Eine Gruppe von Migranten versucht, das Meer zu überqueren.
Foto: dpa/Gareth Fuller/PA Media

BerlinFünf Jahre ist es her, dass Angela Merkel ihren inzwischen berühmt gewordenen Satz sagte. Die Frage, ob wir es tatsächlich geschafft haben, ob die Integration von rund einer Million Menschen in Deutschland gelungen ist, wurde seither viele Male heftig und oft emotional diskutiert. Doch wie steht es tatsächlich um die Menschen, die vor fünf Jahren in Deutschland Schutz suchten? Zeit für einen objektiven Blick auf die Fakten.

Wie viele Menschen kamen nach Deutschland - und wo sind sie jetzt?

Die höchste Zahl an Asylbewerbern (745.545) seit Anbeginn der Bundesrepublik kam im Jahr 2016 nach Deutschland. 2015 waren knapp 300.000 weniger Asylanträge gestellt worden. Eine solche Welle hat es annähernd nur 23 Jahre zuvor gegeben, im Jahr 1992, mit 438.191 Asylanträgen. Seit 1953 haben circa 5,9 Millionen Menschen einen Asylantrag in Deutschland gestellt, davon die überwiegende Mehrheit von 5 Millionen ab 1990, 1,7 Millionen waren es ab 2015. Seit 2017 sind die Asylanträge rückläufig, liegen jedoch noch immer sechsstellig über den Zahlen zwischen 2004 und 2012.

Nach dem Königsteiner Schlüssel muss Berlin aktuell 5,1 Prozent der Asylbewerber aufnehmen, real waren es 2019 mit 8221 Anträgen 5,8 Prozent. Im Jahr 2016 wurden in der Hauptstadt 27.247 Anträge (3,8 Prozent) gestellt. Brandenburg muss der Quote nach drei Prozent aufnehmen: Im vergangenen Jahr wurden dort 4151 Anträge gestellt, 2016 waren es noch 18.112. In absoluten Zahlen kamen die meisten Asylbewerber (196.734) nach Nordrhein-Westfalen. 

Im Juli 2020 waren nach Angaben des Bundesinnenministeriums 272.000 Menschen ausreisepflichtig. Davon sind jedoch 221.000 Personen geduldet. Doch viele akzeptieren die Entscheidungen nicht. Knapp eine viertel Million Asylklagen lagen im Mai dieses Jahres bei den deutschen Gerichten. Im vergangenen Jahr wurden dort 14,5 Prozent aller Entscheide des BAMF aufgehoben. Im Jahr 2017 waren es noch 22 Prozent, 2015 lediglich 4,2 Prozent.

Woher kamen die Zuwanderer der letzten fünf Jahre?

Die meisten Asylbewerber der vergangenen vier Jahre stammen nach Angaben des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge aus Syrien, beziehungsweise der arabischen Republik. Im ersten Halbjahr 2020 stammen ein Drittel aller Asylanträge von Syrern. Auf Platz zwei der meisten Staatsangehörigkeiten liegt der Irak. Die Herkunftsstaaten Afghanistan, Türkei, Nigeria, Iran rangierten in den vergangenen vier Jahren nah beieinander. Auf Platz sieben sind die Fälle mit ungeklärten Staatsangehörigkeiten. Danach folgen Somalia, Eritrea und Georgien. 2015 und 2016 hingegen waren statt der Türkei, Georgien und Somalia die Länder Albanien, Pakistan und die Russische Föderation in der Liste der zehn Hauptherkunftsstaaten

BLZ/Hecher; Quelle: BAMF

Haben die Menschen Arbeit gefunden?

Tatsächlich ist die Erwerbsquote von Geflüchteten seit 2015 kontinuierlich gestiegen. Lag sie im Jahr 2016 bei durchschnittlich 14 Prozent, stieg dieser Wert im Jahr 2018 um 29 Prozentpunkte auf durchschnittlich 43 Prozent. 2020 gingen fast 50 Prozent der Zuwanderer einer Arbeit nach oder hatten eine Ausbildungsstelle gefunden.

Einer Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zufolge haben 68 Prozent der erwerbstätigen Geflüchteten eine Vollzeit- oder Teilzeitarbeit, 17 Prozent gehen einer bezahlten Ausbildung nach und drei Prozent einem bezahlten Praktikum. Zwölf Prozent sind geringfügig beschäftigt.

