Auswandern in den Kaukasus: Warum so viele junge Russen nach Georgien ziehen

Digitale Nomaden mit neuer Heimat: Rund 40.000 meist junge Russen sind seit Kriegsbeginn nach Georgien geflüchtet – aus politischen und ökonomischen Gründen.

Die Strandpromenade von Batumi mit altem Leuchtturm und Riesenrad
Die Strandpromenade von Batumi mit altem Leuchtturm und Riesenradimago/ Frank Sorge

Ihre Entscheidung habe sie am 25. Februar gefällt, einen Tag nach dem Angriff der russischen Armee auf die Ukraine. Sie habe nicht gezögert. Ihr war klar: Sie muss Russland verlassen. Sofort. Nein, sie sei in Moskau nicht bedroht gewesen. Sie hatte ihren Job, sie hatte ihr Einkommen. Es hätte so weiterlaufen können. Sie habe nur einfach nicht ungewollt das System Putin unterstützen wollen, diesen sinnlosen Krieg in der Ukraine, überhaupt alles in ihrer Heimat, indem sie weiter in Russland bleibt und brav ihre Steuern bezahlt, erklärt sie.

Schon am Abend des 23. Februar, am Vorabend der Invasion, hatte Lisa* geahnt, dass irgendetwas nicht stimmte. Sie berichtet: „Der 23. Februar ist in Russland ein Feiertag, der Tag des Verteidigers des Vaterlandes, an dem wir seit Sowjetzeiten die Militärangehörigen ehren. Ich war bei meinen Eltern. Wir aßen zusammen, wir tranken. Meine Mutter stammt aus Luhansk, für sie ist dieser Tag sehr wichtig. Auf dem Rückweg zu meiner Wohnung sah ich in einer nahe gelegenen Militärbasis zwei Flugzeuge aufsteigen. Ich dachte mir: ‚Wohin fliegen sie? In der Nacht?‘ Heute wissen wir, wohin.“

Lisa, Anfang 30, Brille, rundes Gesicht, buntes Blumenkleid, stammt aus Sibirien. Sie studierte zunächst in Moskau, später ging sie nach Italien und Polen für ein Robotik-Studium. Es folgte die Promotion in Dänemark. Zurück in Moskau begann sie, für einen Londoner Geschäftsmann, der mit Luxuskleidung handelt, als Software-Ingenieurin zu arbeiten. Das tut sie bis heute. Nur: Sie tut das statt in Moskau aus Batumi, der zweitgrößten Stadt in Georgien, direkt am Schwarzen Meer gelegen.

Weshalb Georgien? „Die Frage ist: Auf welcher Seite des Eisernen Vorhangs will man leben? In der freien Welt oder auf der anderen Seite? Ich habe mich entschieden: in der freien“, sagt Lisa mit fester Stimme, in fließendem Englisch. Und eine Rückkehr nach Russland? Wäre die denkbar? Lisa schüttelt den Kopf. „Nein, ich gehe nicht zurück. Nie mehr.“

Arbeiten im georgischen Batumi mit maximaler Web-Geschwindigkeit

Lisa sitzt im Erdgeschoss des ANVD, das ist der Name eines frisch eröffneten Co-Working-Space im Süden von Batumi. Es ist an diesem schwülwarmen Werktag im Juli stark frequentiert. Ob mit oder ohne Kopfhörer: Es herrscht auf beiden Stockwerken Stille. Nur das hektische Tippen auf die Tastaturen ist zu hören. Im Stakkato. Alle arbeiten an ihren Laptops. Hoch konzentriert. Mit maximaler Web-Geschwindigkeit – der superschnellen Glasfaserleitung im ANVD sei Dank.

Das ANVD ist ein beliebter Arbeitsplatz von neu in die Stadt gekommenen Digitalen Nomaden aus Russland. Benannt ist es nach Anna und Vlad, einem jungen Paar aus Weißrussland. Sie starteten ihr Geschäft im Frühjahr, nachdem sie es in ihrer Heimat nicht mehr ausgehalten hätten, wie Anna sagt.

Anna, eine Mittzwanzigerin, braun gebrannt, Pferdeschwanz, erzählt: „Wir haben es in der Nähe von Minsk als Jungunternehmer versucht. Ein Café, ein Laden. Die Steuern waren so hoch! Junge Leute haben in Weißrussland keine Perspektive. Sie haben keine Luft zum Atmen. So sind wir weg.“

Schon vor dem 24. Februar kamen jährlich Hunderttausende Urlauber aus Moskau, St. Petersburg und anderswo in die ehemalige Sowjetrepublik. In die Hauptstadt Tiflis mit ihren zahlreichen Sehenswürdigkeiten, in den zentralgeorgischen Ort Gori, wo 1878 ein gewisser Josef Wissarionowitsch Stalin zur Welt kam und wo sich ein Museum samt Denkmal befindet, das dem Diktator bis heute huldigt. Oder eben nach Batumi, die pulsierende Stadt ganz im Südwesten des Landes mit 170.000 Einwohnern. Viele Wolkenkratzer gibt es hier, gerade erst fertiggestellt oder noch im Bau, eine atemberaubende Skyline und viele Spielcasinos, gilt sie längst als „Las Vegas des Ostens“.

