Berlin - Im Frühjahr hat Gregor Gysi einen Brief geschrieben. Der einstige Fraktionsvorsitzende beklagte sich bei seinen Nachfolgern Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch darüber, dass er im Bundestag nicht mehr zu Wort komme. Der Streit wurde insofern beigelegt, als der 68-Jährige danach zweimal ans Rednerpult treten durfte. Die Auseinandersetzung zeigte zweifelsfrei: Der Mann will noch was. Was genau er will, entscheidet sich in den kommenden Wochen.

Eine erneute Kandidatur für den Bundestag gilt als sehr wahrscheinlich. „Ich gehe davon aus, dass Gysi noch mal antritt“, sagte ein führendes Fraktionsmitglied dieser Zeitung. Ein „zusätzlicher Reizpunkt“, so heißt es, sei dabei der Umstand, dass ein Regierungswechsel unter linker Beteiligung – sprich: Rot-Rot-Grün – zumindest nicht vollkommen ausgeschlossen sei. Zumindest nicht so ausgeschlossen wie 2013. Gysi persönlich arbeitet seit geraumer Zeit auf eine solche Perspektive hin.

Eine zweite bzw. zusätzliche Möglichkeit wäre, dass der langjährige Star der Partei Vorsitzender der Europäischen Linken wird, wie es sich die deutschen Linken-Chefs Katja Kipping und Bernd Riexinger dem Vernehmen nach wünschen würden. Die Europäische Linke ist ein Zusammenschluss aus 26 Parteien, sieben weitere Parteien haben Beobachterstatus. Gysi könnte dem Franzosen Pierre Laurent nachfolgen, der das Amt 2010 von Lothar Bisky übernahm. Der Vorteil: Gysi hätte wieder ein repräsentatives Amt. Der Nachteil: Die Europäische Linke tritt kaum in Erscheinung und ist ohne Einfluss.

In Berlin taucht sie pro Jahr nur einmal auf – bei einem Jahresauftakt im Januar, der gemeinhin in der Volksbühne stattfindet. Im Übrigen kann Gysi kein Englisch. Dass er es mit bald 70 noch lernt, halten Genossen für ausgeschlossen. „Das wird doch nichts mehr“, sagt ein linker Abgeordneter. Doch immerhin sei eine Kandidatur für das Amt „Bestandteil des Gesamtpakets, über das er nachdenkt“, heißt es aus seinem Umfeld.

Ob Gysi gewählt würde, ist offen. Es gibt auch Überlegungen, jemanden aus den europäischen Schuldenstaaten Griechenland, Portugal und Spanien mit der Aufgabe zu betrauen. Aber gewiss käme der Mann, der derzeit das Dasein eines halben Politpensionärs fristet, in die engere Auswahl. Der Kongress findet Mitte Dezember statt, und zwar – Heimvorteil! – in Berlin.

Gysi selbst ist derzeit noch im Urlaub und arbeitet an seinen Memoiren, die demnächst erscheinen. Ohnehin, sagen Eingeweihte, mache er die Entscheidung über seine Zukunft ganz mit sich selbst aus.