Die Studie zeigt auch, dass Männer deutlich häufiger eine Arbeitsstelle gefunden haben als Frauen. Allerdings geht das Gefälle mit steigender Aufenthaltsdauer zurück: Laut IAB waren zwei Jahre nach dem Zuzug 25 Prozent der Männer, aber nur fünf Prozent der Frauen erwerbstätig, fünf Jahre nach dem Zuzug 57 Prozent der Männer und 29 Prozent der Frauen.

Doch wie gut ein Mensch auf dem Arbeitsmarkt angekommen ist, hängt nicht nur mit der reinen Erwerbstätigkeit zusammen, sondern auch damit, ob sie den eigenen Erwartungen entspricht. In einem aus vier Teilstudien bestehenden Bericht hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin untersucht, mit welchen Erwartungen Geflüchtete nach Deutschland kamen.

Die Ergebnisse: Zwei von drei Geflüchteten schätzten 2016 ihre Chancen, bereits zwei Jahre später erwerbstätig zu sein, als hoch ein. Ein Drittel der Geflüchteten hatte eher keine Beschäftigung erwartet. Während sich für rund die Hälfte der Geflüchteten ihre – positiven wie negativen – Erwartungen bestätigt haben, konnte etwa ein Drittel anders als erhofft keinen Arbeitsplatz finden.

Und wie steht es um den Bildungsgrad der Geflüchteten? Gemessen am Bildungsniveau in Deutschland haben die Menschen, die in den letzten fünf Jahren ins Land kamen, einen etwas geringeren Bildungsstand. Allerdings gehört die Mehrheit von ihnen zum gebildeteren Teil ihres jeweiligen Herkunftslandes. So gehörten laut DIW etwa 75 Prozent der syrischen und 66 Prozent der afghanischen Zuwanderer zur besser gebildeten Hälfte der Menschen in ihren Herkunftsländern.

Wie steht es um das Einwanderungsgesetz?

Im Zuge der Flüchtlingskrise 2015 nahm auch die Diskussion um ein Einwanderungsgesetz an Fahrt auf. Seit dem 1. März dieses Jahres ist das sogenannte Fachkräfteeinwanderungsgesetz Realität. Mit dem Gesetz will die GroKo „den Rahmen für eine gezielte und gesteigerte Zuwanderung von qualifizierten Fachkräften aus Nicht-EU-Ländern“ schaffen, wie das BMI auf seiner Webseite schreibt. Ziel sei es, das Problem des Fachkräftemangels zu lösen. So sollen beispielsweise IT-Fachkräfte ohne Abschluss Zugang zum Arbeitsmarkt bekommen, sofern sie Berufserfahrung haben. Auch die Vorrangprüfung für ähnlich qualifizierte Bewerber aus Deutschland und der EU entfällt. Allein 2015 kamen 1.125.419 Menschen aus Drittstaaten nach Deutschland, lediglich 38.836 von ihnen als Arbeitsmigranten. 2018 erhöhte sich diese Zahl auf 60.857 Personen, wie eine Auswertung der Bertelsmann-Stiftung zeigt.

Schon die FDP machte sich im Bundestagswahlkampf 2017 für ein entsprechendes Gesetz stark. Auch die Grünen forderten es. Das Gesetz der GroKo weise ihrer Meinung nach jedoch Schwachstellen auf. „Für viele Einwanderungswillige stellt das Zuständigkeitswirrwarr zwischen vielen Stellen und Behörden weiterhin eine große Herausforderung dar“, sagt Filiz Polat, Sprecherin für Migration der Grünen im Bundestag, der Berliner Zeitung. Die Regierung habe die komplexen Verfahren zur Anerkennung der Berufsabschlüsse und damit das größte Hindernis bei der Fachkräfteeinwanderung nicht angetastet. „Gerade für kleine und mittlere Unternehmen ist es fast unmöglich, Arbeitskräfte aus dem Ausland zu bekommen - weil sie den bürokratischen Dschungel kaum durchblicken können.“

Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz ist laut Polat kein „modernes Einwanderungsgesetz“. Sie fordert weniger Bürokratie, mehr Transparenz und eine Vereinfachung des Familiennachzugs für Arbeitsmigranten. „Wir schlagen in unserem Entwurf für ein Einwanderungsgesetz eine Talentkarte vor, analog zum Punktesystem in den klassischen Einwanderungsländern.“