Überall in den Straßen von Batumi hört man Russisch, auch außerhalb der Urlaubszeit. Schätzungsweise 40.000 Russinnen und Russen sollen seit dem 24. Februar in das Kaukasus-Land Georgien geflohen sein – aus politischen wie ökonomischen Gründen. Meist sind es junge Menschen, Städter aus dem europäischen Teil Russlands, gut ausgebildet, weltoffen, mit teilweise exzellenten Englischkenntnissen. Viele sind in der Hightechbranche tätig, sie können als Digitale Nomaden überall arbeiten. Ein Laptop reicht, egal wo.

Der Braindrain – die Flucht der klugen Köpfe – hat dermaßen bedrohliche Ausmaße angenommen, dass in Russland in der IT-Branche mittlerweile deutlich höhere Bezüge gezahlt werden, um die noch verbliebenen Arbeitskräfte halten zu können.

Für Georgien braucht man kein Einreisevisum

Dass ausgerechnet das so kleine wie arme Georgien mit seinen nur 3,7 Millionen Einwohnern für sie die erste Wahl ist, um ihrer Heimat den Rücken zu kehren, wenigstens solange der Krieg in der Ukraine währt, hat gute Gründe: Für Bürger fast aller Länder der Welt fordert Georgien kein Einreisevisum. Das gilt auch für Russen, bis heute. Ferner kann man ein ganzes Jahr ohne jegliche Bedingungen bleiben. Nach zwölf Monaten reicht es, für einen Tag in ein anderes Land auszureisen, um dann wieder ein ganzes Jahr lang in Georgien bleiben zu können. Einfacher geht es nicht.

Georgien kann zudem auch sehr modern sein. In Windeseile kann man ein Unternehmen gründen, ein Bankkonto hat man in 15 Minuten, Debit- oder Kreditkarten inbegriffen. Alles ist digitalisiert. Im globalen „Ease of Doing Business Index“ der Weltbank landete Georgien im Jahr 2020 auf Rang sieben unter 190 Ländern. Bürokratieabbau im großen Stil, niedrige Steuern, geringe Kriminalität: Georgien will attraktiv für Geschäftstüchtige aus aller Welt sein.

Obendrein ist Georgien noch vergleichsweise erschwinglich, nur die Mieten haben sich mit der Masseneinwanderung im Eiltempo ab Februar deutlich erhöht. Kostete eine kleine Wohnung in den Großstädten in guter Lage zuvor noch umgerechnet höchstens 400 Euro pro Monat, sind dafür nun plötzlich das Doppelte oder mehr zu berappen.

Hinzu kommt, dass fast alle Georgier fließend Russisch sprechen. Die gute, alte Sowjetunion lässt grüßen. Die Russen fühlen sich also in Georgien wie zu Hause, zumal sie das Schwarze Meer und die Architektur vieler Sowjetbauten prompt an ihre Heimat erinnern.

In ganz Georgien sind ukrainische Flaggen zu sehen

Dabei ist das bilaterale Verhältnis zwischen Tiflis und Moskau eher belastet. Im August 2008 besetzten Truppen der Russischen Föderation Südossetien im Norden Georgiens sowie Abchasien ganz im Nordwesten. Zuvor wollte Georgien der Nato beitreten – ohne Erfolg. Seither sind 20 Prozent des georgischen Territoriums okkupiert, russische Truppen stehen nur 40 Kilometer von Tiflis entfernt. Die Gebiete scheinen für Georgien für immer verloren.

In die EU will das Land im Kaukasus sowieso schon lange. Doch das wird noch lange dauern. Kein Wunder, dass sich daher faktisch alle Georgier seit dem Angriff Russlands mit der Ukraine solidarisieren.

Das sieht man. Überall. Im ganzen Land hängen demonstrativ ukrainische Flaggen von Balkonen, Wände sind in Blau und Gelb bemalt, Aufkleber mit dem Spruch „Slava Ukraini“ prangen auf Windschutzscheiben von Autos und Lastkraftwagen, blau-gelbe Bänder schmücken das Kopfhaar, Sticker in den ukrainischen Nationalfarben machen klar, wie man sich positioniert.

Spontan möchte man meinen, die neuen Einwanderer aus Russland, dem verhassten Besatzer, wären in Georgien unerwünscht. Doch die Mehrheit der traditionell gastfreundlichen Georgier heißt sie willkommen. „Das sind Leute wie du und ich. Sie können doch nichts dafür, was sich in der Politik abspielt, was die ganz oben wollen. Und sie sind hier, weil sie gegen den Krieg in der Ukraine und Putin sind. Das sagen sie uns auch“, sagt ein Kellner in einem Restaurant in Batumis Altstadt. Gerade hat er am Nebentisch reichlich georgischen Wein serviert. Es sind junge Russen, die dort sitzen. Sie feiern ihren Exodus in den Kaukasus.

* Der Nachname ist der Redaktion bekannt.