Extremistische Gesinnungen: Nazi-Frauen werden unterschätzt

Berlin - Seit einem Jahr steht Beate Zschäpe jetzt vor dem Oberlandesgericht München, um sich für die Taten des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) zu verantworten. Da die 39-jährige Thüringerin schweigt, ist ihr Anteil am Werk der Gruppe schwer zu überschauen. Ungeachtet des Ausgangs des Prozesses warnt die Amadeu-Antonio-Stiftung jedoch davor, die Rolle von Frauen in der rechtsextremistischen Szene zu unterschätzen. Dies ergibt sich aus einer von der Stiftung herausgegebenen Analyse, die am Montag vorgestellt wurde.

Ein Grund für die Warnung ist Zschäpe. So wies eine Anwältin der Nebenklage im NSU-Prozess, Antonia von der Behrens, darauf hin, dass diese schon früh eine einschlägige Rolle spielte. Zschäpe habe in den Neunzigerjahren, als die Gruppe noch in Jena lebte, in mindestens zwei Fällen persönlich Gewalt angewandt und sei eine Waffennärrin gewesen. An der rechtsextremistischen Ideologie halte sie fest. Zschäpe sei mehr als die „Freundin von“ – in diesem Fall Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos.

Richter Götzl fällt rein

Und: Zschäpe ist nicht allein. Experten gehen davon aus, dass die militante Szene zu einem Drittel aus Frauen besteht und bis zu zehn Prozent der rechtsextremistischen Straf- und Gewalttaten von Frauen begangen werden. Im Münchner Gerichtssaal gäben sich die Frauen mal selbstbewusst, mal wehleidig, aber stets unwissend, hat von der Behrens beobachtet. In einem Fall sei der Vorsitzende Richter Manfred Götzl dem Schauspiel auf den Leim gegangen und habe eine weinende Zeugin gegen die Fragen der Nebenkläger in Schutz genommen.

Die Rolle rechtsextremistischer Frauen werde jedenfalls falsch bewertet. Dabei habe auch der Nationalsozialismus ohne Frauen nicht existieren können. Man ordne das Aggressiv-Böse dennoch eher Männern zu, sagte Esther Lehnert von der Fachstelle Gender und Rechtsextremismus. Der Gerichtsbeobachter Ulrich Overdieck berichtete, dass Bayerns Polizei bei einer ersten Rasterfahndung nach den Tätern der NSU-Mordserie zwar mutmaßte, dass es sich um Rechtsextremisten handeln könnte. Frauen wurden allerdings einfach aus der Fahndung ausgesondert. Die konnten es ja nicht gewesen sein.

Heike Radvan, ebenfalls von der Fachstelle Gender und Rechtsextremismus, mahnte: „Es braucht eine andere Aufmerksamkeit für das Thema.“ Weit über Zschäpe hinaus.