Berlin - Die eine Fluchtursache gibt es nicht. Nicht den einen Grund, weswegen sich Menschen auf den beschwerlichen und oft lebensgefährlichen Weg in ein anderes Land machen. Zwar fliehen die meisten Männer, Frauen und Kinder vor bewaffneten Konflikten aus ihrer Heimat, eng damit verbunden sind aber in der Regel drohende Perspektivlosigkeit und Armut. Auch indirekte Faktoren wie Naturkatastrophen als Folgen des Klimawandels, Überschwemmungen oder Dürreperioden, treiben Menschen weg von ihrem Zuhause.

„Kein Mensch begibt sich freiwillig auf die Flucht“, sagte Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) bei der Vorstellung des Berichts der Fachkommission Fluchtursachen am Dienstag in Berlin. „Die Flüchtlingskrise ist noch nicht vorbei.“ So habe sich die Zahl der Flüchtlinge zwischen 2010 und 2019 auf 20,4 Millionen nahezu verdoppelt.

Klimawandel als indirekte Fluchtursache

2019 hatte die Bundesregierung die unabhängige Fachkommission „Fluchtursachen“ unter der Leitung von Gerda Hasselfeldt, Präsidentin des Deutschen Roten Kreuzes, und Bärbel Dieckmann, ehemalige Präsidentin der Welthungerhilfe, eingesetzt. Sie soll Lösungsvorschläge für die Minderung der Fluchtursachen erarbeiten. Konkret fordern die 24 Mitglieder der Kommission zum Beispiel eine entschiedenere Unterstützung von Entwicklungsländern beim Kampf gegen den Klimawandel und eine bessere Berücksichtigung der besonderen Lage von Binnenvertriebenen.

„Solange strukturelle Ursachen wie soziale Ungleichheit, fehlende Einkommensmöglichkeiten, fehlende soziale Absicherung, politische Verfolgung, Unterdrückung und Gewalt bestimmend sind, werden sich Menschen auf den Weg machen“, sagte die  Co-Kommissionsvorsitzende Bärbel Dieckmann.

Die wenigsten Menschen kommen nach Europa

Ein Weg, der die meisten Menschen laut Fachkommission übrigens nicht nach Europa führt. Die große Mehrheit der Geflüchteten suche in den Nachbarländern oder als Binnenflüchtlinge im eigenen Land Schutz. Die Zahl der in Deutschland ankommenden Flüchtlinge ist nach 2015 hingegen gesunken.

Zu den Handlungsempfehlungen der Fachkommission gehört auch die Einrichtung einer sogenannten „Allianz für Resettlement“, derzufolge sich die EU-Mitgliedstaaten, aber auch andere Partnerländer, verpflichten würden, pro Jahr eine Zahl von Geflüchteten aufzunehmen, die 0,05 Prozent der eigenen Bevölkerung entspricht. Im Falle von Deutschland wären das im Jahr 40.000 Menschen.

Bundesminister Müller wandte sich mit deutlicher Kritik auch in Richtung Brüssel: Die EU-Kommission tue zu wenig, um die Herkunftsländer der geflüchteten Menschen zu unterstützen. Die Aussetzung der EU-Seenotrettung bezeichnete der Minister als „fatal“. Damit habe man zugelassen, dass das Mittelmeer zu einem „Meer des Todes“ geworden sei.

6000 Migranten aus Marokko erreichen Ceuta

Es gelte, vor allem den Nachbarländern Europas besondere Aufmerksamkeit zu schenken, sagte der Minister. „Wir können nicht zuschauen, wie sich die Situation in Marokko, Tunesien oder im Libanon zuspitzt. Wir müssen vor Ort handeln, statt darauf zu warten, bis sich die Menschen auf die Flucht begeben, weil sie in ihrem eigenen Land keine Perspektive mehr haben.“

Erst am Dienstagmorgen waren in der spanischen Exklave Ceuta rund 6000 Migranten aus Marokko angekommen; Marokko hatte die Kontrolle der angrenzenden Strände ausgesetzt. Tausende nutzten die Chance, um an der Küste bis zum Grenzzaun vorzudringen, von dem aus sie nur noch um eine Mole herumschwimmen müssen, um Ceuta zu erreichen.