Amokfahrt in Berlin: Wie werden Opfer und Zeugen mit dem Trauma fertig?

Nach tragischen Ereignissen wie im Juni steht der Täter im Fokus. Doch was macht das mit den Betroffenen? Ein Gespräch mit der Trauma-Expertin Kathlen Priebe.

Blumen für die Opfer einer Amokfahrt auf dem Tauentzien: Was bleibt zurück von einer schrecklichen Gewalttat wie der Anfang Juni in Berlin?
Blumen für die Opfer einer Amokfahrt auf dem Tauentzien: Was bleibt zurück von einer schrecklichen Gewalttat wie der Anfang Juni in Berlin?Berliner Zeitung/Markus Wächter

Fast auf den Tag genau vor vier Monaten rast auf dem Berliner Tauentzien ein Auto in eine Gruppe von Schülern und Lehrern auf Klassenfahrt. Eine Frau stirbt, Menschen werden zum Teil lebensgefährlich verletzt, viele zu Zeugen dieser Tat. Was macht so ein schreckliches Ereignis mit Opfern und Beobachtern? Wie werden sie mit dem Trauma fertig? Lässt es sich überhaupt heilen? Ein Gespräch mit der psychologischen Psychotherapeutin Dr. Kathlen Priebe von der Berliner Charité. 

Frau Priebe, das Wort Trauma wird umgangssprachlich oft benutzt, aber was genau ist das, ein Trauma? Und wodurch wird es ausgelöst?

Wir sprechen von potenziell traumatisierenden Ereignissen: Einem Menschen wird Gewalt angetan oder angedroht. Das kann körperliche oder sexuelle Gewalt sein, Tod sogar. Auch Unfälle, Naturkatastrophen oder Kriegserfahrungen können traumatisieren. Oder ein Mensch beobachtet Gewalttaten. Als Augenzeuge einer Amokfahrt zum Beispiel wie Anfang Juni auf dem Tauentzien in Berlin. Solche potenziell traumatisierenden Ereignisse können dann psychische Folgesymptome hervorrufen.

Welche zum Beispiel?

Man unterscheidet zwischen kurzfristigen und langfristigen Folgen. Kurzfristig sind sehr viele Reaktionen möglich und auch ganz normal. Man würde sie nicht als krankhaft bezeichnen. Manche Menschen fühlen sich taub. Andere können sich schlecht konzentrieren. Wiederum andere haben Schlafstörungen. Manche fühlen sich emotional sehr aufgewühlt und haben intensive Gefühle. Bei der großen Mehrheit der Betroffenen klingen diese kurzfristigen Reaktionen innerhalb der ersten Wochen ab. Sie entwickeln keine psychische Erkrankung.

Und was passiert bei Menschen, die krank werden?

Eine häufige Folgeerkrankung ist die posttraumatische Belastungsstörung. Betroffene können aber auch Depressionen entwickeln oder Angststörungen. Manche Menschen neigen dann zur Selbstmedikation, das heißt: Sie greifen zu Substanzen, von denen sie sich Linderung der Symptome versprechen, wie Alkohol zum Beispiel. Suchterkrankungen können die Folge sein.

Infobox image
Charité
Zur Person
Kathlen Priebe ist Psychologische Psychotherapeutin und leitende Psychologin an der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité am St. Hedwig-Krankenhaus in Berlin-Mitte. Sie leitet dort eine traumaspezifische Tagesklinik und eine Akuttrauma-Ambulanz therapeutisch. Sie forscht derzeit zur Psychopathologie und Psychotherapie der Komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung und Dissoziativer Störungen.

Machen nicht alle Menschen irgendwann einmal in ihrem Leben so ein potenziell traumatisierendes Ereignis durch?

Die große Mehrheit, und wie gesagt: Die allermeisten Betroffenen werden davon nicht krank. Wir Menschen sind sehr resilient. Wir sind es von unserer Entwicklungsgeschichte her gewohnt, solche Ereignisse zu verarbeiten.

Wie viele Menschen entwickeln trotzdem eine posttraumatische Belastungsstörung?

