BerlinDresden, Nizza, Paris, Wien – die islamistisch motivierten Terroranschläge häufen sich. Ein Phänomen, das auch Thomas Mücke mit Sorge beobachtet. Seit über 30 Jahren arbeitet er mit islamistischen Gefährdern zusammen. Der Täter aus Dresden, der Anfang Oktober zwei Männer angriff, befand sich zum Zeitpunkt des Attentats in einem Deradikalisierungsprogramm seiner Organisation.

Berliner Zeitung: Herr Mücke, hätte man den Terroranschlag am zweiten November in Wien verhindern können?

Thomas Mücke: Der Täter war ja ein vorbestrafter IS-Sympathisant, wurde aber zu dem Zeitpunkt der Tat nicht mehr als Gefährder von den Sicherheitsbehörden eingestuft. Es gab allerdings den Hinweis der slowakischen Polizei, dass sich der Täter zuvor Munition besorgt hatte. Die Frage, warum da nicht gehandelt wurde, ist berechtigt. Man muss den Fall in Wien nun sorgfältig prüfen.

Der Täter wurde vorzeitig aus der Haft entlassen und das entsprechende Deradikalisierungsprogramm beendet. Ist diese Entscheidung zu vorschnell getroffen worden?

Es ist noch zu früh, da eine Einschätzung zu geben. Die Gefährder werden nicht einfach so aus dem Deradikalisierungsprogramm entlassen. Es kommen immer verschiedene Einschätzungen zusammen und am Ende entscheidet der Richter. Die Anstalt gibt nur eine Empfehlung. Es gibt gewisse Kriterien, die man bei den Gefährdern prüft: das Verhalten, die Aussagen, die Identitätsentwicklung. Der Täter in Wien schien glaubwürdig zu sein und hat sich einsichtig gezeigt. Aber das ist aus der Ferne schwer zu beurteilen.

Auch in Dresden kam es Anfang Oktober zu einem Anschlag. Der Attentäter Abdullah A.H.H. war zu der Zeit in einem Deradikalisierungsprogramm Ihrer Organisation – wie konnte es dazu kommen?

Der Täter in Dresden hatte den Gefährderstatus inne – das ist auch der große Unterschied zu dem Fall in Wien. Die Sicherheitsbehörden haben ihn ganz klar als Gefährder eingestuft. Daher wurde er auch von der Polizei bewacht und befand sich in unserem Programm. Das Problem ist, zu erkennen: Gibt es eine unmittelbare Bedrohungssituation? Das ist ganz schwierig zu erfassen. Unsere Mitarbeiter waren überrascht von dem Verhalten des Täters in Dresden.

Inwiefern?

Der Gefährder hat nur einen Tag nach dem Mord unsere Mitarbeiter in Dresden angerufen. Es gab dann noch drei sehr intensive Treffen: Am 7., 13. und 19. Oktober. Am 21. wurde er festgenommen. Das Erschreckende: Wir haben bei diesen Treffen nichts Verdächtiges gespürt. Wir achten immer sehr auf das Verhalten der Gefährder, auf ihre Körpersprache. Man merkt jemandem normalerweise an, dass er eine Tat begangen hat – die Verunsicherung, die emotionale Belastung. Das war in diesem Fall gar nicht so. Die Kollegen hatten mit Abdullah sogar ein Gespräch in der Nähe des Tatorts. Da hat er noch nicht einmal mit der Wimper gezuckt. Das ist schon ungewöhnlich. Wir haben dann sofort überprüft, ob wir etwas übersehen haben.

Und haben Sie das?

Nein. Wir sind alles durchgegangen: die Gespräche, sein Verhalten. Doch wir haben den Punkt nicht gefunden, der auf eine akute Gefahr hingewiesen hätte. Das beunruhigt mich. Wir können eben nicht in jeden Menschen hineinschauen, da kann man so professionell sein, wie man will.

Hätte die Polizei den Gefährder näher und mehr beobachten müssen?

Man kann keine Person so beobachten, dass sie keine Straftaten begehen wird. Ein Messer kann man in Sekundenschnelle zücken. So schnell kann keiner eingreifen. Der Täter in Dresden wusste auch, dass er beobachtet wird, und hatte sich sogar bei uns darüber beschwert. Um einen einzigen Gefährder rund um die Uhr zu bewachen, braucht man 30 bis 50 Polizisten pro Woche. Alleine in Österreich gibt es derzeit gut 600 Gefährder. Wo soll das Personal für die Überwachung herkommen? Es gibt keine hundertprozentige Sicherheit, das muss man sich vergegenwärtigen. Was aber schon sehr auffällt bei den aktuellen Anschlägen, ist: Es sind alles Attentäter, die bereits vorher aufgefallen sind und eine kriminelle Vorgeschichte aufweisen.

