Bisher hatten die Europäer bei ihren immer schlechter laufenden Geschäften auf dem afrikanischen Kontinent stets zwei Gründe zum Trost. Selbst wenn sie Aufträge an chinesische Firmen verloren – was andauernd geschieht –, hieß es, die Afrikaner würden damit auf Dauer nicht glücklich.

Einmal gelten den Europäern chinesische Brücken, Autobahnen und Bürogebäude als qualitativ minderwertig. Und zum zweiten würden Regierungen und Einwohner Afrikas bald merken, dass sie von Peking über den Tisch gezogen wurden: Die Schuldenfalle schnappe zu. Folgeprojekte hätten geringe Chancen. Dann würde Afrika sich wieder vom Osten ab- und gen Norden wenden. Doch diese Zuversicht ist leider unbegründet.

Wie eine groß angelegte Umfrage der Friedrich-Naumann-Stiftung unter mehr als 1000 Entscheidungsträgern aus 25 afrikanischen Staaten und innerhalb der afrikanischen Diaspora in zwölf weiteren Ländern nun belegt, schwindet der Einfluss Europas, der EU und europäischer Unternehmen in Afrika rapide.

BLZ/Galanty ; Quelle: The Africa Perception Report on EU and China

In der Umfrage der FDP-nahen Stiftung wurden unter anderem Manager, Journalisten, Unternehmer, Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen und Beamte befragt. Ihre Antworten zeichnen das Bild eines Europas, das vor allem Ideale zu exportieren sucht, während aus Peking die Bagger und Bohrmaschinen kommen. Es handelt sich um die wohl größte Studie ihrer Art. Sie liegt der Berliner Zeitung exklusiv vor.

Was in dem Report unter dem Namen „Zusammenstoß der Systeme: Afrikanische Wahrnehmungen des Engagements der Europäischen Union und Chinas“ zu lesen ist, dürfte Entscheidungsträger in Brüssel, Paris und Berlin erschüttern. Denn nicht nur sinkt das tatsächliche Volumen der Geschäfte – in fast allen Ländern Afrikas ist China mittlerweile wichtigster Handelspartner und hat sowohl ehemalige Kolonialmächte wie Frankreich und Großbritannien als auch einheimische Exportnationen wie Südafrika verdrängt –, auch das Ansehen der Europäer nimmt ab.

Die Verschiebung hat nicht einmal 20 Jahre gedauert. Im Jahr 2000 war China nur in einer Handvoll Staaten Handelspartner Nummer eins. Trotz ihrer weitreichenden, jahrhundertealten Beziehungen zu Ländern in Afrika fallen EU-Staaten immer weiter zurück. Wobei gerade die Kolonialgeschichte häufig mehr Last als Vorteil darstellt.

Zwar gelten die EU-Staaten vielen afrikanischen Entscheidungsträgern immer noch als grundsätzlich überlegen, was Kultur, Menschenrechte und Transparenz angeht. Doch in den Bereichen Effizienz, Geschwindigkeit, Verlässlichkeit bei Investitionen und Kooperationen läuft die Volksrepublik den Europäern den Rang ab. „Der aggressive Einzug von Chinas ,Wertfreiheitssystem‘, das weitgehend als ,Hardware‘ charakterisiert wird, stellt eine Herausforderung für das ,wertegeleitete System‘ der Europäischen Union dar, das weitgehend als ,Software‘ bezeichnet wird“, heißt es in der Studie.

Im Wesentlichen erklären die Befragten den Erfolg Pekings mit vier Faktoren: schnelle (Investitions-)Entscheidungen, schnelle Umsetzung von Projekten, Nichteinmischung in die Angelegenheiten der afrikanischen Partner und eine höhere Bereitschaft zum Einsatz von Korruption.

Die befragten Afrikaner sind der Ansicht, dass China grundsätzlich schneller zu Entscheidungen über Investitionen gelangt. Das sehen 75,2 Prozent von ihnen so, während 55,8 Prozent das Gleiche über die EU sagen. Auch bei der rechtzeitigen Fertigstellung von Projekten liegt China vorn. Über 80 Prozent der Teilnehmer erklären, China vollende angefangene Projekte rasch. Der EU schreiben das weniger als 70 Prozent der Befragten zu. Klar vorn liegen die Europäer hingegen bei weichen Themen wie Kunst und Kultur (77,6 Prozent für die EU gegenüber 49,2 Prozent für China).

