Die deutschen Fachärzte mahnen zu mehr Gelassenheit in der Debatte um den Impfstoff von Astrazeneca: Dirk Heinrich, HNO-Arzt und Vorsitzender des Vorstandes des Spitzenverbands Fachärzte Deutschlands, sagte der Berliner Zeitung: „Wir haben neue Impfstoffe, von denen wir wissen, dass sie gut sind und wirken. Wir wissen aber auch, dass die Impfstoffe neu sind, und die müssen wir uns eben genau ansehen.“

Den vorübergehenden Stopp von Astrazeneca sieht Heinrich als ein positives Zeichen: „Wir beobachten alle Fälle ganz genau. Da gibt es zunächst vier Fälle mit Thrombosen, die sind noch im Rahmen der Toleranzbreite. Und dann kommen zwei dazu und sofort meldet sich das Paul-Ehrlich-Institut und sagt: Das müssen wir uns jetzt noch einmal genau ansehen. Der Stopp zeigt, dass unser System funktioniert. Diese vertrauensbildende Maßnahme ist doch eine Auszeichnung für unser System.“ Heinrich sagt, es sei in gewisser Hinsicht „ein Vorteil, dass wir später dran sind als andere Länder“. Denn so könne Deutschland von den Erfahrungen profitieren, die andere Länder wie etwa Israel und Großbritannien mit dem Impfstoff machten: „Wir tauschen uns ständig aus, auch auf internationaler Ebene. Je länger die Impfkampagne weltweit läuft, desto besser wissen wir Bescheid. Der Austausch der Fachinformationen läuft reibungslos.“

Eine kurzfristige Unterbrechung des Impfvorgangs hält Heinrich für nicht problematisch, im Gegenteil: „Es ist doch wesentlich vernünftiger, rechtzeitig zu stoppen und abzuklären, ob ein Problem vorliegt. Wir können doch nicht weiterimpfen und nach 14 Tagen sagen, dass es Vorfälle gegeben hat, von denen wir schon wussten.“

Heinrich ist überzeugt, dass das Meldesystem der Nebenwirkungen funktioniert: „Die Meldung der Nebenwirkungen erfolgt nach einem gesetzlich festgeschriebenen System. Die Patienten melden uns ungewöhnliche Nebenwirkungen. Ein Tag Fieber ist eine zu erwartende normale Impfreaktion und nicht meldepflichtig, Lähmungserscheinungen zum Beispiel müssen gemeldet werden. Die Ärzte in den Impfzentren sind verpflichtet, jede dieser Unregelmäßigkeiten an das Paul-Ehrlich-Institut zu melden. Auch die Hausärzte sind verpflichtet, jede ernst zu nehmende Nebenwirkung an das Paul-Ehrlich-Institut zu melden, wenn Patienten eine solche im Zusammenhang mit einer Impfung berichten.“

Streit zwischen Hausärzten und Impfärzten „absurd“

Heinrich sagt, dass auch in den Impfzentren eine umfangreiche Beratung stattfindet: „Auch an den Impfzentren wird nur durch Ärzte beraten bzw. geimpft, die speziell von uns geschult worden sind. Diese führen dann mit jedem zu Impfenden ein Aufklärungsgespräch durch. Es werden die für die Impfung notwendigen Fragen gestellt und mit dem Patienten durchgegangen.“ Solche Gespräche könnten zwischen fünf und 20 Minuten dauern, „im Schnitt etwa sechs bis sieben Minuten“, so Heinrich.

Heinrich hält den in den vergangenen Tagen aufgekommenen Streit zwischen Hausärzten und Impfärzten für „absurd“: „Die Impfzentren sind nur so lange notwendig, solange wir nicht genug Impfstoff haben. Wir müssen nämlich schauen, dass wir nicht am Freitagabend Impfstoff wegwerfen müssen, weil er nicht verimpft wurde. Sobald genug Impfstoff da ist, werden selbstverständlich die Praxen der Haus- und Fachärzte die ersten Adressen für die Impfung sein.“

Heinrich glaubt nicht, dass die Ärzte von der Industrie in irgendeiner Weise unter Druck gesetzt werden: „In Deutschland gibt es keinen Druck der Pharmaindustrie auf die Ärzteschaft. Dieses Phänomen kennen wir eher aus den USA. Die Pharmafirmen arbeiten sehr gut mit uns zusammen und geben uns alle Informationen, die wir brauchen.“

Der HNO-Arzt und Chef des Spitzenverbands Fachärzte Deutschlands hält es für möglich, dass Corona-Impfungen künftig regelmäßig nötig sein könnten: „Wir gehen davon aus, dass die Wirkung einer Impfung länger anhält als die überstandene Krankheit. Hier wissen wir, dass etwa acht Monate nach einer Krankheit Antikörper vorhanden sind. Daher dürfte es so sein, dass eine Corona-Impfung ein Jahr hält, womit eine jährliche Impfung wahrscheinlich ist. Genau wissen wir das aber eben noch nicht.“ Ob die Impfung auch gegen Mutanten hilft, ist allerdings unklar. Heinrich: „Das wissen wir einfach auch noch nicht.“ Auch sei unklar, ob das Virus nicht eines Tages verschwinden werde. Dies sei bei der Spanischen Grippe der Fall gewesen, die nach der dritten Welle verschwunden sei. Die Herdenimmunität durch ausreichende Impfungen würde denselben Effekt erzielen, so Heinrich.