Berlin - Berlin feiert in dieser Woche das 30-jährige Jubiläum des Mauerfalls mit Konzerten, Theater, Ausstellungen und Diskussionen. Mehr als 200 Veranstaltungen in sieben Tagen und an sieben Schauplätzen. Wie aber steht es fernab der offiziellen Feierlichkeiten um Einigkeit und Zusammenhalt in der einst geteilten Stadt? Wie sieht es in den Köpfen der Berliner aus?

Das hat die Berliner Zeitung in einer repräsentativen Forsa-Umfrage gefragt. 1008 Berliner standen dem Meinungsforschungsinstitut dafür im Oktober telefonisch Rede und Antwort.

„Die Mauer muss weg“ forderten Demonstranten 1989 bei Montagsdemonstrationen und bauten so den notwendigen Druck auf das DDR-Regime auf, die Grenzen zu öffnen. Acht Prozent der Berliner aber fänden es heute noch gut, wenn das nie passiert wäre. Sie sind der Meinung, dass es besser wäre, wenn die Mauer zwischen Ost und West heute noch stehen würde.

Wähler der Berliner Linken glauben, dass die Einigung zu schnell vollzogen wurde 

Besonders oft wünschen sich Anhänger der rechtspopulistischen AfD und der liberalen FDP die Berliner Mauer zurück – mit 28 beziehungsweise 16 Prozent. Die überwältigende Mehrheit der Berliner – 87 Prozent – ist hingegen froh darüber, dass es das trennende Bollwerk nicht mehr gibt.

Die Gründe für die historische Entwicklung hin zum Mauerfall bis zur Wiedervereinigung sind vielzählig: Die hartnäckigen Proteste der DDR-Bürger spielten ebenso ihre Rolle wie das sowjetische Reformprogramm unter Michail Gorbatschow oder die massive Aufrüstung der USA in den 80er-Jahren. Am Ende stand die deutsche Wiedervereinigung – und das in nur elf Monaten nach dem Mauerfall. Noch heute wird diskutiert: War das alles überstürzt? Verhandelten Ost und West zu wenig auf Augenhöhe? Wurden in der Eile zentrale Fehler gemacht?

Die Berliner sind in der Frage, ob die Wiedervereinigung zu schnell vollzogen wurde, gespalten: 42 Prozent teilen diese Ansicht, 41 Prozent aber nicht. Besonders häufig glauben Wähler der Linken, dass die Einigung zu rasch vorangetrieben wurde – rund 80 Prozent.

Auf dem zweiten Platz der Skeptiker folgen Wähler der AfD mit 54 Prozent. 17 Prozent der Befragten – insbesondere die Jüngeren – trauen sich zu dieser Frage gar keine Einschätzung zu.

91 Prozent der geborenen Ostberliner haben vor allem enge Ostdeutsche Freunde 

Wesentlich deutlicher fällt das Ergebnis auf die Frage aus, ob man sich 30 Jahre nach dem Mauerfall zu den Gewinnern oder den Verlierern der Wiedervereinigung zählt. Mit nur vier Prozent empfinden sich nur sehr wenige Berliner als Verlierer. Mehr als ein Drittel (38 Prozent) zählt sich zu den Gewinnern. 55 Prozent entscheiden sich für die moderate Antwort „weder noch“.

Einen leichten Unterschied macht bei dieser Frage, ob man in Ost- oder Westdeutschland geboren wurde. Die in Ostdeutschland geborenen Berliner zählen sich mit 45 Prozent etwas häufiger zu den Gewinnern der Wiedervereinigung als die Berliner, die in Westdeutschland geboren wurden (34 Prozent).

Auch bei dieser Frage fallen Anhänger der AfD besonders ins Auge: Mit 18 Prozent sind sie diejenigen, die sich überdurchschnittlich häufig als Verlierer der Wiedervereinigung bewerten.

Die AfD ist die einzige Partei, die bei dieser Frage ein zweistelliges Ergebnis verzeichnet. Auf Platz zwei folgen Wähler der Linken mit acht Prozent. Besonders häufig als Gewinner verstehen sich hingegen SPD-, CDU- und FDP-Wähler.

Und wie sieht es im Privaten aus? Hier ist die Trennung nach wie vor strikt – und abhängig davon, wo man selbst aufgewachsen ist: 91 Prozent der in Ostdeutschland geborenen Berliner haben vor allem Ostdeutsche als enge Freunde. Umgekehrt umgeben sich im Westen geborene Berliner zu 82 Prozent vor allem mit Freunden aus dem Westen.

Ein Drittel der Berliner hat noch nie eine Veranstaltung zum Mauerfall besucht 

Der rot-rot-grüne Senat wird den Mauerfall in diesem Jahr auf andere Art feiern als üblich. Zurückgenommener und nachdenklicher sollen die Veranstaltungen ausfallen, mehr kleine Veranstaltungen statt großer Pomp, mehr Anregung zur Reflexion als Anlass zur Party – so der von Kultursenator Klaus Lederer (Linke) formulierte Anspruch.

Und vielleicht ist die Abkehr von Vergnügungen wie Domino-Stein-Schubsen tatsächlich ein überfälliger Schritt: Bisher nämlich hat ein Drittel der Berliner noch nie eine solche Veranstaltung zum Mauerfall besucht.