Während die schier endlose Dauer von Projekten durch zahllose Regulierungen, Bürgerbeteiligungen und Ausschreibungsanforderungen auch in Europa bekannt ist, schlägt sie doch in Afrika stärker ins Kontor. „Was bringt es uns, wenn wir keine Straße haben, die aber theoretisch korrekt gebaut würde?“, könnte man sich zwischen Daressalam und Dakar zu Recht fragen. In Europa gibt es meist ältere Infrastruktur-Alternativen. In Afrika ist es manchmal besser, einen chinesischen Flughafen zu haben als gar keinen.

Und was die Qualität der Hardware angeht, erzählt ein Mitarbeiter der Naumann-Stiftung aus Nairobi, dass die Chinesen aus den Erfahrungen ehemals minderwertiger Projekte gelernt haben. „Die chinesische Zugstrecke zwischen Nairobi und Mombasa funktioniert einwandfrei.“ Zwar wisse derzeit niemand, wie die chinesisch finanzierten Infrastrukturprojekte in zehn oder 15 Jahren aussehen. Doch klar sei: „Die Chinesen verfolgen in Afrika eine Langzeitstrategie.“

Gerade jene Eigenschaften ihres Einflusses, derer sich die Europäer häufig rühmen, geraten ihnen in Afrika mittlerweile immer häufiger zum Nachteil. Europas werteorientiere Politik mit Fokus auf Menschenrechte, Demokratie, Bildung, Gesundheit und Nachhaltigkeit sowie hohen Standards bei Qualität, Arbeitsbedingungen und Umweltschutz wird von den Studienteilnehmern zwar einerseits anerkannt, andererseits aber als paternalistisch wahrgenommen.

Circa 65 Prozent der Befragten finden, dass die Chinesen sich nicht in die inneren Angelegenheiten afrikanischer Staaten einmischen. Nur ungefähr die Hälfte der Befragten findet, dass die Europäer das nicht tun. Wobei die Zahlen auch nicht immer schwarz-weiß sind: Fünfzig Prozent der Studienteilnehmer sagen, dass die EU Afrika als ebenbürtig behandle. Das glauben bei China nur circa 36 Prozent.

Spannend auch, was die Studie über weitverbreitete Korruption und Schmiergeldzahlungen zutage fördert. Zwar glauben mehr als 55 Prozent der afrikanischen Entscheidungsträger, dass die Chinesen Korruption einsetzen, um ihre strategischen Ziele zu erreichen. Doch immerhin fast ein Drittel (32,5 Prozent) sieht das Vorgehen auch bei den Europäern.

Nun mögen manche einwerfen, was schere die Europäer in Zeiten, da Krieg in Europa herrscht, China? Ist Russland derzeit nicht die größte Bedrohung? Doch Experten halten die Bedrohung durch Moskau für kurz- bis mittelfristig. Einmal beruhe das gesamte russische Wirtschaftsmodel auf dem Verkauf von Rohstoffen, und anders als die Sowjetunion habe das heutige Russland Entwicklungsländern auch kein eigenes Gesellschaftsmodell anzubieten. Der wahre Wirtschafts- und Systemwettbewerb finde auf Dauer mit dem wirtschaftlich und ideologisch viel potenteren China statt.

Insgesamt beschreiben die Befragten den sich entwickelnden Wettbewerb zwischen der Europäischen Union und China in Afrika häufig mit negativen Begriffen. Von einem „Pulverfass“, „düsterer Zukunft für Afrika“, „wackeligem“ Zustand sprachen sie – und „Zeit, die EU loszuwerden“. Klar scheint, die Europäer können sich auf den vermeintlichen Defiziten der Chinesen nicht mehr ausruhen.

Am Ende stellt sich die Frage, an welchem der vier Kerndefizite die Europäer etwas ändern können – und ändern wollen. Wollen sie schneller entscheiden, schneller umsetzen, wollen sie sich aus innerafrikanischen Angelegenheiten heraushalten, oder etwas mehr bestechen?

Die Studie im Internet: https://shop.freiheit.org/#!/Publikation/1278