Berlin - Kann Big Data – also das großformatige Sammeln, Speichern, Transformieren und Aufbereiten von Daten – einen Wahlkampf entscheiden? Die Datenfirma Cambridge Analytica jedenfalls behauptete das Ende des letzten Jahres. Nach ihren eigenen Aussagen konnte US-Präsident Donald Trump nur ins Weiße Haus einziehen, weil die Firma umfangreiche Psychogramme der Wähler erstellen ließ – und so gezielte und personalisierte Wahlwerbung adressieren konnte.

Inzwischen ist die Firma teilweise zurückgerudert, viele Analytiker und Netzexperten haben die Behauptungen in zahlreichen Artikeln widerlegt oder zumindest sehr kritisch unter die Lupe genommen. „Eine linke Verschwörungstheorie“, sagte Mathias Richel, Creative Director bei Torben, Lucie und die gelbe Gefahr (TLGG), am Freitag beim Kongress „Data & Politics“ von der Initiative D21. Es gebe keinen geheimen Algorithmus. Das sei ziemlich unwahrscheinlich, sagte auch Frank Pörschman, Vizepräsident von Digital Analytics Association. Trotzdem dürfe man den „Kern dieser Geschichte nicht unterschätzen“.

Parteien werden nervös

Big Data und Wahlkampf ist in aller Munde – auch in Deutschland. In sechs Monaten wird gewählt. Die Ereignisse in den USA haben auch hierzulande viele Parteien quasi gezwungen, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen und sich zu positionieren – und sie nervös werden lassen. Es geht auch um Fake News, um Social Media und um Social Bots, kleine Programme, die automatisiert Nachrichten verschicken. Die kleinen künstlichen Wahlhelfer sollen während der ersten TV-Debatte in den USA mehr als jeden dritten Pro-Trump-Tweet bei Twitter abgesetzt haben.

Kurze Zeit später erklärten fast alle Parteien in Deutschland, dass sie während des Wahlkampfs in Deutschland auf den Einsatz von derartigen Meinungsrobotern verzichten wollten - nur die AfD hatte dies wohl kurz in Erwägung gezogen, doch auch sie ruderte wieder zurück.

Am Freitag hieß es, dass die CDU nun überlege, Chat Bots einzusetzen, um zum Beispiel Kundenfragen zu beantworten. Das jedenfalls hatte der CDU-Generalsekretär Peter Tauber in der NDR-Dokumentation "Nervöse Republik" erklärt, die im April ausgestrahlt wird. Chat Bots könnten dann beispielsweise über Messengerfunktionen automatisch Textantworten geben, ohne dass ein Mensch dahinter sitzt. Solche Chatfunktionen kommen zum Beispiel bisher im Kundenservice zum Einsatz, wo maßgeschneiderte Textbausteine auf Antworten verschickt werden. Sie sind nicht mit Meinungsrobotern gleichzusetzen.

Kein „schmutziger Wahlkampf“ in Deutschland

„Wir wissen noch nicht, ob wir das machen“, sagte dazu am Freitag Stefan Hennewig, Kampagnen- und Marketingleiter der CDU. Er sieht es problematisch, wenn solche Social Bots den Eindruck erweckten, dass echte Menschen dahintersteckten. Denn dadurch würden Themen gesetzt und verstärkt.

Bei der Saarland-Wahl habe man vielmehr auf den „üblichen Mix aus Online- und Offlineansprachen“ gesetzt, erzählt Hennewig. Ein schmutziger Wahlkampf so wie in den USA, das spiele „für die etablierten Parteien“ in Deutschland keine Rolle, glaubt er.

„Wir können doch nicht unsere eigenen Prinzipien verletzten“, sagte auch Robert Heinrich, Wahlkampfmanager der Grünen. Gerade die Grünen versuchten sich im Bereich Datenschutz ja möglichst progressiv aufzustellen. Das wichtigste Instrument sei weiterhin die Glaubwürdigkeit. „Wir wollen einen fairen Wahlkampf“, sagte Heinrich und appellierte auch an die anderen Parteien, sich an gemeinsame Standards zu halten.

Grüne wehren sich mit „Netzfeuerwehr“

Trotzdem arbeite man mit Datenexperten zusammen. Denn dieser Wahlkampf habe schon „eine neue Qualität von Schmutz und Dreck“, erklärte der grüne Wahlkampfexperte.

Seit einiger Zeit hätten die Grünen nun auch eine sogenannte Netzfeuerwehr. Diese besteht aus rund 2000 grünen Aktivisten, die in den Communitys aktiv werden und aufklären, wenn wieder einmal Lügen oder gefälschte Postings auftauchen. Hintergrund für diese Idee war ein Posting mit Unwahrheiten, das kurz vor einem grünen Parteitag verbreitet wurde. In dem Profil hatte sich der Urheber des Beitrags, der mehr als 2000 Mal geteilt wurde, als Grüner ausgegeben.