Oh, was haben wir uns über diesen US-Präsidenten aufgeregt. Über seine abenteuerliche Politik. Über seinen Verrat an amerikanischen Werten. Über seinen fragwürdigen Umgang mit der Wahrheit. Man konnte sich auch wunderbar lustig über ihn machen, über seine unbeholfene Art zu reden oder so gehen zu wollen wie ein Cowboy.

Ein verheerendes Erbe

Nein, das ist keine vorweg genommene Rückschau auf Donald Trump. Wir sprechen von George W. Bush, von dem man seinerzeit auch schon dachte, mit ihm sei der Tiefpunkt der US-amerikanischen Politik erreicht. Nun wissen wir: Es geht noch schlimmer. Und das befürchtet offenbar auch der frühere Präsident, denn nach Jahren des Schweigens und einer kleinen Karriere als Hobbymaler greift er auf überraschende Weise wieder in die politische Debatte seines Landes ein.

Er hat ein verheerendes Erbe hinterlassen. Ohne seinen von dreisten Lügen über Massenvernichtungswaffen begleiteten Krieg gegen den irakischen Diktator Saddam Hussein wäre die arabische Welt nicht so aus den Fugen geraten, wären hunderttausende Menschen nicht getötet worden, hätte die Terrortruppe IS keine Existenzgrundlage. Aber immerhin: George W. Bush brüstet sich nicht mit seinen Leistungen. Er erklärt sich nicht zum erfolgreichsten Präsidenten aller Zeiten. Und er ist trotz heftigster Kritik an seiner Politik nie auf die Idee gekommen, die Grundregeln der amerikanischen Demokratie in Frage zu stellen.

Schluss mit gutem Ton

Und nun antwortet er angesichts all der Tabubrüche des neuen Chefs im Weißen Haus selber mit einer Regelverletzung. Es gehörte bislang zum guten Ton unter ehemaligen Präsidenten, die Arbeit ihrer Nachfolger nicht zu kommentieren. Diese Rücksicht hat Bush, der Spross einer der großen Clans der Republikanischen Partei, jetzt aufgegeben. In mehreren Interviews greift er das Vorgehen Trumps scharf an. Er nennt ihn nie beim Namen, aber die Stoßrichtung ist eindeutig. „Es ist ziemlich schwierig, anderen zu sagen, sie bräuchten eine unabhängige, freie Presse, wenn wir selbst nicht bereit sind, eine solche zu akzeptieren“, sagte er angesichts der Angriffe des Präsidenten auf die Medien. Und: „Ich mag den Rassismus und die Beschimpfungen nicht.“

Diese Bemerkungen werden Trump und seine Anhänger wenig beeindrucken, gehört der 70 Jahre alte Mann aus Texas doch zu genau dem politischen Establishment, das sie bekämpfen. Die eigentlichen Adressaten sind die Abgeordneten und Senatoren der Republikaner, die sich bisher vor den Tiraden ihres neuen Präsidenten meistens erschrocken wegducken. Wenn einer der einst Großen ihrer Partei nun öffentlich Position gegen Donald Trump bezieht, könnte das ihren Mut stärken, auch Haltung zu beweisen. Die erste Gelegenheit dafür sollten sie schon am Dienstagabend haben, als der neue Präsident vor dem Kongress für seine Politik werben wollte. George W. Bush aber hat noch eine beruhigende Botschaft an seine Landsleute. „Wir haben solche Zeiten früher schon erlebt und immer einen Weg gefunden, aus ihnen herauszufinden.“ Das letzte Mal haben die Amerikaner Barack Obama zu seinem Nachfolger gewählt.