutschland.

Bei Arbeiten an der Wilhelmshavener Anbindungsleitung (WAL) des Gasnetzbetreibers Open Grid Europe (OGE) werden bereits Rohre verlegt.
Bei Arbeiten an der Wilhelmshavener Anbindungsleitung (WAL) des Gasnetzbetreibers Open Grid Europe (OGE) werden bereits Rohre verlegt.dpa/Sina Schuldt

Seit Russlands Überfall auf die Ukraine und vor allem seit dem russischen Lieferstopp für Erdgas gilt Flüssiggas (LNG – Liquefied Natural Gas), das per Schiff nach Deutschland transportiert wird, als Rettung in der Not. Eilig werden an den deutschen Küsten Terminals gebaut. Allerdings sind sie nicht mit dem deutschen Gasnetz verbunden. EWE arbeitet an einem solchen Lückenschluss. Das sei auch eine gute Nachricht für Ostdeutschland, sagt Torsten Maus, Chef der EWE-Netzgesellschaft.

Herr Maus, es ist in den vergangenen Monaten viel über Flüssiggasterminals gesprochen worden, die uns in der Energiekrise weiterhelfen sollen. Viel weniger ging es um die nötige Infrastruktur, die man braucht, um das Gas dann weiter zu transportieren ins bestehende Netz, zu Speichern und den Verbrauchern. Sie bauen jetzt ein solches Anschlussstück. Wie soll das aussehen?

Wir sprechen dabei über den Anschluss der LNG-Terminals in Wilhelmshaven. Dort wird von der Firma OGE ein 27 Kilometer langes Teilstück gebaut, um an ein bestehendes Ferngasnetz anzuschließen. Die Kapazität an diesem Anschlusspunkt reicht aber nicht aus. Wir bauen daher eine 70 Kilometer lange Leitung von Sande aus über Westerstede bis nach Leer. Dort existieren mehrere große Speicheranlagen und wir können auch andocken an das große, bereits vorhandene, überregionale Transportsystem Richtung Süddeutschland. So bekommt diese Leitung eine ganz entscheidende Bedeutung, indem sie das LNG-Gas auch für die bundesweite Versorgung zur Verfügung stellt.

Wie viel Gas soll diese Leitung transportieren?

Es können etwa vier Millionen Menschen in der Region als auch überregional mit Gas versorgt werden. Es ist eine Transportleitung. Sie ist Teil des Fernleitungsnetzes, das die Aufgabe hat, bundesweit und europaweit Gas zu verteilen in alle Regionen. Daran angeschlossen ist das Verteilnetz, über das das Gas bis zu den Kunden transportiert wird.

Wer trägt die Kosten?

Diese Leitung hat ein Investitionsvolumen von 160 Millionen Euro. Das Geld kommt zunächst von EWE. Der Bedarf dieser Leitung ist durch die Bundesnetzagentur als notwendig anerkannt worden. Am Ende wird sie dann über die Netzentgelte finanziert.

Wann soll die Leitung fertig sein?

Wir haben jetzt keine Zeit zu verlieren. Es geht darum, die bundesweite Versorgung mit Erdgas möglichst unabhängig von Russland sicherzustellen. Diese Leitung ist ein wesentlicher Baustein. Normalerweise dauern derartige Projekte von der ersten Planung bis zur Fertigstellung und Inbetriebnahme vier bis fünf Jahre. Das wäre jetzt aber viel zu lang. Wir wollen Ende nächsten Jahres, möglichst schon im Oktober 2023, bevor die Heizperiode beginnt, in Betrieb gehen.

Das Projekt profitiert von den Gesetzesänderungen, die alle Verfahren rund um die Energiesicherung beschleunigen?

Genau. Die Leitung ist sogar jüngst mit in das LNG-Beschleunigungsgesetz aufgenommen worden, sodass sie Rahmenbedingungen bekommt, mit denen schnellere Genehmigungen möglich sind. Außerdem bauen wir mehrere Teilstücke gleichzeitig, die dann am Ende nur noch verbunden werden müssen. Wir projektieren mit eigenem Personal und Partnerfirmen, den Bau vergeben wir an Baufirmen, die wir akquirieren. Politik und Behörden, die das Projekt planungsrechtlich begleiten, erkennen die Notwendigkeit an, das Projekt möglichst schnell umzusetzen.