Viele fordern eine Abschiebung der Gefährder. Was halten Sie von diesem Vorschlag?

Nicht viel. Der Boomerang kann zurückkommen. Die abgeschobenen Gefährder sagen sich dann: Jetzt erst recht. Sie lassen sich militärisch ausbilden und kommen zurück. Wir würden damit nur neue Risiken schaffen. Wir haben in den vergangenen Jahren in Deutschland ein sehr gutes System aufgebaut. Wir schauen jetzt nur auf die Fälle, die passieren. Aber wir sehen nicht, wie viele Fälle verhindert worden sind. Ich denke, wir sollten daher keine Maßnahmen, wie Abschiebungen, treffen. Auf jede Maßnahme folgt ein neues Risiko.

Quelle: Violence Prevention Network
Zur Person

Thomas Mücke, geboren 1958, ist Mitbegründer und Geschäftsführer von Violence Prevention Network (VPN) in Berlin. Die NGO arbeitet bundesweit mit Landes- und Justizministerien zusammen und kümmert sich um die Deradikalisierung von rechtsextremistisch und islamistisch gefährdeten Jugendlichen. Der studierte Pädagoge und Politologe arbeitet bereits seit über 30 Jahren mit islamistischen Gefährdern.

Dresden, Nizza, Paris, Wien – warum häufen sich die islamistischen Anschläge zurzeit?

Man nennt das den inspirierten Terrorismus. Durch ein einzelnes Attentat fühlen sich andere motiviert, dieses nachzuahmen. Wir haben es mit Tätern zu tun, die sich nicht miteinander absprechen. Es sind Einzeltäter, junge Männer, die sich selbst radikalisieren. Deswegen können wir auch sagen: Wir wissen nicht, ob diese Welle anhält. Das Risiko für weitere Anschläge ist da. Corona befördert das Ganze nur noch.

Wie meinen Sie das?

Durch die Pandemie ist die Verunsicherung in der Bevölkerung da. Extremisten und Terroristen nutzen das aus. Sie wollen mit Terroranschlägen eine weitere Verängstigung der Bevölkerung hervorrufen. Es geht ja auch nie um den Anschlag selbst, sondern immer darum, wie die Reaktion darauf ist. Das Ziel der Terroristen und Extremisten ist, die Spaltung der Gesellschaft voranzutreiben. Aufgrund der Lockdown-Maßnahmen gibt es auch viel mehr Menschen in einer Isolationsphase, die mehr im Internet unterwegs sind. Das nutzen Terroristen aus, um neue Leute zu rekrutieren.

Was können wir dagegen tun?

Die Propagandisten versuchen, die Menschen der Gesellschaft zu entfremden und sie an sich zu binden. Daher müssen wir in die Diskussion gehen mit den Menschen. Das ist die Aufgabe von Präventionsarbeit, von politischer Bildungsarbeit. Wir brauchen Auseinandersetzungen in den Schulen. Das ist ganz wichtig. Die Schweigeminute ist die eine Sache. Wir müssen aber vor allem mit den jungen Menschen reden. Es ist auch nicht immer die Ideologie alleine. Oft stecken hinter einer Radikalisierung soziale und emotionale Konfliktlagen. Die müssen wir erkennen. Das ist ein komplexer Prozess. Die Deradikalisierungsarbeit dauert oft mehrere Jahre. Wir schauen uns genau an: Was hat zu der Radikalisierung geführt.

Mit welchem Gefühl blicken sie auf die nächsten Wochen?

Wir hoffen natürlich, dass die Anschlagswelle zu Ende ist. Aber das Risiko ist da. Und natürlich muss man jetzt eine erhöhte Aufmerksamkeit in allen Arbeitsbereichen haben. Wir müssen nun schauen: Haben wir alles gut im Blick. Es ist wichtig, dass wir jetzt in der Mehrheitsgesellschaft zusammenhalten. Das haben die Österreicher in den letzten Tagen schön gezeigt. Wir dürfen uns nicht von der Spaltung mitreißen lassen. Sonst erreichen die Terroristen im Nachhinein ihre Ziele, die sie sich gesetzt haben.