Fünf bis zehn Prozent. Langjährige Traumatisierungen und menschenverursachte Ereignisse sind mit einem höheren Risiko assoziiert. Das Fehlen von sozialer Unterstützung sowie viele Folgeprobleme wie Gerichtsverfahren, Jobverlust, körperliche Einschränkungen sind weitere Risikofaktoren für die Entwicklung einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Gehen Männer eigentlich anders mit potenziell traumatisierenden Ereignissen um als Frauen?

Tatsächlich leiden Frauen häufiger unter einer posttraumatischen Belastungsstörung als Männer.

Wie kommt das?

Es gibt dafür unterschiedliche Hypothesen. Sexualisierte Gewalt ist ein Faktor, der bei Frauen stärker eine Rolle spielt. Diskutiert wird auch eine biologische Verwundbarkeit. Eine weitere Annahme ist, dass Männer andere Trauma-Folgestörungen entwickeln, dass sie anders damit umgehen, explosiver reagieren, aggressiver sind, auch mehr Suchterkrankungen entwickeln.

Woran erkennt man eine posttraumatische Belastungsstörung?

Eines der Kernsymptome ist das Wiedererleben der traumatischen Erfahrung und der dazugehörigen Emotionen.

Sogenannte Flashbacks?

Das kann eine Form des Wiedererlebens sein, ja. Generell haben die Betroffenen sehr intensive, sich aufdrängende, belastende Erinnerungen, immer wieder, tagsüber oder nachts als Albträume. Manchmal fühlen sich diese Erinnerungen sehr lebendig an, werden als sehr echt erlebt. In diesen Fällen spricht man von einem Flashback.

Wie äußert sich eine posttraumatische Belastungsstörung noch?

Ein zweites Kernsymptom ist, dass die Betroffenen versuchen, den Erinnerungen aus dem Weg zu gehen, weil die Gefühle zu intensiv sind, die Gefühle die Menschen förmlich überfluten. Diese Menschen schränken ihren Lebensspielraum ein, vermeiden Aktivitäten oder Orte oder andere Dinge, die sie an ein traumatisches Ereignis erinnern.

Ein Augenzeuge der Amokfahrt auf dem Tauentzien zum Beispiel meidet diese Straße künftig?

Das wäre durchaus eine mögliche Vermeidungsstrategie. Ein drittes Kernsymptom ist eine hohe Anspannung, eine Übererregung.

Wie äußert sich die?

Es kommt – wie bei den Kurzzeitfolgen – zu Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen oder sogenannter Hypervigilanz, einer erhöhten Aufmerksamkeit also. Die Betroffenen sind immer ein bisschen auf dem Sprung, haben Angst vor Gefahren.

Wie lange kann so etwas nachwirken?

Bei einem relativ großen Teil der Betroffenen legen sich die Symptome im Verlauf des ersten Jahres. Man spricht dabei von Spontanremissionen. Diese Menschen verarbeiten das potenziell traumatisierende Ereignis ohne Psychotherapie oder Medikamente, nur eben etwas verzögert. Diejenigen, bei denen nach anderthalb, zwei Jahren keine Besserung eintritt, haben oft chronifizierte Verläufe.

Was bedeutet das?

Bei ihnen gilt nicht mehr: Zeit heilt alle Wunden. Ohne therapeutische Hilfe sind die Beschwerden oft chronisch.

Wie gut wirkt eine solche Psychotherapie?

Die Erfolgsquoten sind relativ hoch. Sie liegen bei 60 bis 70 Prozent.

Wenn Psychotherapie so gut wirkt, müssen dann überhaupt Medikamente eingesetzt werden?

Bei zusätzlichen Schlafstörungen oder Depressionen können sie eine Therapie unterstützen, aber die Psychotherapie ist die Methode der Wahl. Deswegen raten wir allen, die langfristig unter den Folgen eines traumatisierenden Ereignisses leiden, sich professionelle Hilfe zu suchen.

Können die Ereignisse auch ein Leben lang nachwirken?