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EWE
Torsten Maus
Torsten Maus ist seit 2009 Vorsitzender der Geschäftsführung der EWE NETZ GmbH. Nach dem Studium der Elektrotechnik kam er 1991 zur EWE AG in Oldenburg. Drei Jahre später wurde er Leiter der Geschäftsregion Westerstede, übernahm 1999 die Leitung der Geschäftsregion Varel und führte ab 2004 die Abteilung Netze Strom/Telekommunikation. Ab 2005 leitete er das Ressort Netz und wurde 2006 Geschäftsführer der neu gegründeten EWE NETZ GmbH.

Bei Windrädern fühlen sich oft Anwohner schon allein durch den Anblick gestört. Wie ist das bei einer solchen Leitung?

Erst mal hat die Leitung den Vorteil, dass sie unter der Erde verschwindet. Sie ist nicht zu sehen und es gibt keine direkten Beeinträchtigungen. Es sind sehr viele landwirtschaftliche Flächen, die wir in Anspruch nehmen wollen. Wir haben uns frühzeitig mit den Landvolkverbänden und den betreffenden Landwirten verständigt und eine Rahmenvereinbarung über die Nutzung der Flächen geschlossen, sodass wir jetzt schnell zu vertraglichen Regelungen kommen können.

Die Eigentümer profitieren finanziell von einer Leitung, die über ihre Flächen verläuft?

Dafür werden Duldungsentschädigungen gezahlt. Das sind Einmalbeträge und wir kommen zusätzlich für alle  Beeinträchtigungen auf, die es bei der Nutzung der Grundstücksfläche im Zuge des Baus gibt.

Erwarten Sie größeren Widerstand, der das Projekt verzögern könnte?

Passieren kann so etwas immer. Wir erleben aber bei den Eigentümerinnen und Eigentümern grundsätzlich eine sehr hohe Akzeptanz und Kooperationsbereitschaft bei den Planungen und beim Bau der Leitungen. Alle wissen, es handelt sich hier nicht um individuellen Bedarf, sondern die Frage, wie können wir Versorgungssicherheit in der Bundesrepublik Deutschland gewährleisten.

Entlastung in Ostdeutschland

Aus ostdeutscher Sicht ist die Region Ostfriesland weit weg. Inwieweit betrifft das Projekt auch Ostdeutschland?

Da wir uns in einem Gesamtsystem befinden, entlasten Kapazitäten, die im Westen aufgebaut werden, Leitungssysteme im Osten. Damit spielt auch diese Leitung eine Rolle, um die Versorgung in Ostdeutschland zu gewährleisten.

Der Aufbau einer Flüssiggas-Infrastruktur wird von dem Vorwurf begleitet, so entstünden neue Abhängigkeiten, etwa von den USA. Wie stehen Sie dazu?

Abhängigkeiten kann man dadurch entschärfen, dass möglichst viele Player im Spiel sind. Es ist keine Frage des Stoffes selbst, sondern, wie viele Anbieter es dafür gibt. Wir sehen, dass diejenigen, die das Gas beschaffen, LNG weltweit aus unterschiedlichsten Quellen besorgen. Natürlich entstehen punktuell Abhängigkeiten vom jeweiligen Lieferanten. Man sollte aber in der Lage sein, schnell auf andere Lieferanten ausweichen zu können. In der Vergangenheit war der Anteil russischer Gasmengen an der Versorgung so hoch, dass andere Lieferanten das nicht schnell übernehmen konnten. Mit dem LNG-Gas machen wir es genau umgekehrt.

Also läuft alles super oder gibt es bei der Regierung noch blinde Flecken?

Es ist jetzt äußerst wichtig, diese gemeinsame Aufbruchstimmung, mit einer extrem hohen Geschwindigkeit eine solche Leitung zu bauen, durchzuhalten. Die Unterstützung muss vom ersten bis zum letzten Tag auf diesem hohen Niveau bleiben. Nur dann können wir im nächsten Oktober die Leitung in Betrieb nehmen.

