Charlotte Knobloch ist ein streitbare Dame, doch was kann eine Sprecherin der Juden in Deutschland anderes sein? Dennoch gab es auch eine gewisse Erleichterung in der jüdischen Gemeinschaft, als sie 2010 nicht wieder als Präsidentin des Zentralrates kandidierte. Sie war manchen unbequem. Nun hat sie sich erneut zur Lage der Juden in Deutschland zu Wort gemeldet, und zwar mit der ganzen Vehemenz und Autorität, die einer Überlebenden des Holocaust in diesem Land zu Gebote steht.

Kern der Identität

„Ich frage mich ernsthaft, ob dieses Land uns noch haben will“, schreibt sie in der Süddeutschen Zeitung vom Mittwoch mit Blick auf die Debatte über die Beschneidung, aber nicht nur. Es sei eine Situation, „wie wir sie seit 1945 hierzulande nicht erlebt haben“. Und: „Nicht einmal in meinen Albträumen habe ich geahnt, dass ich mir kurz vor meinem achtzigsten Geburtstag die Frage stellen muss, ob ich den Judenmord überleben durfte, um das erleben zu müssen.“ Sie frage sich, „ob die unzähligen Besserwisser aus Medizin, Rechtswissenschaft, Psychologie oder Politik, die ungehemmt über Kinderquälerei und Traumata schwadronieren, sich überhaupt darüber im Klaren sind, dass sie damit nebenbei die ohnedies verschwindend kleine jüdische Existenz in Deutschland infrage stellen“, kritisiert die Präsidentin der israelitischen Gemeinde München die Debatte. Die Beschneidung sei Kern der jüdischen Identität, stellt Knobloch fest.

Seit sechs Jahrzehnten müsse sie sich rechtfertigen, weil sie in Deutschland geblieben sei, schrieb Knobloch weiter. Sie habe diese Last „immer gerne getragen, weil ich der festen Überzeugung war, dass es dieses Land und seine Menschen verdient haben.“ Doch nun gerieten ihre Grundfesten ins Wanken. „Seit Jahrzehnten erklären wir, warum es trotzdem nicht nur richtig, sondern auch gut ist, in diesem Land zu leben, wir tun das selbst dann noch, wenn in Deutschland Rabbiner oder als Juden erkennbare Juden angepöbelt und krankenhausreif geschlagen werden. Erstmals spüre ich Resignation in mir. (...).

Trotzdem lieben wir dieses Land. Aber es wird wieder Zeit, dass wir für das Vertrauen, das wir hier wagen, neue Bestätigung erhalten. Ich verlange keine Sonderrechte: Sie sind im Positiven so wenig förderlich wie im Negativen. Aber ich fordere Respekt und ein Mindestmaß an Empathie. Das sollte doch drin sein für die Juden in Deutschland.“

Graumann: von Vergangenheit nicht gefangen nehmen lassen

Ihr Nachfolger als Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, wählt meist verbindlichere Worte, denen es an Klarheit freilich auch nicht mangelt. Er sieht jedenfalls keinen Anlass, seine Bewertung jüdischen Lebens in Deutschlands zu revidieren. „Ich bleibe bei meinem Optimismus“, sagte er am Mittwoch der Berliner Zeitung. „Ich trage die Vergangenheit im Herzen, aber die Zukunft im Sinn.“

Natürlich gebe es immer wieder Schläge und Rückschläge, aber davon lasse sich die jüdische Gemeinschaft nicht beirren. „Mit uns muss man rechnen, wir resignieren nicht.“ Zu den Äußerungen Charlotte Knoblochs sagte Graumann: „Mir muss niemand erzählen, wie wichtig die Vergangenheit ist. Daher weiß ich aber auch, wie wichtig es ist, dass man sich davon nicht gefangen nehmen lässt.“

Stephan J. Kramer, Generalsekretär des Zentralrats, steht hingegen zur Intervention Knoblochs. „Ich kann mich den Zweifeln nur anschließen. Und zwar aus dem einfachen Grund, weil ich nicht nur die öffentliche Diskussion miterlebe, sondern auch die Vielzahl an Briefen und Mails lese, die den Zentralrat erreichen, in denen wir auf das übelste diffamiert und beschimpft werden“, sagte er. (mit kek.)