Wir gehen davon aus, dass Spuren im Leben von Menschen zurückbleiben, die wiederholt schlimme Erfahrungen machen mussten. In der Kindheit und Jugend zum Beispiel, das kann auch sexualisierte Gewalt sein. Oder bei Menschen, die als Erwachsene über viele Jahre mit Gewalt in der Ehe konfrontiert waren oder Kriegserfahrungen gemacht haben. Diese Spuren erfüllen zwar nicht immer zwangsläufig die Kriterien einer psychischen Erkrankung, aber wir würden auch nicht sagen, dass sich solche Erfahrungen einfach wegwischen lassen.

Ein Trauma kann auch kommende Generationen belasten

Können traumatische Erfahrungen vererbt werden? Könnte meine Mutter beispielsweise, wenn sie durch einen Krieg traumatisiert wurde, dieses Trauma auf mich übertragen?

Man weiß, dass Menschen mit posttraumatischen Belastungsstörungen auch biologische Veränderungen haben. In der Stress-Achse etwa, einem System, das Stress aktiviert. Man findet auch Veränderungen im Gehirn, in Strukturen beispielsweise, die mit dem Gedächtnis zusammenhängen. Auch in den Arealen des Gehirns, die für unsere Gefühlsverarbeitung verantwortlich sind. Und man weiß, dass es epigenetische Narben geben kann.

Also können posttraumatische Belastungsstörungen tatsächlich vererbt werden?

Nicht direkt die posttraumatische Belastungsstörung. Aber sehr wahrscheinlich die Anfälligkeit, bei bestimmten Erfahrungen psychische Symptome und Störungen zu entwickeln. Die Wissenschaft geht davon aus, dass sich biologische Anlagen nicht automatisch in einem Verhalten äußern, sie verfolgt einen epigenetischen Ansatz.

Was bedeutet epigenetisch?

Die Umwelt entscheidet am Ende, welche genetischen Anlagen zum Tragen kommen. Kinder von Menschen, die Trauma-Folgestörungen entwickelt haben, haben bei bestimmten Umwelteinflüssen ein erhöhtes Risiko, psychische Symptome zu entwickeln. Zu diesen epigenetischen Auffälligkeiten wird gerade sehr intensiv geforscht. Es gibt noch keine klaren Antworten, die sich in wenigen Sätzen formulieren ließen. Klar ist hingegen, dass über die Erziehung Erfahrungen weitergegeben werden.

Wie funktioniert das?

Zum einen über das sogenannte Modell-Lernen: Wenn Menschen sehr ängstlich sind, in der Dunkelheit etwa, sehr schreckhaft, sehr stark befürchten, dass ihnen etwas zustoßen könnte im Alltag, dass die Welt sehr gefährlich ist, dann leben sie das ihren Kindern vor. Zum anderen ist die Ansprechbarkeit, Sensitivität, Resonanz in der Beziehung zum Kind von Bedeutung: Menschen mit Angst und Stress fällt es manchmal schwerer, die Gefühle der Kinder wahrzunehmen und dann angemessen darauf zu reagieren.

Welche Therapien helfen wem?

Zur Behandlung der posttraumatischen Belastungsstörung wird eine sogenannte traumafokussierende Therapie empfohlen. Man setzt sich mit der Erinnerung auseinander oder mit den Auslösereizen.

Das heißt, man geht an den Ort zurück, an dem man Gewalt erfahren oder beobachtet hat?

Zum Beispiel. Der zweite Ansatz ist, dass sich die Betroffenen mit der Bedeutung auseinandersetzen, die ein solches Ereignis für sie hat. Man weiß, dass sie ihre Grundannahmen verändern.

Dass Menschen Weltmeister im Verdrängen sind, stimmt nicht

Grundannahmen?

Die Betroffenen denken anders über sich selbst, über die Welt, haben das Gefühl, sie können niemandem mehr trauen. Sie befürchten, dass ihnen jederzeit etwas Schlimmes passieren kann.

Aber es heißt doch, dass wir Menschen Weltmeister im Verdrängen sind. Ist das falsch?

Diese Art Alltagspsychologie, die behauptet, dass wir schlimme Dinge oft vergessen oder verdrängen, stimmt nicht. Sie ist wissenschaftlich nicht haltbar. Die Folge von schlimmen Ereignissen ist eher ein viel zu gutes Erinnern.