Nach 45 Jahren Vollzeitjob: In Berlin sieht es für Rentner düster aus

Eine Anfrage der Fraktion Die Linke ergibt: Fast die Hälfte der Menschen in der Hauptstadt muss mit einer Rente von weniger als 1200 Euro rechnen.

Viele Berliner haben im Alter nur sehr wenig Geld.
Viele Berliner haben im Alter nur sehr wenig Geld.Imago/Michael Gstettenbauer

Jahrzehntelang arbeiten und am Ende dann doch nur von einer kleinen Rente leben: Das ist die Perspektive für viele Menschen in Deutschland. Jeder dritte Vollzeitbeschäftigte wird nach derzeitigem Stand auch nach 45 Erwerbsjahren eine Nettorente von weniger als 1200 Euro bekommen. Und das trotz Vollzeitjob.

In Berlin sehen die Zahlen, die der Berliner Zeitung exklusiv vorliegen, nicht besser aus. Hier bekommt aktuell fast die Hälfte aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nach 40 Jahren Vollzeitarbeit weniger als 1200 Euro Rente. Auch bei denen, die 45 Jahre durchhalten, sind es noch 35 Prozent, die mit so wenig Rente auskommen müssen – das ist mehr als jeder Dritte.

Die Zahlen hat der Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag, Dietmar Bartsch, beim Ministerium für Arbeit und Soziales erfragt. Er fordert daher eine große Rentenreform für Deutschland. So müsste ein Vollzeitbeschäftigter in Berlin 3413 Euro brutto im Monat 40 Jahre durchgehend verdienen, um rechnerisch auf 1200 Euro Nettorente zu kommen.

„Das Verhältnis stimmt nicht“, sagte Bartsch der Berliner Zeitung am Donnerstag. „Das, was Arbeitnehmer verdienen, ist vielfach zu niedrig, und das, was sie als Rentner dafür bekommen, ist zu wenig.“ Dass die gesetzliche Rente häufig nicht mehr den Lebensstandard sichert, müsse die Ampel dringend ändern. „Gerade angesichts der galoppierenden Inflation sind deutliche Lohnsteigerungen und eine schrittweise Anhebung des Rentenniveaus auf 53 Prozent geboten“, so Bartsch weiter.

Das wirkt angesichts der demografischen Entwicklung wie Wunschdenken. Denn unter Druck ist das Rentensystem nicht nur wegen der geringen Einkünfte vieler Menschen geraten, die sich später negativ auf die Rente auswirken. In diesem Jahr gehen erstmals mehr Menschen in den Ruhestand als volljährig werden. Und das ist erst der Anfang.

In seiner 15. Bevölkerungsvorausberechnung geht das Statistische Bundesamt davon aus, dass die Zahl der Rentnerinnen und Rentner Mitte der 2030er-Jahre auf 20 Millionen steigt. Das sind vier Millionen mehr als heute. Grund dafür ist, dass die Babyboomer nun in die Jahre kommen.

Dieser Alterungsprozess wird vor allem den Westen des Landes treffen – und die Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen.

Gleichzeitig wird die Zahl der arbeitenden Menschen zwischen 20 und 66 Jahren abnehmen. Gelingt es nicht, die Lücke durch Zuwanderung wenigstens annähernd zu fühlen, sind soziale Probleme in den nächsten Jahrzehnten programmiert. Schon gibt es die ersten Experten, die fordern, dass die Rentenentwicklung von der der Löhne abgekoppelt werden soll. Konkret heißt das, dass eine Erhöhung des Lohnniveaus nicht mehr automatisch Rentenerhöhungen nach sich ziehen soll, wie das bisher der Fall ist.

Die Wirtschaftswissenschaftlerin Monika Schnitzer geht noch weiter. „Wir sollten besonders hohe Renten abschmelzen“, forderte sie in der Süddeutschen Zeitung. „Wer üppige Rentenansprüche erarbeitet hat, bekäme dann etwas weniger.“ Genaue Zahlen nannte sie nicht, doch damit ist das Thema erst einmal in der Welt: Wer viel in die Rentenkasse einbezahlt, könnte künftig bestraft werden. Schnitzer ist eine von fünf sogenannten Wirtschaftsweisen. So wird der Sachverständigenrat genannt, der die Bundesregierung bei der Einschätzung der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung berät. Ihre Forderungen wurden umgehend von Sozialverbänden kritisiert.

Auch aus der SPD kam Ablehnung. Von dort hieß es, das Äquivalenzprinzip sei verfassungsrechtlich geschützt. Danach müssen den eingezahlten Beiträgen auch entsprechende Leistungen gegenüberstehen. Bei den Sozialdemokraten will man am Rentenniveau festhalten. Auch das Renteneintrittsalter soll nicht erhöht werden. Allerdings hatte sich Bundeskanzler Olaf Scholz jüngst dafür ausgesprochen, dass mehr Menschen künftig bis zum Renteneintrittsalter von 67 Jahren arbeiten sollen.

Dennoch scheint eine grundlegende Rentenreform immer unausweichlicher zu werden. Schon jetzt ist der Staat in der Bredouille. Der sogenannte Generationenvertrag funktioniert nämlich längst nicht mehr. Danach zahlen die heute Beschäftigten die Ruhegehälter der Rentner – was aber nur dann klappt, wenn die Zahl auf beiden Seiten entsprechend ausgeglichen ist. Das aber ist längst nicht mehr der Fall. Schon jetzt werden jedes Jahr mehr als 100 Milliarden Euro aus dem Staatshaushalt ins Rentensystem umgeleitet. Dabei wird es angesichts der Bevölkerungsentwicklung nicht bleiben können.

Viele Ökonomen plädieren daher jetzt schon für das von der SPD bisher abgelehnte Renteneintrittsalter von 70 Jahren. Während sich CDU-Chef Friedrich Merz zu dieser Forderung zurückhaltend verhält, plädiert sein Parteikollege Jens Spahn dafür, die Rente an die steigende Lebenserwartung zu koppeln. Jedes zusätzliche Jahr soll nach diesem Vorschlag mit einem Monat mehr Lebensarbeitszeit verrechnet werden.

Linke-Fraktionschef Bartsch hat einen anderen Vorschlag. Er regte eine Rentenkasse wie in Österreich an, wo die durchschnittliche Rente 800 Euro höher ist als in Deutschland. Das sei möglich, weil dort nicht nur Arbeitnehmer und Arbeitgeber einzahlen, sondern alle Bürger mit Erwerbseinkommen – auch Abgeordnete, Beamte, Selbstständige und Manager. „Was Österreich kann, muss auch Deutschland können“, sagte Bartsch.


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