Trotzdem bleibt ein Pferdefuß: Zementiert man mit solchen Leitungen, wie der Ihren, nicht wieder eine Erdgas-Infrastruktur auf Jahrzehnte, obwohl wir uns doch im Rahmen des Klimaschutzes entschieden haben, aus der Erdgasverbrennung auszusteigen?

Die Leitung, die wir bauen, ist von vornherein so gebaut, dass sie für den Wasserstoff-Transport geeignet ist. Diese Leitung wird in wenigen Jahren eine entscheidende Rolle bei der Wasserstoff-Versorgung einnehmen. Man kann sie mit nur geringfügigem Aufwand  für Wasserstoff sofort nutzen. In Wirklichkeit beschleunigen wir also den Umbau in Richtung einer klimaneutralen Gasversorgung.

Es gibt aber auch Experten, die bestreiten, dass man in Erdgasleitungen so einfach Wasserstoff transportieren kann?

In dieser Leitung schon.

Wann rechnen Sie denn mit einer Umstellung auf Wasserstoff?

Das ist schwierig zu sagen, weil wir vom Angebot und vom Verbrauchsbedarf abhängig sind. Aber es könnte sein, dass diese Leitung schon in vier oder fünf Jahren für Wasserstoff genutzt wird. Wir hätten nichts dagegen, wenn Wilhelmshaven zur Drehscheibe für Wasserstoff in Deutschland würde. In jedem Fall wird es dann nicht nur neue Leitungen geben, sondern auch vorhandene Systeme können einfach genutzt werden. So kompliziert ist das nicht. Das ist kein Hexenwerk.

Also rechnen Sie ganz konkret damit, dass diese Leitung noch in diesem Jahrzehnt Wasserstoff transportieren wird?

Ja.

EWE hat ja bereits Wasserstoff-Projekte. In Rüdersdorf wird erprobt, wie Wasserstoff in einem unterirdischen Salzstock eingelagert werden kann. Wie weit sind Sie denn damit?

Die Kaverne ist dicht genug und damit für Wasserstoff geeignet, das wissen wir jetzt. Entsprechende Prüfungen haben das bestätigt. Im nächsten Jahr soll die Testkaverne befüllt werden.

Wasserstoff ist tendenziell explosiv. Müssen sich die Rüdersdorfer Sorgen machen?

Nein. Genau wie Erdgas ist es zwar brennbar, aber die Risiken sind genauso beherrschbar. Diese Leitungssysteme weisen eine extrem hohe Sicherheit auf und werden mit vielen Auflagen gebaut, um jegliches Sicherheitsrisiko auszuschließen. Ich würde jederzeit mein Haus in der Nähe der Leitung bauen.

Zurück zum aktuellen LNG-Leitungsnetz: Wo stehen wir beim Ausbau dieses für Deutschland ja erst seit sehr kurzer Zeit so wichtigen Leitungsnetzes insgesamt?

Wir haben in Deutschland ein sehr gutes Fernleitungsnetz für Erdgas. LNG-Terminals, an denen Schiffe das verflüssigte Erdgas anlanden, machen ja nichts anderes als Gas wieder in seine gasförmige Struktur zurückzubringen und in das vorhandene Leitungsnetz einzuspeisen. Bei den LNG-Terminals handelt es sich eigentlich nur um neue Zugangspunkte zum Erdgasnetz, die mit der vorhandenen Infrastruktur verbunden werden müssen.

Ihre Leitung ist 70 Kilometer lang. Wie viele solche Stückchen fehlen denn noch?

Ich kann nur über den Nordwesten sprechen, aber der wird mit den entstehenden LNG-Terminals in Wilhelmshaven und den vorhandenen Pipelines aus Norwegen und Großbritannien eine Schlüsselregion für deutsche Energieimporte. Mit unserer Leitung werden umfangreiche Transportleitungssysteme mehrerer Anbieter angebunden und wir docken an die vorhandene Transportleitung an. Das ist das fehlende Stück. Im Grunde haben wir damit zusammen mit der OGE-Leitung eine sichere Verteilsituation für die zwei bis drei schwimmenden LNG-Terminals, die in Wilhelmshaven geplant sind, gewährleistet.