Sie sind friedlich, aber ihre Aktionen muten radikal an. Hier tragen Aktivisten von Extinction Rebellion das Klima symbolisch zu Grabe.
Foto: Michele Tantussi, AFP

BerlinUngemütlich ist es am Dienstagmorgen, es nieselt, der Himmel ist grau. Kein Vergleich zum Tag zuvor, als die Sonne sich in den goldenen Rettungsdecken, in die sich Klimaaktivisten eingewickelt hatten, widerspiegelte und die Seifenblasen in bunten Farben glitzern ließ. Kein Wetter, um im Schneidersitz im Kreis zu sitzen, Gitarre zu spielen und Lieder zu singen.

Die ganze Nacht haben Dutzende Demonstranten der Umweltorganisation Extinction Rebellion (XR) am Potsdamer Platz und am Großen Stern ausgeharrt und die Straßen weiter für den Verkehr blockiert.

Badewannen zersägt

Am Abend zuvor hatte die Polizei noch versucht, den Potsdamer Platz zu räumen, sich dann aber zurückgezogen. Wohl auch um die eigenen Kräfte zu schonen. Denn spätestens am Dienstagmorgen war auch klar, warum: Die Aktivisten hatten sich angekettet – an Badewannen gefüllt mit Beton und an die Achsen von Lkw. Oder sie   waren festgeklebt an einer hölzernen Bienenwabe, die die Klimaschützer am Montag aufgebaut hatten.

Und so machten die Beamten sich gegen halb zehn daran, die sogenannten Lock-Ons aufzulösen. Badewannen wurden zersägt, Aktivisten vorsichtig aus der Verkettung gelöst – und unter „Ihr-seid-nicht-allein“-Gesängen anderer Demonstranten von der Polizei in Gewahrsam genommen. Die Aktivisten ließen sich ohne Widerstände abtransportieren. Festnahmen gab es keine. Um 12 Uhr war der Potsdamer Platz wieder frei, am Großen Stern floß der Verkehr nach der Räumung am Nachmittag teilweise wieder.   Hunderte Demonstranten hatten sich zu mehreren Sitzblockaden formiert. Bis zu 1000 Demonstranten hatten sich an der Siegessäule versammelt. Nach und nach wurden sie von den Beamten weggetragen. Rund 600 Beamte waren im Einsatz.

Schon früh versuchten die Aktivisten, über die Messengerdienste ihre „Rebellen“, wie sie sich selbst nennen, zu mobilisieren. Überhaupt funktioniert die Organisation in diesen Tagen hauptsächlich über die sozialen Medien. In regelmäßigen Abständen werden Zwischenberichte, Videos oder Hinweise von Extinction Rebellion verschickt. Mal geht es um fehlende Schlafsäcke oder warme Getränke, dann um die nächsten Blockade-Aktionen. „Es ist mit baldiger Räumung zu rechnen! Schnappt euch Bezugsgruppen, Freunde und Verwandte sowie Regenschirme und Capes und kommt vorbei“, heißt es am Dienstag um elf Uhr beim Messengerdienst Telegramm, in dem knapp 8000 Abonnenten die News von Extinction Rebellion verfolgen. Zehn verschiedene WhatsApp-Gruppen sind freigeschaltet – jede Gruppe hat 265 Mitglieder. Hinzu kommen Gruppen in Englisch. Wie viele Klimaaktivisten insgesamt in der Stadt unterwegs sind, ist schwer zu sagen. Im Klimacamp sprachen die Organisatoren von etwa 2200 Menschen.

Die „Rebellen“ sollen sich dabei in Bezugsgruppen mit vier bis zwölf Personen organisieren – auf der Homepage finden sich dazu Anweisungen, Handbücher, Songbücher, Verhaltenstipps, auch für Verhaftungen. Dort kann man sich auch den „Rebellionskonsens“ mit Prinzipien und Forderungen: Alles soll gewaltfrei verlaufen, keine Aktionen unter Drogen und Alkohol, die Teilnehmer sollen ihr Gesicht zeigen, denn „wir stehen mit unserem Gesicht und unserem Namen zu dem, was wir tun“, heißt es. Die symbolischen Bienen, die man auf den Abbildungen findet, werden in einem Video erklärt: Es geht nicht um die eine große Aktion, stattdessen wolle man wie „Bienen ausschwärmen“ und mit vielen kleinen Aktionen zivilen Ungehorsam ausüben.

Auch die Räumung am Potsdamer Platz bleibt gewaltfrei, sie wirkt teilweise ein wenig bizarr: Da reicht ein Polizist in voller Montur   einem Aktivisten noch einen Keks, dort rückt einer das Kopfkissen zurecht und stopft die vom Wind verwehte Rettungsdecke unter die Beine. Ein Aktivist bringt Frühstück, „allerdings nicht vegan“, sagt er entschuldigend. Wer im Team „Well-Being“ (Wohlbefinden) ist, kümmert sich um die, die gerade blockieren.

Radikal? Dogmatisch?

Es scheint zeitweise so, als ob hinter der Organisation ein gewaltiger Verwaltungsapparat steckt, der die Aktivisten lenkt. Dabei agieren keine Chefs im Hintergrund, auch wenn der britische Extinction-Rebellion-Gründer Roger Hallam, der gerade in Großbritannien in Untersuchungshaft sitzt, durchaus in Reden immer wieder erwähnt wird. Daher scheiden sich bei der Bewertung der Organisation auch die Geister. Zu radikal, finden viele, weil sie zu weit gingen. Wer dann junge Frauen in Elfenkostümen sieht, die mit Blättern in den Haaren barfuß durch den Regen laufen, wird es vielleicht schwer haben, diese Attributzuweisung aufrecht zu erhalten.

Zu negativ und dogmatisch, sagen andere, weil die Klimaaktivisten mit apokalyptischen Ängsten spielten. Soziologin Jutta Ditfurth verglich die Bewegung gar mit einer „religiösen-gewaltfreien esoterische Sekte“. Und CDU-Fraktion fragt beim Verfassungsschutz offiziell an, ob Extinction Rebellion als extremistische Organisation einzuschätzen sei. Manch einer ist auch der Ansicht, die „Rebellen“ würden den Erfolg der Fridays-for-future-Bewegung zunichte machen. Dazu hat Luise Neubauer von Fridays for future eine klare Haltung: Man müsse von der Frage wegkommen, wie man protestiere, sagt sie im ZDF. Stattdessen sollte man sich fragen, warum die Menschen protestierten.